Moskau zeigt sich zufrieden mit dem Tempo seiner Eroberungen in der Ukraine. Kiew befürchtet eine neue Grossoffensive im Donbass. In der Nacht greift Russland wieder mit Drohnen und Raketen an.

Nach Angaben aus Kiew plant Russland eine weitere grosse Offensive im ostukrainischen Industriegebiet Donbass. Der Vorstoss könne im Raum um die Stadt Pokrowsk erfolgen, warnte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj laut der Nachrichtenagentur Interfax Ukraine bei einem Gespräch mit Medienvertretern. "Die Konzentration (an Truppen) dort liegt bei bis zu 100.000, das ist das, was wir heute Morgen haben", sagte er. Die russischen Truppen bereiteten den Vorstoss vor. Aber die Ukraine sei darauf vorbereitet und die Lage unter Kontrolle, sagte Selenskyj.

Erneut Kampfdrohnen und Raketen gegen ukrainische Städte

Das russische Militär griff unterdessen in der Nacht eine Reihe von ukrainischen Städten mit Kampfdrohnen und Marschflugkörpern an. Vor allem Saporischschja und Dnipro hatten die Angreifer diesmal im Visier. Die beiden Städte wurden nach Medienberichten von schweren Explosionen erschüttert. Auch aus Kiew und anderen Städten wurden Angriffe mit Kamikaze-Drohnen gemeldet, die mit Sprengladungen versehen ins Ziel gesteuert werden.

In Saporischschja sind nach Behördenangaben mindestens ein Mensch getötet und 22 weitere verletzt worden. Unter den Verletzten seien auch drei Kinder, teilte der Gouverneur des Gebiets, Iwan Fedorow, bei Telegram mit. 14 mehrgeschossige Wohnhäuser und mehr als 40 Privathäuser seien während der nächtlichen Attacke beschädigt worden. Die Gebäude seien von der Strom- und Gasversorgung abgeschnitten.

Es habe mindestens zwölf Angriffe mit verschiedenen Waffen gegeben, sagte Fedorow, der auch Fotos und Videos von den Schäden veröffentlichte. Russland hatte das Gebiet Saporischschja 2022 annektiert und kontrolliert es nicht vollständig. Die Gebietshauptstadt Saporischschja ist weiter unter ukrainischer Kontrolle.

Auch im Gebiet Dnipropetrowsk berichteten die Behörden von zahlreichen Schäden an der Infrastruktur und von mehreren Bränden nach russischen Drohnen- und Raketenangriffen. Über mögliche Opfer war zunächst nichts bekannt.

Ukraine und Russland berichten von Drohnenschlägen

Die ukrainische Flugabwehr meldete am Morgen, dass Russland insgesamt mit 537 Drohnen, 37 Marschflugkörpern und 9 ballistischen Raketen angegriffen habe. Die meisten Flugziele seien unschädlich gemacht worden. Es habe aber auch Einschläge und den Absturz von Trümmern abgeschossener Waffen gegeben, hiess es.

Das russische Verteidigungsministerium meldete am Morgen, dass in verschiedenen Regionen insgesamt 86 Drohnen abgeschossen worden seien. Die Angaben sind unabhängig nicht überprüfbar. Zu möglichen Einschlägen und Schäden machte das Ministerium wie immer keine Angaben.

Russen wollen Pokrowsk einnehmen

Im Fokus steht auch Pokrowsk - eine Bergarbeiterstadt im Süden der Region Donezk, die vor dem Krieg rund 60.000 Einwohner hatte. Nach monatelanger Belagerung und ständigem Beschuss leben mittlerweile nur noch wenige Menschen dort. Allerdings ist es den russischen Truppen bislang nicht gelungen, den strategisch wichtigen Verkehrsknotenpunkt einzunehmen.

Eine Krise in diesem Frontabschnitt zu Monatsbeginn hat die Ukraine inzwischen überwunden. Ein kilometerlanger Durchbruch der Russen wurde gestoppt. Mit Gegenangriffen ist es den Verteidigern gelungen, Teile der russischen Truppen zu isolieren.

Region Donezk für Putin wichtig

Die Region Donezk hat für die russische Kriegsführung Priorität. Bei den jüngsten Gesprächen zwischen Kremlchef Wladimir Putin und US-Präsident Donald Trump soll der Russe von Kiew die Aufgabe der Region als Bedingung für ein Einfrieren des Frontverlaufs an anderer Stelle gefordert haben.

Die Stunde der Europäer im Ukraine-Krieg?

Lange sah es bei den Verhandlungen zwischen den USA, Russland und der Ukraine so aus, als ob die Europäer aussen vor blieben. Seit dem jüngsten Ukraine-Gipfel in Washington scheint sich dies geändert zu haben. Nun müssen die Europäer zeigen, dass sie die Rolle auch besetzen können - etwa bei den Treffen der EU-Verteidigungs- und Aussenminister in Kopenhagen.

