Von "Kohls Mädchen" zu "Mutti" zur "Anführerin der freien Welt": Es war ein weiter, ungewöhnlicher Weg bis ins Kanzleramt für Angela Merkel. Nach nun zwölf Jahren im Kanzleramt steht sie vor einer neuen Herausforderung.

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Sie muss halt noch einmal ran. Das war die Kernaussage des Statements, mit dem Angela Merkel im November ihre Kandidatur für die Bundestagswahl 2017 erklärte.

"Die Menschen hätten kein Verständnis dafür, wenn ich nicht noch einmal das, was mir an Gaben und Talenten gegeben ist, in die Waagschale werfen würde, um meinen Dienst für Deutschland zu tun", sagte die 62-jährige Bundeskanzlerin.

Gerade jetzt, in Zeiten der Unsicherheit, der "grossen Anspannung in der Europäischen Union" und der "Weltlage, die sich neu sortieren muss".

Fast schien es, als hätte sie ein wenig zu oft in den angelsächsischen Zeitungen gelesen, die Merkel wahlweise als mächtigste Frau der Welt, Person des Jahres 2015 (TIME-Magazine) und nach dem Einzug von Donald Trump ins Weisse Haus gar als "Leader of the Free World" bezeichnen.

Aber Merkel wäre nicht Merkel, wenn sie auf solche Lobeshymnen nicht kühl-distanziert reagieren würde.

"Grotesk und absurd" finde sie solche Zuschreibungen, ein Mensch alleine könne ohnehin die Welt nicht verändern, sagte sie deswegen.

Deutschland allerdings hat sie schon verändert. Und war dabei meist auf sich allein gestellt.

Angela Merkels lautlose Ost-Vergangenheit

Drei Monate nach der Geburt am 17. Juli 1954 brachte ihre Mutter die kleine Angela Dorothea Kasner in einem Korb von Hamburg nach Quitzow in Brandenburg, wo der Vater eine Pfarrerstelle antrat.

Das älteste von drei Kindern brauchte lange, um richtig laufen zu lernen, war dafür aber umso schneller mit dem Kopf.

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz fiel tief und stieg steil wieder empor.

In der Schule heimste sie Medaillen bei der Russisch-Olympiade ein, das Abitur absolvierte sie mit einer 1,0. Ursprünglich wollte sie Lehrerin werden, der Staat liess das nicht zu.

Sie schrieb sich für Physik ein und brillierte auch in diesem Fach: 1986 promovierte sie über den "Mechanismus von Zerfallsreaktionen mit einfachem Bindungsbruch und Berechnung ihrer Geschwindigkeitskonstanten auf der Grundlage quantenchemischer und statistischer Methoden" und arbeitete danach an der Akademie der Wissenschaften in Berlin.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sie schon eine Scheidung hinter sich, den Namen ihres ehemaligen Mannes trägt sie bis heute, trotz der Heirat mit Joachim Sauer 1998.

Es ist eine der wenigen noch sichtbaren Spuren aus dieser Zeit. Ihre Herkunft aus dem Osten hat Merkel natürlich nie verschwiegen, aber "wie bei einem Handy auf lautlos gestellt", wie die "Zeit" einmal schrieb.

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Ihre Biografen Ralf Georg Reuth und Günther Lachmann förderten Hinweise auf eine Nähe zum System zutage, immerhin war Merkel Teil der sowjetisch geprägten Wissenschaftselite.

2013 sorgte ihre Enthüllung für Schlagzeilen, dass sie als FDJ-Sekretärin für Agitation und Propaganda tätig war, was sie stets bestritten hatte.

Ihre Reaktion auf die Berichte fiel typisch flapsig-ungelenk aus: "Ich kann mich da nur auf meine Erinnerung stützen. Wenn sich jetzt etwas anderes ergibt, kann man damit auch leben."

Vom Demokratischen Aufbruch ins Kanzleramt

Eine klassische Oppositionelle war sie jedenfalls nicht, erst im September 1989 engagierte sie sich im "Demokratischen Aufbruch" (DA) und wurde von ihrem Protegé Lothar de Maizière unvermittelt als stellvertretende Sprecherin der letzten DDR-Regierung installiert.

Kurz danach fusionierten DA und CDU, Merkel heuerte im Bundespresse- und Informationsamt an und kandidierte im Dezember 1990 erfolgreich bei der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl, bei der sie das Direktmandat im Wahlkreis Rügen-Stralsund-Grimmen holte.

