Boris Johnson gilt als kaum besiegbar in der Stichwahl um das Amt des britischen Premiers. Er verspricht, das Land im Handumdrehen aus der Brexit-Sackgasse zu führen. Doch daran gibt es grosse Zweifel. Seinem Herausforderer Jeremy Hunt werden kaum Chancen ausgerechnet.

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"Boris Johnsons grösster Feind heisst Boris Johnson." Mit dieser Weisheit versuchten sich lange diejenigen zu beruhigen, die den Einzug des umstrittenen Politikers mit dem blonden Haarschopf in den Regierungssitz Downing Street für eine Katastrophe halten. Die Hoffnung war, der Ex-Aussenminister werde schon über seine eigenen Füsse stolpern mit einer unbedachten Äusserung. Doch nun scheint das Amt des Premierministers für ihn zum Greifen nahe.

In der konservativen Fraktion war er lange wenig populär. Doch dank einer generalstabsmässig geplanten Kampagne, bei der Johnson so gut wie möglich von den Kameras und Mikrofonen fern gehalten wurde, zog der 55-Jährige mit grossem Vorsprung ins Finale ein. Auch bei der nun anstehenden Stichwahl mit Aussenminister Jeremy Hunt ist er haushoher Favorit. Hunt gilt zwar als salonfähiger als sein Amtsvorgänger, aber die Gunst der Brexit-verliebten Parteibasis ist Johnson so gut wie sicher. Bis Ende Juli entscheiden die Tory-Mitglieder über den nächsten Parteichef und Premierminister. Das Auswahlverfahren gleicht bislang einem Triumphzug Johnsons in die Downing Street.

Ein Grund dafür könnte sein, dass ihm Viele zutrauen, enttäuschte Brexit-Wähler wieder einzufangen, die sich von den Konservativen wegen des verschobenen EU-Austritts abgewendet haben. Dabei wird oft vergessen, dass Johnson massgeblichen Anteil daran hatte, dass der Austritt bislang scheiterte, indem er den Deal der scheidenden Premierministerin Theresa May blockierte. Aber er gilt als Gewinner, der sich sowohl gegen den Chef der Brexit-Partei, Nigel Farage, als auch gegen Labour-Chef Jeremy Corbyn bei einer Parlamentswahl durchsetzen könnte. Zwei Mal gewann er die Wahl zum Bürgermeister in der Labour-Hochburg London.

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Boris Johnsons grösste Ausrutscher

Grossbritanniens neuer Premierminister Boris Johnson hat die Ablehnung politischer Regeln zu seinem Konzept gemacht - und es trotz unzähliger Skandale, Brexit und Affären bis ganz nach oben geschafft.

Der einst auch unter liberalen Wählern populäre Politiker ist für Wortwitz, aber auch Tollpatschigkeit bekannt. Seine Zeit als Aussenminister ist in keiner guten Erinnerung. Johnson galt als Elefant im Porzellanladen. Die Liste seiner Fehltritte ist lang. Dabei ist nicht immer klar, ob er absichtlich aus der Rolle fällt oder aus Ignoranz.

Unrühmliche Schlagzeilen machte Johnson etwa, als er bei einem Parteitag der britischen Konservativen über die ehemalige libysche IS-Hochburg Sirte als potenzielles Touristenparadies sprach. "Sie müssen nur die Leichen wegräumen", scherzte Johnson. Ähnlich gross war die Empörung, als er in einem buddhistischen Tempel in Myanmar während eines offiziellen Besuchs ein kolonialzeitliches Gedicht rezitierte, in dem eine Buddha-Statue als "Götze aus Matsch" bezeichnet wird.

Grossen Schaden fügte ihm einst eine Äusserung über die Sorgen der Wirtschaft vor einem Brexit ohne Abkommen (No-Deal) zu. Johnsons Kommentar dazu, so berichteten Medien unter Berufung auf Diplomatenkreise: "Fuck business" ("Scheiss auf die Wirtschaft"). Doch auch das ist inzwischen wieder vergessen.

Auch Hunt versuchte sich zeitweise als Sprücheklopfer. Auf einem Parteitag verglich er die EU mit der Sowjetunion - und handelte sich wütende Proteste, vor allem der osteuropäischen Mitgliedsstaaten ein. Auch dass er seine chinesische Ehefrau einmal versehentlich als Japanerin bezeichnete, war ein Lapsus, den man eher von Johnson erwartet hätte. Doch im Grossen und Ganzen gilt Hunt als stilsicher. Seine Achillesferse ist, dass er vor dem Brexit-Referendum 2016 noch für die Beibehaltung der EU-Mitgliedschaft geworben hatte und erst später umschwenkte. Er hat damit ähnliche Voraussetzungen wie die einst als Kompromisskandidatin gepriesene Theresa May und wird sogar zuweilen als "Theresa in Hosen" verspottet.

Johnson dagegen war der Frontmann der konservativen Brexit-Befürworter im Wahlkampf vor dem Referendum. Er gilt zwar als pragmatisch, aber nur wenn es für ihn von Vorteil ist. Johnson will das Brexit-Abkommen mit der Europäischen Union nachverhandeln, was Brüssel aber ablehnt. Um die EU zum Einlenken zu bewegen, droht er mit einem No-Deal-Brexit am 31. Oktober. Seine Devise lautet, man müsse nur an die Grossartigkeit des eigenen Landes glauben - dann werde sich schon alles fügen.

Hunt ist da vorsichtiger, er schliesst nicht aus, dass der Brexit noch einmal verschoben werden muss. Nachverhandeln will aber auch er. Wie ernst Johnson es mit der No-Deal-Drohung meint, ist umstritten. Er selbst schürte Zweifel an seiner Entschlossenheit, als er in einer TV-Debatte diese Woche keine Garantie für einen Austritt am 31. Oktober geben wollte. Der sei "höchst machbar", so die verschwurbelte Formulierung.

Doch es ist fraglich, ob Johnson seine vollmundigen Versprechungen einfach so wieder zurücknehmen kann. Die Taktik erinnert stark an May, die sich mit ihren roten Linien selbst in eine Sackgasse manövrierte, aus der sie keinen Ausweg mehr fand. Ob Johnson das mit seinem Charisma wettmachen kann, ist ungewiss. Viele rechnen daher bereits mit einer baldigen Parlamentswahl.

Ivan Rogers, der ehemalige britische Chefdiplomat in Brüssel, warnte kürzlich, ein EU-Austritt ohne Abkommen - ob gewollt oder nicht - sei nun der wahrscheinlichste Ausgang des Brexit-Dramas. Die EU werde nicht nachgeben, prophezeite er, und Grossbritannien im Falle eines No-Deals nur noch mehr unter Druck geraten. (br/dpa)

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