Wem Tinder zu peinlich ist, dem bleibt nur RTL. "Bauer sucht Frau" geht in seine elfte Saison und noch immer ist man sich nicht sicher, ob man die Teilnehmer bedauern oder sich für sie schämen soll. Im Zweifelsfall einfach beides. Unsere TV-Kritik zur ersten Folge der neuen Staffel.

Eine Glosse
von Felix Reek, Freier Autor

Wenn Männer treudoof in die Kamera grinsen, Kuhhörner streicheln und mit dem Trecker Herzchen in den Rasen mähen, kann das nur eines heissen: "Bauer sucht Frau" ist zurück. Mittlerweile in seiner elften Staffel. Glauben kann man das kaum, doch offenbar ist das BsF-Format das einzige, dem die Kandidaten nicht ausgehen wollen. Das kann nur heissen, der Notstand auf Deutschlands Höfen ist noch immer so hoch, dass man sich lieber der zünftigen Zurschaustellung im Fernsehen ausliefert, als weiterhin die Socken alleine zu bügeln.

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Natürlich könnte man sagen, dass nach elf Jahren jeder weiss, worauf er sich einlässt. Jede Peinlichkeit wurde schon gesendet, selbst Schuld, wer das auf sich nimmt. Doch gerade die Auftaktsendung von "Bauer sucht Frau" zeigt: Die Verzweiflung ist gross. Swen ist ein eher harmloser Fall. Er möchte, dass ihn jemand in den Arm nimmt, "mit ihm alles teilen tut". Beim Betrachten der Briefe seiner Interessentinnen ruft er immer wieder: "Die ist toll!" Und die auch. Und die erst! Eigentlich alle. Auch nachdem ihm BsF-Moderatorin Inka Bause erklärt, was eine Rubensfrau ist. Der perfekte Kandidat für die Show.

Die Mundwinkel bleiben unten

Doch es überwiegen die schwereren Fälle. Zwei der Männer hatten noch nie eine Partnerin. Thomas zum Beispiel, 36 Jahre. Sein einziger Gefährte ist Hund Theo. Man muss sich das einmal vorstellen, wie schwer es einem Menschen fallen muss, dies zuzugeben. Vor einem Millionenpublikum. Dass die Einsamkeit irgendwann so überhand nimmt, dass die öffentliche Demütigung - die Inszenierung als skurril-schräger RTL-Bauer - als einziger Ausweg erscheint. Weil es in der Vergangenheit schliesslich auch bei noch schlimmeren Beispielen geklappt hat.

Der Rest ist das übliche Inventar der Show. Ein paar Herren, denen Mama noch die Unterhosen herauslegt, ein paar, die untertitelt werden, obwohl sie ganz gut zu verstehen sind. Und natürlich der notgeile Rentner, in diesem Fall Gregor, 66 Jahre, der sich noch einmal verlieben will "wie mit 17". Sich aber sonst hauptsächlich für "das gewisse Oberteil an einer Frau" interessiert.

Doch es gibt auch Ausnahmen. Herbert blickt mit hängenden Mundwinkeln merkelschen Ausmasses in die Briefe seiner Verehrerinnen. Er liest jeweils nur den ersten Satz. Dann sagt er: "Das hat mir nicht gefallen." Die Teilnehmerinnen sind ihm zu alt. Wenn er dachte, er wäre so dem Format im letzten Moment noch einmal von der Heugabel gesprungen, sieht er sich schnell eines besseren belehrt. Inka Bause kündigt an, einen weiteren Aufruf für ihr zu starten. Die Mundwinkel bleiben unten.

Auch Howie muss resignieren

Zumindest bleibt ihm das Nächstschlimmere erspart: das Hoffest. Dort werden die Bauern mit maximalem Kitschanteil ihren Interessentinnen zugeführt. Die Kuschelrock-Playlist läuft in Dauerschleife. "I Wanna Know What Love Is", "Eternal Flame", "Time Of My Life". Das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Augen der Bauern fast aus ihren Höhlen treten beim Versuch, möglichst tief in die Dirndldekolletés der Damen zu blicken.

Bevor der erste "Bauer sucht Frau"-Landwirt den Melkschemel ansetzen kann, schreitet Inka Bause ein. Gregor, der unter Druck stehende Senior indes, ist nicht mehr zu stoppen. Der selbsternannte hessische Cowboy trägt dem festlichen Anlass entsprechend einen Sheriffhut aus dem Kinderfasching und eine Hundegürtelschnalle. Er betatscht bereits nach wenigen Minuten eine seiner Interessentinnen so heftig, dass die andere die Flucht ergreift. Nummer eins ist begeistert: "Mein Herz macht bum di di bum" sagt sie später in der Sendung. Das Hirn des Zuschauers funkt da bereits "dumm di di dumm".

Deeskalierend kann da nur noch einer wirken. Der Mann, der schon Hausfrauen in romantische Situationen schmachtete, als Inka Bause DDR-Schlager trällerte: Howard Carpendale. Welcher Knebelvertrag ihn auf die Bühne des Hoffestes gezwungen hat - man wagt es nicht einmal zu vermuten. Er haucht ein Liedchen, die Bauern jauchzen und grölen, die Frauen halten sich die Ohren zu. Howie erkennt: Hier kann auch er nichts ausrichten. Und verlässt nach gefühlten 30 Sekunden die Bühne. Die Meute beginnt da erst richtig auszurasten, liebestrunken torkeln die Herren über die Tanzfläche, die Kamera immer schön drauf. In der nächsten Woche "müssen Bauern und Frauen beweisen, ob sie auch alltagstauglich sind", sagt Inka Bause. Nein, müssen sie nicht. Sonst wären sie nicht in dieser Sendung.

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