Im Wiener "Tatort" entführt ein Student seine Eltern und droht medienwirksam mit deren Ermordung und dem eigenen Suizid. Sein Motiv: Auf den ungeheuren Leistungsdruck an Unis und in der Gesellschaft aufmerksam zu machen. Doch wie sieht es an unseren Unis wirklich aus? Wir haben mit einem Experten über Leistungsdruck gesprochen.

Der "Tatort: Schock" aus Wien zeichnete ein beängstigendes Bild von unseren Hochschulen. Studenten nehmen aufputschende Drogen, um mithalten zu können, eine junge Frau beendet ihr Leben, weil sie dem Druck nicht standhält und ein Student entführt seine Eltern als Zeichen gegen den Leistungsdruck an Universitäten im Speziellen und in unserer Gesellschaft im Allgemeinen. Aber wie sieht das in der Realität aus? Wir haben mit dem Diplom-Psychologen Volker Koscielny, psychologischer Berater der Zentralen Studienberatung der Universität Münster, gesprochen.

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Herr Koscielny, mit welchen Problemen kommen Studierende zu Ihnen?

Volker Koscielny: Zu unserer psychologischen Beratung kommen Studenten mit ganz unterschiedlichen persönlichen Problemen. Generell sind die Themen zunächst nur studienbezogen, also zum Beispiel Lernblockaden, Motivationsprobleme oder Prüfungsangst. Nicht selten kommen dabei aber auch die dahinterstehenden Probleme auf den Tisch. Das können familiäre Probleme sein, Schwierigkeiten mit dem Partner oder auch Mobbing-Erfahrungen.

Welche Rolle spielt bei all diesen Problemen der Leistungsdruck während des Studiums?

Leistungsdruck taucht bei der Beratung immer wieder auf. Es gibt dabei aber immer zwei Seiten des Stresses. Der objektive, der dadurch entsteht, dass von aussen Stress an mich herangetragen wird – zum Beispiel durch eine Prüfung. Und dann gibt es den subjektiven Stress, also die Frage, wie ich mit diesem Stress umgehe. Erst durch das Zusammenwirken dieser beiden Faktoren entsteht dann der eigentliche Leistungsdruck.

Haben Sie in den vergangenen Jahren hier eine Zunahme feststellen können?

Mein rein subjektiver Eindruck ist, dass das in den vergangenen zehn Jahren schon mehr geworden ist. Allerdings muss man auch hier genau anschauen, was sich geändert hat und was sich vielleicht auch verbessert hat. So sind Studiengänge durch die Einführung von Master und Bachelor zwar strukturierter geworden, was aber für manche Studenten auch positiv sein kann, weil sie eine grössere Orientierung haben.

Für andere wiederum bedeutet das vielleicht eine Einschränkung der Wahlfreiheit und mehr Prüfungen, was wiederum mehr Stress bedeutet. Das muss man also immer individuell betrachten. Aber man kann trotzdem feststellen, dass der Leistungsdruck in der gesamten Gesellschaft grösser geworden ist - also das Phänomen, sich mit anderen in Konkurrenz zu begreifen.

Diesen gesellschaftlichen Leistungsdruck können Sie aber bei Ihrer Arbeit nicht bekämpfen, sondern nur den Studierenden helfen, dabei nicht unter die Räder zu kommen.

Genau das ist unser Ansatz. Zu erklären, dass es darauf ankommt, wie man mit diesem Druck umgeht. Es ist verständlich, dass man möglichst schnell und möglichst gut mit dem Studium fertigwerden möchte. Die Frage aber ist, was das für mich bedeutet. Hier erklären wir, dass es absolut keine Katastrophe ist, wenn man zwei Semester länger studiert – für die meisten Arbeitgeber ist so etwas ohnehin nicht wichtig. Ausserdem erklären wir, dass zu hoher Druck auch kontraproduktiv für das Studium ist, weil man sich dadurch zum Beispiel weniger konzentrieren kann.

Der Student im "Tatort" hat berufliche Koryphäen als Eltern, die ungeheuren Druck auf ihn ausüben. Welche Rolle spielen denn die Eltern beim Thema Leistungsdruck?

Das kann in beide Richtungen gehen. Es gibt sicher Eltern, die eher den Druck erhöhen. Aber es gibt eben auch welche, die ihren Kindern helfen und ihnen den Druck nehmen. Manche sind gestresster, aber manche eben auch relaxter als die Kinder.

Im "Tatort" sagt der Student zu seinen Eltern: "Laufen lernen ist das letzte Mal, dass wir etwas lernen dürfen, indem es uns misslingt." Hatten Sie auch Fälle, in denen Studenten nicht am Studium selbst, sondern am Druck, nicht scheitern zu dürfen, gescheitert sind?

Natürlich, das kommt vor. Dass es manchen nicht gelingt, auch einmal einen Misserfolg zu tolerieren oder auch mal unterdurchschnittlich zu sein. Es gibt Studenten, die sich so etwas nicht verzeihen und durch diesen Stress nicht mehr weitermachen können.

Was raten Sie solchen Studierenden?

Erst einmal, nicht mehr so mit sich umzugehen. Manchmal geht es auch darum, dass man sich nicht motivieren muss zu lernen, sondern auch, mit dem Lernen einmal aufzuhören. Sich mit Freunden zu treffen, Sport zu treiben oder sich einfach ein freies Wochenende zu gönnen. Studium kann auch Spass machen.

Im "Tatort" ist von einem Seminar die Rede, dessen Durchfallquote bei 90 Prozent liegt.

Wir hören vereinzelt von solchen oder ähnlichen Fällen. Wir sind hierbei aber nur für die Beratung der Studierenden zuständig. Es gibt aber an der Uni Münster und in den Fächern selbst andere Anlaufstellen, wie zum Beispiel Vertrauensdozenten, wenn etwas schiefläuft oder jemand mit seinen Anforderungen über das Ziel hinausschiesst.

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