Offiziell belegt ist die Forderung nicht, allerdings hatte Russland den Krieg vor inzwischen dreieinhalb Jahren mit der Prämisse begonnen, die damals nur zu einem kleinen Teil von prorussischen Separatisten gehaltenen Regionen gänzlich von der Ukraine abzuspalten. Erst später erweiterte der Kreml seine Gebietsansprüche auch auf die im Süden der Ukraine gelegenen Regionen Cherson und Saporischschja.

Russen verweisen auf grosse Geländegewinne

Zuletzt konnten russische Truppen vor allem im Süden der Region Donezk Boden gutmachen. Inzwischen sind sie teilweise sogar in die benachbarte Region Dnipropetrowsk vorgestossen. Nach Darstellung des russischen Verteidigungsministers Andrej Beloussow läuft Moskaus Eroberungskrieg erfolgreich und hat zuletzt deutlich an Fahrt gewonnen. "Wenn wir zu Jahresbeginn jeden Monat 300 bis 400 Quadratkilometer befreit haben, so sind es jetzt 600 bis 700", sagte Beloussow bei einer Sitzung des Ministeriums. Zum Vergleich: Die Stadt Hamburg hat eine Fläche von 755 Quadratkilometern.

Zufrieden zeigte sich Beloussow auch mit den russischen Luftangriffen auf die Ukraine. In diesem Jahr seien bereits 35 solcher massiven Luftschläge gegen 146 strategisch wichtige Objekte des Gegners erfolgt. Dadurch sei die militärische Infrastruktur der Ukraine stark geschwächt worden, sagte er. Erst am Vortag hatte Russland unter anderem die Hauptstadt Kiew massiv beschossen – und dabei nach jüngsten ukrainischen Angaben mindestens 25 Zivilisten getötet.

Beloussow zufolge belaufen sich die Verluste des ukrainischen Militärs in diesem Jahr auf 340.000 Soldaten. Die Zahlen des Ministers lassen sich nicht unabhängig überprüfen - und Angaben zu eigenen Verlusten machte er nicht. In der Vergangenheit haben beide Kriegsparteien zumeist gegnerische Verluste übertrieben und die eigenen unter den Tisch gekehrt oder zumindest kleingeredet.

Verhandlungen stocken

Die russische Invasion läuft seit dreieinhalb Jahren. Inzwischen kontrolliert Moskau einschliesslich der bereits 2014 annektierten Halbinsel Krim etwa ein Fünftel des ukrainischen Staatsgebiets. Zwar wurden im Mai erstmals seit drei Jahren wieder direkte Verhandlungen zwischen den Kriegsparteien aufgenommen. Bislang gibt es aber keinen Durchbruch.

Kiew wirft Moskau vor, die Verhandlungen zu verschleppen, um eine militärische Entscheidung zu erzwingen. Selbst bei dem von Beloussow genannten Tempo der Eroberungen würde es aber noch rund 60 Jahre dauern, ehe das russische Militär den Nachbarstaat ganz eingenommen hätte.

USA verkaufen Patriot-Luftabwehr an Dänemark

Die USA sind zur Lieferung mehrerer Patriot-Flugabwehrsysteme und anderer Waffen an den Nato-Partner Dänemark bereit, der die Ukraine im Abwehrkampf unterstützen will. Das Aussenministerium in Washington genehmigte den milliardenschweren Deal, der neben sechs Abschussrampen auch Radar- und Leitsysteme sowie entsprechende Raketen umfasst.

Dänemark und andere Nato-Mitglieder wollen die Ukraine im Krieg gegen den Angreifer Russland mit hochmodernen Waffensystemen unterstützen. Da Deutschlands nördlicher Nachbar selbst keine Patriot-Systeme besitzt, muss Dänemark die Waffen in den USA kaufen.

Kiew hat seine westlichen Verbündeten in den vergangenen Monaten wiederholt um Patriot-Flugabwehrsysteme gebeten, um ukrainische Städte besser vor russischen Luftangriffen schützen zu können. Da die USA selbst kein Geld für neue Waffenlieferungen an die Ukraine ausgeben wollen, kaufen jetzt die Nato-Partner amerikanische Waffen und reichen sie an die Ukrainer weiter.

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Das wird am Samstag wichtig

Die Aussenminister der EU-Staaten wollen an diesem Samstag (8:00 Uhr) bei einem Treffen in Kopenhagen über den weiteren Umgang mit dem Krieg in der Ukraine beraten. Dabei steht dabei die Frage im Raum, mit welchen zusätzlichen Sanktionen der Druck auf Moskau verstärkt werden könnte. (dpa/bearbeitet von lh)