• Mit seinem neuen Album "Matthias" präsentiert sich Matthias Reim als Musikreisender und gewährt persönliche Einblicke.
  • Im Interview mit unserer Redaktion spricht der 64-Jährige über sein Alleinstellungsmerkmal als Sänger, die Impfquote und seinen grenzenlosen Optimismus.
  • Auch von der Coronakrise lässt sich der "Verdammt, ich lieb' Dich"-Star nicht unterkriegen: "Ich will auf die Bühnen – und endlich raus hier."
Ein Interview

Herr Reim, das neue Album einer Künstlerin oder eines Künstlers ist bekanntlich immer "das persönlichste aller Zeiten". Warum ist das mit Blick auf Ihr neues Album mehr als nur eine Floskel?

Matthias Reim: Zum einen weist darauf der Albumtitel "Matthias" hin, zum anderen hatte ich noch nie so viel Zeit, um über mich, meine Musik und darüber nachzudenken, was ich ausdrücken will. Das liegt natürlich in der Corona-Situation begründet. In den vergangenen Monaten war es mir nicht möglich, mich meiner Lieblingsbeschäftigung, nämlich dem Spielen von Konzerten, hinzugeben. Irgendwo musste ich ja mit meiner Kreativität hin, sonst wäre ich verrückt geworden.

Dennoch ein schwacher Trost mit Blick auf die verpassten Momente mit den Fans?

Diesen Luxus, so lange an einem Album arbeiten, neue Ideen aufgreifen und andere wieder verwerfen zu können, hatte ich bisher noch nie. Das war der Vorteil dieses unglaublichen Geschehens da draussen. Aber: Natürlich will ich wieder spielen. Ich will auf die Bühnen – und endlich raus hier.

Ein Titel auf Ihrem Album heisst "Nächsten Sommer". Das klingt nach einem Versprechen. Wie optimistisch sind Sie wirklich, dass Konzerte im Sommer 2022 stattfinden können?

Mit Blick auf den Sommer bin ich wirklich sehr optimistisch. Alles, was davor stattfinden soll, betrachte ich mit einer gewissen Sorge. Ich habe aber die grosse Hoffnung, dass uns die aktuelle Ansteckungswelle letztendlich wirklich befreien könnte. Fast jeder bekommt jetzt noch mal einen auf den Deckel. Bei den meisten Menschen scheinen die Verläufe aktuell mild zu verlaufen, so wie bei einer Erkältung.

Wundern Sie sich darüber, dass die Impfquote nach wie vor zu wünschen übrig lässt?

Es ist die freie Entscheidung eines jeden Menschen, wenn er sich nicht impfen lassen möchte – verbunden mit dem Wissen, dass diese Entscheidung unser gesamtes soziales Leben belastet. Mein Gefühl ist, dass aktuell fast jeder Corona bekommt. Und jeder hatte die Chance, sich im Vorfeld aufklären und impfen zu lassen, um einen milderen Verlauf zu haben. Wer dennoch bereit war, das Risiko einzugehen und sich nicht impfen zu lassen, muss dann leider auch die Konsequenzen dafür tragen.

Wie geht es eigentlich einem Künstler wie Ihnen, der für Konzerte brennt, damit, dass Kolleginnen und Kollegen wegen der Corona-Einschränkungen ihre Tourneen absagen? Nena ist das prominenteste Beispiel ...

Ich nehme das zur Kenntnis … und komme immer wieder für mich zu dem Schluss: Ich möchte überhaupt nichts absagen. Sobald man mich lässt, bin ich da. Dass ich meine grossen Weihnachtskonzerte in Berlin und Hamburg nicht spielen konnte, war für mich unendlich traurig. Bis kurz zuvor hatte ich noch auf ein Wunder gehofft, doch es ist nicht geschehen. Aber es wird geschehen – und ich bin bereit.

Den Optimismus lassen Sie sich von niemandem nehmen, richtig?

Korrekt. Ich bin Optimismus pur! Das hat sich durch mein Leben gezogen. Ich war mal mega pleite und bin trotzdem immer Optimist geblieben. Mir war immer klar: Irgendwann habe ich wieder so ein Ding … (lacht)

… mit "Ding" meinen Sie "Verdammt, ich lieb' Dich"?

Nicht nur, ich hatte ja auch andere Hits wie "Ich hab' geträumt von dir" oder "Ich hab' mich so auf dich gefreut". Aber ja, ich liebe diesen Song. Der Titel bringt nach wie vor diese Magie und Energie mit, die es braucht, um bei Konzerten alle Menschen zwischen zwölf und 92 zu vereinen. Dieser Adrenalinrausch, den "Verdammt, ich lieb' Dich" auslöst, ist ein Geschenk des Himmels.

Wenn man sich Ihr neues Album anhört, wird man feststellen, dass Sie dieses "Verdammt, ich lieb' Dich" nicht nur direkt aussprechen, sondern auch Umschreibungen finden. Etwa, wenn die Liebe, wie in dem Song "Blaulicht", so gross ist, dass nicht einmal die Polizei etwas dagegen ausrichten kann.

