In "Macht der Familie" soll ein russischer Waffenhändler mit Hilfe seiner eigensinnigen Nichte überführt werden. Dazu wird viel umhergeschritten und Tolstoi zitiert. Kommissar Falke hat allen Grund, über die Kollegen zu fluchen.

Iris Alanyali.
Eine Kritik
von Iris Alanyali
Diese Kritik stellt die Sicht der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Warum nicht einfach mal einen "Tatort" als russischen Klassiker inszenieren? Geht ganz einfach: Die Hauptfiguren sind eine russische Familie aus Waffenhändlern.

Die erwachsenen Kinder leben in Stadtwohnungen, die man im "industrial chic" einrichten kann, das sieht genauso malerisch verfallen aus wie die Landsitze des verarmten Landadels in russischen Theaterstücken. Und die ältere Generation lässt man in Hamburger Vorstadt-Villen im Pseudo-Schlösschenstil residieren, dann können die Mütter schwermütig auf Chaiselongues loungen.

Der Waffenhändler selbst trägt einen graumelierten Bart und ist auch sehr schwermütig, am Klavier spielt Victor Timofejew (Wladimir Tarasjanz) Schostakowitsch.

Die Familie Timofejew im Tatort-Tschechow ist nämlich nicht verarmt, sondern steinreich und sehr gebildet. Wenn man sich nicht gerade Champagner einschenkt wie andere Leute Mineralwasser, dann geht man nachdenklich umher und zitiert russische Klassiker: "Der Weg des Lebens ist breit, aber viele kennen ihn nicht und wandeln den Weg des Todes."

Mit einem Zitat des Schriftstellers Nikolai Gogol erklärt Andrej, der Sohn des klavierspielenden Waffenhändlers, Kommissarin Julia Grosz den frühen Selbstmord seines Onkels. Nach dessen Tod hat Victor Timofejew nämlich die beiden Kinder seines Bruders adoptiert und grossgezogen wie seinen eigenen Sohn Andrej. Und ihre Mutter ist inzwischen offenbar Victors Frau – in ein ordentliches russisches Drama gehören unbedingt auch komplizierte Familienverhältnisse.

Alles, was dazu gehört: Jagdhütte mit Hirschgeweih, Fabergé-Ei und Cézanne-Obstschale

Aber Julia Grosz (Franziska Weisz) hat jetzt wirklich keinen Nerv für Gogol-Zitate: Gerade ist sie endlich zur Hauptkommissarin befördert worden, hat ihren ersten Grosseinsatz geleitet – und versagt: Ein verdeckter Ermittler des BKA sollte als kurdischer Geschäftsmann mit dem Neffen des Waffenhändlers einen Deal abschliessen. Bevor aber die Bundespolizei zuschlagen kann, kommt es zu einer Explosion, und jetzt sind der Ermittler und der Neffe tot.

Aber der tote Nicolai Timofejew (Jakub Gierszal) hat ja noch eine Schwester: Marija (Tatiana Nekrasov) hat sich schon vor Jahren von der Familie abgewendet und ist selbst Polizistin geworden. Jetzt soll sie den Kommissaren Grosz und Falke dabei helfen, die illegalen Geschäfte ihres Ziehvaters und den Bombenanschlag aufzuklären, bei dem ihr Bruder Nicolai ums Leben kam.

Dafür trifft sie sich mit ihrem Cousin Andrej (Nikolay Sidorenko), dem Sohn des Waffenhändlers. Und zwar stilgerecht in einer Datsche am See: In der Jagdhütte ist alles aus dunklem Holz, an der Wand hängt ein Hirschgeweih, den Nachttisch ziert ein Fabergé-Ei und die Obstschale sieht aus, als käme gleich Cézanne vorbei, um ein Stillleben zu pinseln.

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"Tatort: Macht der Familie" aus Hamburg: Schwermütiges Zitieren in der russischen Literaturfamilie

Marija ist hin- und hergerissen zwischen der Verachtung für den Waffenhandel und der alten Verbundenheit zu den beiden jungen Timofejews, mit denen sie aufgewachsen ist: Eine gute Gelegenheit für das nächste Zitat. Und sollten sich die gebildeten "Tatort"-Zuschauerinnen und -Zuschauer und Tolstoi-Leserinnen und -Leser fragen, wo denn der beliebteste Spruch aus dem russischen Literaturkalender (und aus dem Roman "Anna Karenina") bleibt – keine Sorge: "Alle glücklichen Familien gleichen einander", zitiert Andrej erwartungsgemäss, "jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich."

Während Marija sich früh von den Machenschaften distanziert hat, gibt Andrej zu, den Luxus zu geniessen, den die Geschäfte des Vaters erlauben. Und dann pflückt der blondgelockte Jüngling nachdenklich eine Traube aus der Obstschale und fragt: "Verachtest Du mich deswegen?" Und Marija antwortet ohne Traube, aber genauso nachdenklich: "Ich weiss nicht. Ich hab keine Gefühle mehr für dich. Für ihn."

Ja, so redet man in russischen Literaturfamilien und also auch in diesem Drama, in das Drehbuchautor und Regisseur (und "Tatort"-Veteran) Niki Stein alles gepackt hat, was in einen "Tatort" des zaristischen Russlands der Jahrhundertwende gehört. Zum Beispiel auch einen Waidmann, der frühmorgens durch den Wald stapft und Iwan Turgenjew zitiert: "Wer, ausser dem Jäger, hat es empfunden, wie schön es ist, beim Sonnenaufgang durch die Büsche zu streifen?"

Hölzern und nicht nachvollziehbar

Was auf dem Papier eine originelle Idee scheint, bleibt dort kleben, weil die Dialoge so papiern sind wie die Schauspieler leicht überfordert. Die Timofejews müssen wie Theaterpuppen über die "Tatort"-Bühne stolzieren, anstatt zu lebenden und liebenden Familienmitgliedern werden zu dürfen, und so bleibt Marijas Konflikt zwischen moralischem Anspruch und alter Verbundenheit nur behauptet und nicht nachvollziehbar.

Und die hektische moderne Polizeiarbeit, zu der die angespannte Hauptkommissarin und der missglückte Grosseinsatz führen, bildet keinen reizvollen Kontrast zur altertümlichen Familientragödie, sondern verstärkt nur die Lächerlichkeit.

Es gibt nur einen Lichtblick: Wotan Wilke Möhring, der als Kommissar Falke von dem ganzen Einsatz so genervt sein darf wie wir von der ganzen Episode. Falke ist ohnehin nicht gut drauf, weil sein Sohn auszieht, ausserdem kennt und schätzt er Marija von früher und hält nicht viel von ihrem gefährlichen Auftrag. Jetzt schimpft er auf die unfähigen Kollegen so, wie wir das gerne täten. Falkes Sprüche jedenfalls passen hier besser als sämtliche russischen Weisheiten.

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Tatort Dortmund Stefanie Reinsperger
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