Das deutsche Fernsehen wird immer schamloser, die Zurschaustellung privater Ereignisse mehr und mehr zur Normalität. Welche Grenzen gibt es überhaupt noch?

Bei "Babyboom – Willkommen im Leben" sollten Mütter im Kreisssaal gefilmt werden, das hat der Berliner Senat letzte Woche erst einmal gestoppt. Die RTL Doku-Soap "7 Tage Sex" hingegen ist angelaufen: In der Sendung versuchen Paare ihr Liebesleben wieder in Schwung zu bringen, indem sie sich verpflichten, jeden Tag Sex zu haben.

Eine der letzten Grenzen des Privaten ist mit dem Zoom ins Schlafzimmer überschritten. Zur Jahrtausendwende sah das noch ganz anders aus - die erste Staffel "Big Brother" sorgte für Empörung, das Format galt als Tabubruch und Fernseh-Ereignis des Jahres.

Mit "Big Brother" fing alles an

Deutschland im Jahre 2000: Ein brandneues TV-Format erregt die Gemüter - "Big Brother". Frisch aus Holland importiert, schockt die erste "Dokutainment"-Sendung wegen ihrer Kompromisslosigkeit. 24 Stunden sollen die Bewohner des "Big Brother"-Hauses gefilmt werden, nichts soll den Kameras entgehen.

Kritisiert und öffentlich diskutiert wurde die Zurschaustellung privaten Lebens in der medialen Öffentlichkeit und der als ethisch fragwürdig empfundene Eingriff der Fernsehsender in das Privatleben der Bewohner. Heute gehört Zurschaustellung des Privatlebens zum Fernseh-Alltag.

Medienwissenschaftler sprechen von einer "Radikalisierung" der Formate, besonders im Reality-Bereich. Das allerdings ist ein schleichender Prozess: Trotz heftiger Kritik wurde "Big Brother" zu einem der erfolgreichsten TV-Events des neuen Jahrzehnts - der Plan, den Voyeurismus des Zuschauers zu nutzen, ging auf.

Doch nachdem sich ein paar C-Promis nackig gemacht hatten, Pärchen vor laufender Kamera Sex hatten und auch streit- und mobbingtechnisch alles ausgereizt war, verloren die Zuschauer das Interesse.

Trotz immer aufwendigerer Produktion und immer komplizierterer Spielregeln floppte die elfte und bis dato letzte Staffel.

"Emotainment": Vom Casting zum Dating - ein kurzer Weg

Nachdem zunächst der Voyeurismus-Effekt auf Casting-Sendungen übertragen wurde, in denen der Zuschauer sich an peinlichen Blamagen und Bewerbern mit vollkommen verschobener Selbstwahrnehmung delektieren konnte, ging man einen Schritt weiter - ins Private - und castete Liebes-Partner.

Das sogenannte "Emotainment" war geboren - Entertainment mit Emotionen: Fortan wurde querbeet alles verkuppelt, was ging: "Bauer sucht Frau" ist dabei schon der Klassiker, Landwirte werden von Moderatorin Inka Bause mal mehr mal weniger erfolgreich dem Liebesglück zugeführt.

Es folgte die schickere Version - "Der Bachelor": Schicke junge Herren daten schicke junge Damen. Anschliessend "Schwiegertochter gesucht", hier durfte Mutti dann den Amor spielen und letzten Endes - mangels neuer Ideen - die Verknüpfung zweier Formate: "Auswanderer sucht Frau". Ein neues Konzept musste her.

Hier wirst du geholfen! "Helptainment" ohne Ende

"Schlimmer geht's immer!" Das scheint das Motto zu sein bei der Produktion von "Helptainment"-Formaten wie "The Biggest Loser", "Die Super Nanny", "Einsatz in 4 Wänden", "Die strengsten Eltern der Welt", "Raus aus den Schulden" oder "Extrem Schön!".

Dir geht es schlecht? Mach den Fernseher an und du siehst garantiert jemanden, dem es noch schlechter geht. Egal, ob schwer erziehbares Kind, jugendlicher Straftäter, Messie, übergewichtig, zahnlos, verschuldet, welches Problem auch immer die Menschen haben, im Fernsehen wird es publikumswirksam gelöst.

Dabei ergeben sich zum Teil skurrile Begebenheiten, wenn die Protagonisten der "Frauentausch"-Sendung, in der sich über ein Holzbrett im Wert von 2,50 Euro gestritten wurde, aus ihrem Dorf wegziehen müssen, weil das Postfach überquillt vor Holzbrettern. Oder die Messie-Frau, die sich nach Tine Wittlers Einsatz öffentlich beschwert: "Alles wurde weggeworfen!"

Aber genau dieser Aspekt, dass es Menschen sind, die da vorgeführt werden, die auch nach der Sendung ein Leben haben, in dem sie mit ihren öffentlich gemachten Schwächen zurechtkommen müssen, die sich zum grossen Teil gar nicht bewusst sind, was da eigentlich auf sie zukommt - das interessiert niemanden mehr.

Der Kampf um Einschaltquoten treibt die Produzenten zu immer bizarreren Ideen, das Publikum schaut, was man ihm vorsetzt. Das ist ein internationaler Vorgang, in den USA werden schon seit einiger Zeit geplant Grenzen überschritten, in den Niederlanden kam es zu einem Skandal, weil Moderatoren einer Fernsehsendung live Menschenfleisch assen und harte Drogen ausprobierten.

Gegen solcherlei Auswüchse mutet das bisschen Promi-Voyeurismus im "Dschungelcamp" schon fast wie harmloses Kasperle-Theater an. Wohin soll es also gehen im TV? Immer mehr, immer wilder? Der Drehstopp von "Babyboom – Willkommen im Leben" zeigt auf jeden Fall, dass es in Deutschland noch Grenzen zu geben scheint.

Das eheliche Schlafzimmer allerdings, eine der letzten Bastionen der Intimität, wurde jetzt mit "7 Tage Sex" erstürmt.