"Man tut, was man tun muss" - ich liebe diese Zeile und finde den Song ohnehin genial. Ob man bildlich gesprochen über rote Ampeln durch die Nacht rast, an Strassensperren rechts vorbeifährt oder letztendlich im Knast landet: Es ist alles egal – Hauptsache ich bin bei dir!

Sie bezeichnen sich als Musikreisender. Wie lautet Ihre Definition dafür?

Ich reise durch Stilistiken und auf der Suche nach Inspirationen durch die Zeit. So lande ich häufig bei Pink Floyd, Foreigner oder Black Sabbath mit Ozzy Osbourne. Dass das meine Inspirationsquellen sind, hätten vermutlich die wenigsten erwartet. Mir geht es darum, die Story, die ich erzählen möchte, harmonisch durch die Musik zu stützen. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal, das ich im deutschsprachigen Raum mitbringe. So macht das keiner. Ich erzähle Geschichten von unvorstellbarem Optimismus gepaart mit Zerbrechlichkeit und eigenen Unzulänglichkeiten. Dafür stehe ich in meinem Leben – und demzufolge auch in meinen Texten.

Für welche Gefühle steht der Musiker und Mensch Matthias Reim?

Wie bei jedem anderen Menschen auch sind es diverse Facetten. Doch nur wenige Künstler trauen sich, Geschichten über Eifersucht, falschen Stolz oder den Wunsch, grösser zu sein, als man eigentlich ist, in ihren Songs mit den Menschen zu teilen. Am Ende geht es um Glaubwürdigkeit. Und natürlich habe ich inzwischen das Alter erreicht, in dem die Fans erkennen, dass ich immer noch dastehe und immer besser werde. Das ist ein grosses Glück – ebenso wie die Tatsache, dass "Verdammt, ich lieb' Dich"? nie alt geworden ist.

Würden Sie sich tatsächlich als eifersüchtigen Menschen bezeichnen?

Natürlich. Ich bin all das – und würde es auch gerne bleiben. Jemanden einfach ziehen zu lassen, wie ich es in meinem Song "Bon Voyage" beschreibe, ist die reine Utopie. Kein liebender Mensch macht das einfach so. Man lässt jemanden ziehen, weil einem nichts anderes übrig bleibt. In einem anderen Titel singe ich "Paranoid, dass dich sonst keiner kriegt". Egoistischer geht es kaum, ehrlicher wahrscheinlich aber auch nicht. Wenn einem etwas "weggenommen" wird, das man liebt, reagiert man verletzt.

Warum fällt es uns manchmal so schwer, das zuzugeben?

Weil Eifersucht als Schwäche definiert wird, obwohl es doch eine Stärke ist. Denn wer zugibt, dass er eifersüchtig ist, sagt im Grunde genommen: "Ich liebe dich und will dich nicht verlieren."

Über dieses Thema redet manch einer ähnlich ungern wie über das Älterwerden. Sie werden Ende des Jahres, am 26. November, 65 Jahre alt. Stimmen Sie Udo Jürgens zu, dass das Leben mit 66 Jahren anfängt? Weit sind Sie davon nicht mehr entfernt.

Im Moment fühle ich mich eher nach "When I'm Sixty Four" von den Beatles (lacht). Wenn man sich körperlich um sich kümmert, was ich extrem tue, dann geht es schon. Aber natürlich merke ich das Alter, die Lesebrille ist nur ein Indiz. Zudem muss man sich morgens nach dem Aufstehen ein bisschen "einlaufen", damit die Gelenke wieder richtig funktionieren. Das Alter bringt jedoch auch positive Aspekte mit sich. Zum Beispiel eine gewisse Weisheit, mit der ich meinen Kindern wirklich helfen kann. Hinzu kommt eine Gelassenheit, die ich früher weder beruflich noch privat hatte.

Wie macht sich diese "Altersweisheit" im Zusammenleben mit Ihren Kindern bemerkbar?

Es ist ein bisschen wie in dem Cat-Stevens-Song "Father & Son". Ich kann meinen Kindern, wenn sie zum Beispiel mal ungeduldig sind, mit auf den Weg geben: "Schaut mich an: Ich bin alt, aber glücklich." Mich macht es glücklich, dass ich sie hin und wieder belehrend beraten darf.

Wie häufig klopfen zum Beispiel Marie und Julian, die ebenfalls als Musiker tätig sind, an Ihre Tür und bitten um einen Rat?

Heute häufiger als früher. Am Anfang haben sie noch gesagt: "Ach, Papa. Du bist gut, aber wir schaffen das alleine." Inzwischen fragen sie mich ab und zu, ob wir nicht mal zusammenarbeiten könnten. Das ist auch logisch. Jeder junge Musiker erkennt irgendwann, dass der Weg das Ziel ist und dass es nicht so einfach ist, langfristig erfolgreich zu sein. Ich schmunzele dann manchmal in mich hinein …

… und Sie nehmen sich den Fragen vermutlich gerne an?

Von Herzen gerne sogar, denn es sind meine Kinder. Ich nutze die Zeit mit ihnen intensiv und möchte ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen, etwas hinterlassen sozusagen. Zu erben gibt es ja nicht viel. Schliesslich habe ich sieben Kinder, das Erbe muss durch sieben geteilt werden – beziehungsweise durch acht, wenn man das Finanzamt noch hinzunimmt (lacht).

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