Khvicha Kvaratskhelia erobert den europäischen Fussball in dieser Saison im Sturm. Früh wurde er mit der Legende Diego Maradona verglichen. Geschadet hat ihm das nicht.

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Die Geschichte der SSC Napoli ist untrennbar mit einer absoluten Legende im Weltfussball verbunden: Diego Armando Maradona. Der mittlerweile verstorbene Argentinier spielte von 1984 bis 1991 für den italienischen Topklub, gewann zweimal den Scudetto, einmal den Pokal in Italien, einmal den Uefa-Cup. Es war die letzte Phase in der Geschichte der Partenopei, in der es regelmässig den Gewinn von Silberware zu bejubeln gab, abgesehen von der Coppa Italia 2020.

Zumindest bis heute. Denn Napoli führt die Tabelle in der Serie A souverän an, hat mehr als zehn Punkte Vorsprung vor dem ersten Verfolger. Und auch heute steht ein Kreativspieler, der die kompliziertesten Dinge ganz einfach aussehen lässt, im Kader der Süditaliener. Die Rede ist vom georgischen Nationalspieler Khvicha Kvaratskhelia. Weil die Sehnsucht nach grossen Erfolgen in diesem Jahr wohl gestillt wird und Erinnerungen an vergangene Zeiten wach werden, nennt man den 22-Jährigen in Neapel schlicht "Kvaradona".

Kvaratskhelia-Coup: Lob an die Scoutingabteilung

Geboren wurde Khvicha Kvaratskhelia in der georgischen Hauptstadt Tiflis. Früh begeisterte er sich für den Fussball, wechselte in seiner Jugendzeit in die Akademie von Dinamo Tiflis, dem grössten Verein des Landes. Den Sprung zu den Profis schaffte er in jungen Jahren nicht, musste also einen Umweg nehmen. Über den FC Rustavi fand er den Weg nach Russland, doch eine Leihe zu Lokomotive Moskau blieb ohne den ganz grossen Erfolg. Rubin Kasan, ebenfalls ein russisches Team, verpflichtete den Georgier 2019 aber für rund 600.000 Euro. Das war der bis dahin wichtigste Schritt in seiner noch jungen Karriere.

2022 wechselte der Offensivspieler, mittlerweile deutlich gereift, zurück in die Heimat. Aufgrund des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine war ein Verbleib in der russischen Liga alles andere als lukrativ. Spätestens hier wurde auch die SSC Napoli auf den Spieler aufmerksam. In Georgien war er einer der Stars, debütierte schon 2019 für die A-Nationalmannschaft. Dass er in dieser Liga spielte, war ein Glücksfall für den italienischen Klub.

Denn: Es gibt durchaus Teams, auch grössere Namen, die Ligen wie die georgische bei ihrem Scouting aussen vor lassen. Die Napoli-Scoutingabteilung beobachtete den Spieler genau, auch fernab der Scorerpunkte, die in einer schwächeren Liga automatisch etwas weniger aussagen. Sie waren überzeugt, sprachen eine Empfehlung aus und so landete der 22-Jährige für nur 11,5 Millionen Euro in Neapel. Damals ahnte noch niemand, dass man ihn Monate später nur noch "Kvaradona" rufen würde.

Ein Instinktfussballer mit allumfassenden Qualitäten

Auch viele Monate nach seiner Verpflichtung überrascht der Georgier selbst seinen Trainer noch mit seinen Qualitäten. Nach einem herausragenden Tor gegen Atalanta im März schwärmte Luciano Spalletti: "Und dann war da noch dieses Ding, das Kvaratskhelia uns gezeigt hat, diesmal könnte man sagen, es war ein Tor à la Maradona. Er war der Gott des Fussballs, aber Kvara ist auf dem richtigen Weg. Er hat eine Frequenz von Berührungen in den Räumen, man weiss nie, wo er hingehen wird. Er setzt dich auf den Boden und sieht trotzdem noch aus dem Augenwinkel einen Mitspieler."

Es sind Aktionen wie diese, mit denen der 22-Jährige die Herzen der Fans gewinnt. Zuschauer kommen in das Stadion, um ihn spielen zu sehen, weil er einfach unberechenbar ist. Kvaratskhelia kann über die Aussenbahnen kommen, aber auch in das Zentrum ausweichen. Der Georgier ist beidfüssig stark, verfügt über eine hervorragende technische Ausbildung. Das merkt man im Passspiel, sowohl auf kurze als auch längere Distanz.

Im Kombinationsspiel hilft er der Mannschaft enorm, er spielt instinktiv die richtigen Bälle, perfekt temperiert in die passenden Lücken. Sein Dribbling führt er mit dem Ball sehr eng am Fuss aus, im Eins-gegen-eins bringt er die nötige Explosivität mit, um sich von seinem Gegenspieler zu lösen. Selbst im Spiel gegen den Ball und im Pressing hat er alles, was es zum Weltstar braucht. Wirkliche Schwächen sind abgesehen vom Kopfballspiel nicht zu finden.

Kvaratskhelia: Neuer Vertrag und neue Sphären?

Rund um den Georgier bleibt eigentlich nur eine Frage offen: Kann er die herausragenden Leistungen dieser Saison auch in den kommenden Spielzeiten bestätigen? Aktuell sieht es nicht danach aus, als seien seine guten Statistiken nur einem guten Lauf zuzuschreiben. Ja, die Form ist überragend und sicher half es ihm auch, in ein homogenes Team zu kommen, aber es funktionieren so viele Basics so gut und er trifft derart häufig intuitiv die richtigen Entscheidungen, dass nicht von einem "One-Hit-Wonder" auszugehen ist.

Ein Spieler, der seine Offensivkollegen aus den Top-5-Ligen in nahezu jeder Statistik übertrumpft, ist natürlich begehrt. 14 Tore und 16 Vorlagen in 34 Spielen sprechen eine klare Sprache. Im Weltfussball gibt es zahlreiche Klubs, die nicht nur viel Geld, sondern auch den Mut haben, dieses zu investieren. Daher will die SSC Napoli den Vertrag mit dem Georgier, der noch bis 2027 läuft, vorzeitig verlängern.

Die Gespräche laufen bereits, eine Annäherung hat stattgefunden. Dabei könnten beide Seiten profitieren. Napoli würde garantiert mehr Ablöse, der Spieler eine Gehaltsanpassung erhalten. In Zukunft ist es durchaus realistisch, Khvicha Kvaratskhelia bei einem der vier, fünf grössten Namen im europäischen Fussball zu sehen. Das ist für den Georgier aktuell aber noch Zukunftsmusik. Wichtig ist der langersehnte Gewinn des Scudetto mit den Partenopei. Was danach kommt, wird sich zeigen.

Verwendete Quellen:

  • Transfermarkt: Khvicha Kvaratskhelia
  • Football Italia: Spalletti: Kvaratskhelia scored a maradona-esque goal
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