"Du ahnst nichts Böses und schon bist du im ZDF": Mit dieser eher ungewöhnlichen Begrüssung empfängt ein grinsender Moderator Steven Gätjen einen Buchhändler namens Dennis: den ersten Kandidaten in einer ziemlich kurios erscheinenden neuen Show der Mainzer. Dann spricht Gätjen die Entschuldigungsformel, die dem Format seinen Namen gibt: "Sorry für alles". Was bitte ist da los?

Eine Kritik
von Frank Rauscher

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Dennis (40) wurde genau wie Alisa (21), die zweite nichtsahnende Teilnehmerin an diesem Abend, unter einem Vorwand ins vollbesetzte Fernsehstudio gelockt. Unter den Gästen befinden sich Freunde und Familienangehörige, die allesamt vom Sender eingeweiht wurden und sich nun köstlich daran weiden, wie die beiden unfreiwilligen TV-Show-Protagonisten erst mal relativ nervös die Konfrontation mit dieser skurrilen Situation bewältigen. "Was macht ihr hier?", fragt sich ein sichtlich derangierter Dennis, als er sich umblickt und sieht, wer da unter anderem alles auf den Stühlen sitzt.

Ein bisschen "Truman Show" im ZDF-Hauptprogramm? Moderator Steven Gätjen gibt den Spielleiter in einer perfiden Realitätsinszenierung.

Nun wäre das für sich noch keine neue Erfindung - Shows, die aus dem Stand ihre verdutzten Kandidaten rekrutieren, hat man schon gesehen. Neu an "Sorry für alles" ist allerdings all das, sich im Vorfeld abspielt: Dennis und Alisa wurden einst bei einem gefakten Casting, zu dem sie freiwillig als Bewerber gegangen waren, ausgehorcht und dann wochenlang mit der versteckten Kamera hinters Licht geführt.

Mit dem Wissen ihres engsten Umfelds und teils unter Mitwirkung von Prominenten wurden sie durch allerlei seltsame Situationen geschickt. Das dabei entstandene Bildmaterial soll den Clou der Sendung darstellen: Die Einspieler bilden die launige Basis für Quizfragerunden. Schliesslich gibt es für die mir nichts dir nichts zu Kandidaten gewordenen Otto Normalverbraucher bis hin zur Traumreise oder einem Hochzeitskleid auch einiges zu gewinnen.

Kandidat Dennis glaubt es kaum, was ihm Moderator Steven Gätjen gerade verklickert: In den vergangenen Wochen wurde er nicht nur einmal mit der versteckten Kamera in perfide inszenierten Szenen beobachtet.

Das Quizprinzip geht so: Gätjen fragt seinen Kandidaten, in diesem Fall ist es Dennis, ob er sich grundsätzlich trauen würde, sich in einem Restaurant offen über die mangelnden Kochkünste zu beschweren, falls es ihm einmal nicht schmecken sollte? Dann wird der Wahrheitsgehalt seiner Antwort aufs Exempel überprüft.

Schliesslich erlebte Dennis unlängst einen denkwürdigen Abend bei Starkoch Johann Lafer, der in seiner Edel-Küche heimlich feixend Unmengen von Salz oder Chili in Dennis' Gericht gab ... Und Dennis, der arme Kerl, ging, heimlich von der ZDF-Kamera beobachtet, bei Lafer durch die kulinarische Hölle. "Das könnte das Widerlichste sein, was ich je gegessen habe... Ich kotze gleich", flüsterte er seinem mit am Tisch sitzenden Partner zu. Natürlich schmunzelt das Publikum im Studio, als der Beitrag seinen Höhepunkt erreicht und Lafer an den Tisch kommt, um sich zu erkundigen, ob denn "alles klar" sei ...

Auch Alisa ist fassungslos: Alle in ihrem Umfeld haben es gewusst, nur sie hatte ja keine Ahnung, dass sie Kandidaten in einer neuen Quizsendung des ZDF sein würde.

So weit, so bieder, muss man leider sagen. Denn was sich in der Ankündigung äusserst aufregend las, vielleicht wie eine perfide, moderne Variante des Prinzips aus dem Oscar-Preisträgerfilm "Truman Show", ist in Wahrheit nur ziemlich gestreckte TV-Unterhaltung mit reichlich 90er-Jahre-Anstrich - ohne Witz und Glamour und ohne jede Relevanz.

Nichts gegen den Ansatz. Die Idee, eben mal in das Leben nichtsahnender Menschen einzugreifen, ist zwar im Grundsatz durchaus fragwürdig, aber in jedem Fall auch spektakulär. In "Truman Show", dem Blockbuster von 1998, ahnt ein Versicherungsangestellter nichts davon, dass er Teil einer Fernsehserie ist - der Mann lebt seit seiner Geburt in einer Kulisse, umgeben von Schauspielern und versteckten Kameras. Als Zuschauer blieb man nachhaltig verblüfft zurück. Der Film hatte vielen vielleicht erstmals die Augen geöffnet, welche Macht digitale und televisionäre Medien eines Tages womöglich haben könnten. Bei "Sorry für alles" hingegen geht der Effekt nie über kleine Schmunzler hinaus. Was in der Natur der Sache liegt ...

Es handelt sich um eine Fernsehshow, die ihren Kandidaten absolut wohlgesonnen ist, etwas anderes wäre schon rein datenschutzrechtlich vermutlich ein Skandal. Hier sind es also nur einzelne Situationen - erlebt und gefilmt in einem Zeitraum von vier Wochen. Alles ganz harmlos, ohne Ecken, Kanten oder tieferen Sinn. Steven Gätjen erklärte im Vorfeld, "Sorry für alles" krempele das Leben der Betroffenen auf freundliche Art und Weise um. Stimmt genau. Aber jede "Quiz Taxi"-Ausgabe war knackiger. Nicht nur Jim Carrey würde das nicht gefallen.

Dem TV-Experiment räumt das ZDF im Sommer zunächst zwei Chancen ein. Am Mittwoch, 7. August, 20:15 Uhr, ging es los. Die zweite "Sorry für alles"-Ausgabe wird am Mittwoch, 14. August, um 20:15 Uhr, ausgestrahlt. (tsch/Frank Rauscher)  © teleschau - der mediendienst GmbH