Warum darf ein Lehrer keine Schülerin lieben? Ein ehemaliger Erzieher fühlt sich ungerecht behandelt und bedroht die Passagiere eines Ausflugsschiffes. Er stellt eine seltsame Forderung. Und Kommissar Ballauf hat eine riskante Idee. Warum der Kölner "Tatort: Hubertys Rache" wenig plausibel, aber trotzdem ein guter Krimi ist.

Iris Alanyali.
Eine Kritik
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Stellen wir uns vor, wir sind in Köln und wollen die Stadt vom Wasser aus betrachten. Wir kaufen ein Ticket für ein Ausflugsschiff und suchen uns einen guten Platz oben auf dem Aussendeck. Es ist ein klarer Wintertag, das Schiff spärlich besetzt, die Aussicht super. Der Kapitän ist nicht nur nautisch bewandert, sondern auch als rheinländische Frohnatur hoch begabt. Er macht dumme Witze und startet die Motoren. Die Sonne scheint auf den Kölner Dom.

Aber dann entpuppt sich der Mitpassagier im grünen Parka als verärgerter Mathelehrer. Als extrem verärgerter Mathelehrer: 2012 hatte Daniel Huberty ein Verhältnis mit einer damals 14-jährigen Schülerin und ist dafür bestraft worden. Viel zu hart, findet er. Dabei war es Liebe. Und er war doch so ein toller Lehrer. Ist so ein toller Mann.

Schuld am Gefängnis und dem Ende seiner respektablen Existenz sind nur die Anderen. Die gemeine Mutter seiner Schülerin zum Beispiel. Und die fiese Staatsanwältin, die die Höchststrafe verhängt hat. Jetzt will Daniel Huberty Gerechtigkeit. Er hat eine Pistole, Zugriff auf eine ferngesteuerte Bombe und droht, alles in die Luft zu jagen, wenn seine Forderung nicht erfüllt wird: Fünf Menschen, die sein Leben zerstört haben, sollen an Bord kommen.

Kommissar geht undercover an Bord

Der anfangs so schöne Ausflug verwandelt sich damit in einen ziemlich guten Krimi. Zum Beispiel, weil die Staatsanwältin von damals (Christina Grosse) sich bereits auf dem Schiff befindet, und zwar auch noch mit ihrer Tochter Amelie (Anna Bachmann), was natürlich kein Zufall ist. Huberty und Amelie sind in den sozialen Medien befreundet. Wie weit geht diese Freundschaft wohl?

Zum Reiz von "Hubertys Rache" gehört auch, dass Kommissar Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) undercover an Bord geht – als medienscheuer Immobilienmillionär Rainer Piontek. Der echte Piontek hatte Huberty, als er von dessen Vorgeschichte erfuhr, die Räumlichkeiten für die Nachhilfeschule gekündigt, die der Ex-Lehrer nach seiner Entlassung eröffnet hat. Vor Ballaufs Bordgang haben die Fernsehzuschauer den echten Rainer Piontek (Hannes Hellmann) als ein Grossmaul kennengelernt, das in seiner Arroganz ähnlich unsympathisch ist wie Huberty; und es macht Spass, dem Kommissar dabei zuzusehen, wie er sein Inkognito nutzt, um dem Entführer auf Augenhöhe zu begegnen.

Rührend ist auch Freddy Schenks (Dietmar Bär) Sorge um den Kollegen. Kommissar Schenk muss den besonnenen Verhandlungspartner von Huberty geben, aber als sich die Lage an Bord immer weiter verkompliziert, platzt ihm der Kragen, und es ist ziemlich offensichtlich, wessen Schicksal ihn bei all den Unschuldigen an Bord am meisten beunruhigt.

Stephan Kampwirth als weinerlicher Wutbürger

Auch Stephan Kampwirth in der Titelrolle trägt zur Qualität von "Hubertys Rache" bei. Wir erkennen durchaus den gebildeten und charmanten Lehrer, dem man zutraut, dass Schülerinnen und Schüler ihn bewunderten. Kampwirth lässt uns aber vor allem den ganzen selbstgerechten Grössenwahn dieses armseligen Wichts spüren, zeigt uns einen weinerlichen Wutbürger, der die Wahrheit für sich gepachtet zu haben glaubt. Der sich für ein unverzichtbares, besonders wertvolles Mitglied der Gesellschaft hält, obwohl und gerade weil er meint, über den Regeln stehen zu dürfen, auf die sich eben diese Gesellschaft verständigt hat. Im Grunde interessiert sich Daniel Huberty für nichts und niemanden – die Welt soll sich gefälligst für ihn und sein Schicksal interessieren.

Das psychologische Drama, das sich auf und zwischen dem Schiff und dem Polizeipräsidium entfaltet und das Regisseur Marcus Weiler mit viel Gespür für die klaustrophobische Situation inszeniert, stammt von dem erfahrenen Autorenpaar Eva und Volker A. Zahn. Bei allem Wert auf Zwischentöne und Komplikationen lässt das Drehbuch dabei keinen Zweifel an der moralischen Verwerflichkeit von Daniel Hubertys Tat: Es gibt, so die ziemlich aktuelle Haltung von "Hubertys Rache", allen "Querdenkern" und "Freigeistern" zum Trotz Wahrheiten und Gesetze, die eine Gesellschaft verteidigen kann und muss, egal, wie laut und bedrohlich der Protest Einzelner daherkommt. "Heutzutage glaubt jeder, er hat das Recht, durchzudrehen", schimpft passend dazu Freddy Schenk, "nur weil er sich gekränkt fühlt!"

Die Story: Unrealistisch, aber trotzdem gut

Aber die eigentliche Leistung dieses "Tatorts" wird erst deutlich, wenn wir uns nicht vorstellen, dass wir Ausflügler auf einem Schiff seien. Sondern die Mutter der missbrauchten Schülerin. Oder der Immobilienbesitzer. Oder sonst eine der Personen, die Huberty sehen will. Wir sitzen bequem in unseren Wohnungen und unseren Büros, haben die schreckliche Geschichte vor vielen Jahren endlich hinter uns gelassen oder erinnern uns kaum noch daran. Und jetzt bittet uns die Polizei, doch mal kurz bei dem Irren auf dem Schiff vorbeizuschauen. Bei einem Erpresser, der nicht einmal einen uns nahestehenden Menschen in seiner Gewalt hat. Wie realistisch ist das denn!? Auf diese Idee können wirklich nur Fernsehkrimis kommen. Aber geschenkt: "Hubertys Rache" ist trotzdem ein sehenswerter Kölner "Tatort".

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