"Borowski und das verlorene Mädchen" hiess der "Tatort" am Sonntag. Das Mädchen, das war die 17-jährige Schülerin Julia und verloren war sie an die Terrormiliz IS. Doch wie rekrutiert der "Islamische Staat" junge Frauen in Deutschland? Was sind das für Frauen und wie kann man sie wieder zurückgewinnen?

Es ist eine Vorstellung, die für Eltern wohl nur sehr schwer auszuhalten ist: Das eigene Kind schliesst sich einer radikalen Vereinigung an. Im aktuellen "Tatort" verfällt eine junge Frau der Propaganda des "Islamischen Staates". Sie wendet sich langsam von ihrem alten Umfeld ab und will sogar nach Syrien ausreisen.

Wie realistisch ist dieses Szenario? Wir haben mit Dr. Marwan Abou Taam, Analyst beim Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz gesprochen.

Herr Abou Taam, wirbt der IS gezielt junge Frauen oder Mädchen in Deutschland an?

Dr. Marwan Abou Taam: Ja. Wir wissen, dass etwas mehr als 20 Prozent der Menschen, die nach Syrien ausgereist sind, junge Frauen beziehungsweise Mädchen sind. Junge Frauen zeigen eine immer grössere Anfälligkeit für die Propaganda des IS.

Das Mädchen im "Tatort" scheint durch den Tod seines Vaters traumatisiert, wird in der Schule gemobbt. Sucht der IS gezielt Frauen aus, die gerade in einer schwierigen Lebenssituation sind?

Radikale Gruppen versuchen ganz generell, gezielt junge, instabile Menschen anzusprechen. Sie versprechen diesen Menschen Lebenssinn und Gemeinschaft. Es ist aber nicht so, dass alle Frauen, die sich für den IS oder andere radikale Gruppen interessieren, von vornherein labil sind. Es werden auch andere Frauen mit der Propaganda erreicht.

Es hat auch viel mit den individuellen Motiven zu tun, warum sich jemand einer radikalen Gruppe anschliesst. Es gibt Frauen, die ideologisch überzeugt sind, aber auch Frauen, die vielleicht nur ihre Ehemänner begleiten. Und es gibt alle anderen, die dazwischen liegen.

Wie läuft eine solche Rekrutierung in der Praxis ab?

Ein Abdriften in eine radikale Richtung hat sehr viel mit Gruppendynamik zu tun. Neue Bekannte, Freunde oder andere vertraute Menschen nehmen einen peu à peu in die radikale Gruppe mit – ein Phänomen, das wir aus dem Rechtsradikalismus sehr gut kennen.

Ein anderes Phänomen, das besonders beim IS zunehmend eine Rolle spielt, ist das Internet. Dort wird versucht, junge Frauen, aber natürlich auch Männer für die Gruppe zu gewinnen.

Im "Tatort" heisst es, der IS brauche "Männer mit europäischem Background". Warum?

Für den IS ist es natürlich ein Propagandasieg, wenn er ausgerechnet im Westen aufgewachsene Muslime oder sogar Konvertiten gewinnt. Denn dadurch kann er beweisen, dass er dem Westen überlegen ist - denn warum sonst sollten sich europäische Jugendliche dem IS anschliessen?

Darüber hinaus spielen auch mystische Prophezeiungen eine Rolle. In einer bestimmten Prophezeiung zum Beispiel heisst es, dass sich einst Kämpfer aus Afghanistan mit Europäern zusammentun und das neue Kalifat aufbauen werden. Damit sind die europäischen Männer für den IS so etwas wie die Erfüllung der Prophezeiung.

Ausserdem spielen diese Männer für die IS-Propaganda eine grosse Rolle. Wenn man sich die Propaganda ansieht, könnte man glauben, dass nur Europäer beim IS sind – was natürlich nicht stimmt.

Was erleben diese Frauen dann in Syrien?

In erster Linie natürlich Krieg. Und das zweite, was diese Frauen sehr schnell mitbekommen, ist, dass es beim IS keine gleichberechtigte Gesellschaft gibt. Im IS herrscht eine hierarchische, männlich dominierte Ordnung, in der eine totalitäre Wertevorstellung existiert. Also genau das Gegenteil dessen, was die Mädchen in Europa haben.

Aber wissen die Frauen das nicht vorher?

All das, was über den IS im Westen berichtet wird, wird ganz schnell zur Anti-IS-Propaganda erklärt. Man glaubt der Berichterstattung einfach nicht.

Also ähnlich dem, was man in Deutschland derzeit hört - Stichwort Lügenpresse?

Im Prinzip sind die Mechanismen der Radikalität überall gleich und die Feindbilder vergleichbar: die Presse, das Establishment, die Juden und so weiter. In allen Fällen entsteht ein Abstand zum System. In der Gruppe schaut jeder dann durch dieselbe Brille und alles andere wird als verlogen und falsch angesehen.

Kann man "verloren gegangene Mädchen" wieder zurückgewinnen und wenn ja, wie?

Es besteht zumindest die Hoffnung. Ab einem gewissen Punkt muss man das aber mit einer professionellen Intervention machen, ähnlich wie bei jemandem, der in die rechte Szene abgedriftet ist. In den meisten Fällen werden es nicht die Eltern sein, die das eigene Kind wieder aus der Radikalität herausholen können.

Dr. Marwan Abou Taam ist Experte für internationalen Terrorismus und Sicherheitspolitik. Seit 2006 arbeitet er als wissenschaftlicher Analyst für das Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz. Beim Kieler "Tatort: Borowski und das verlorene Mädchen" hat er den NDR fachlich beraten.

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