Bundeskanzler Helmut Kohl stattete sie überraschend mit dem Ministerium für Frauen und Jugend sowie dem wenig schmeichelhaften Beinamen "mein Mädchen" aus - und so behandelte er Merkel auch.

Noch 1995, da war Merkel schon Umweltministerin, faltete er sie auf einer Kabinettssitzung derart zusammen, dass sie in Tränen ausbrach.

Das Spitzenduo der Grünen wirkt heute bieder. Das war nicht immer so.

Merkel, so schien es damals, war für eine Spitzenposition in der Partei völlig ungeeignet.

Eine Frau aus dem Osten, nicht einmal katholisch, sondern protestantisch, nie Mitglied der Jungen Union, als Landeschefin in Mecklenburg-Vorpommern ohne wirkliche Hausmacht in der CDU, aussen vor, wenn die Männer sich in Netzwerken wie dem Andenpakt die Karrieren ausklüngelten.

Aber acht Jahre nach der Einheit ermöglichte die nächste historische Zäsur ihr den Aufstieg: die Niederlage von Helmut Kohl bei den Wahlen 1998.

Sein Nachfolger als Parteichef, der ewige Kronprinz Wolfgang Schäuble, hievte Angela Merkel auf den Posten der Generalsekretärin – von dem aus sie zwei Jahre später den wegen der Spendenaffäre zurückgetretenen Schäuble beerbte, als erste Frau an der Spitze einer der beiden Volksparteien.

Angela Merkel für untrüglichen Machtinstinkt bekannt

Ihre Kanzlerkandidatur 2002 wurde noch vom Andenpakt zugunsten Edmund Stoibers verhindert, aber nach und nach entledigte sie sich ihrer meist männlichen Widersacher, was ihr den Ruf einer "Männermörderin" einbrachte, worüber sie nur pikiert den Mund zu verziehen pflegte.

"Wenn Männer sich weiterentwickeln", sagte sie einmal, "ist das der natürliche Lauf der Dinge. Wenn sich aber mal eine Frau in der Politik durchsetzt, dann liegen überall an ihrem Wegesrand gemeuchelte Männer."

2005 schliesslich wurde sie Bundeskanzlerin, musste sich vorher aber noch von einem breitbeinigen Gerhard Schröder in der Elefantenrunde beschimpfen lassen.

Sie trug es mit Fassung, wie auch ihren wenig schmeichelhaften Spitznamen "Mutti", den sie angeblich sogar gut findet, "weil das heisst, dass man Verantwortung hat".

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Nach ihren ersten 100 sehr unaufgeregten Tagen im Amt wies sie Beliebtheitswerte auf, die weder Schröder noch Kohl beschieden waren.

Weggefährten und Journalisten sagten ihr schon damals ein gutes Gespür für die Mehrheiten im Land nach – aber auch inhaltliche Beliebigkeit.

"Ich kenne keinen Politiker, der so weit gekommen ist ohne einen Gesellschaftsentwurf", sagte Franz Müntefering.

Mit ihrem "Merkiavellismus" (Ulrich Beck) aus Moderieren, Verhandeln, Konsens suchen setzte sie nach und nach Projekte durch, die eigentlich mit anderen Parteien verbunden waren: die Abschaffung der Wehrpflicht, die Energiewende, den Mindestlohn.

Sie modernisierte die Altherrenriege CDU und koalierte gleichzeitig die SPD in die Bedeutungslosigkeit.

Doch der Preis für die Öffnung zum neuen, grün geprägten Bürgertum, war die Abkehr von der Doktrin Franz Josef Strauss‘, wonach rechts von der Union nur noch die Wand kommt.

Nun steht da die AfD in relevanter Stärke. Und in der CDU rumort es: Die CSU probt alle paar Monate den offenen Aufstand, der Parteitag forderte die Abschaffung der doppelten Staatsbürgerschaft und ein Islamgesetz - Merkel weigert sich aber, damit in den Wahlkampf zu ziehen.

Weil sie es falsch findet, und ihre Einwanderungspolitik richtig. Die Kanzlerin als Überzeugungstäterin, das ist ein neuer Charakterzug.

Ob die Wähler das goutieren, entscheidet im Herbst über ihr politisches Schicksal.

Cem Özdemir ist einer der beiden Spitzenkandidaten von Bündnis90/Die Grünen für die Bundestagswahl 2017. Im Exklusiv-Interview spricht er über das nächste "grüne Ding", unter welchen Bedingungen seine Partei eine Koalition eingehen würde - und über den richtigen Umgang mit der Erdogan-Partei.