Vor rund 100.000 Jahren lebte eine beeindruckende Vielfalt von Menschenarten. Dazu zählte neben Homo sapiens, Neandertaler und Denisova-Mensch wohl auch noch der Homo erectus auf Java.

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Er gilt als ein Ahne späterer Menschenarten und verbreitete sich über die Erde, lange bevor der Homo sapiens entstand: Nun berichtet ein internationales Forscherteam, dass der Homo erectus auf der indonesischen Insel Java noch vor grob 110.000 Jahren lebte. Damit war er ein Zeitgenosse etwa von Homo sapiens, Neandertaler und Denisova-Mensch.

Der Homo erectus habe auf Java rund 1,5 Millionen Jahre überdauert und sei dann drastischen Umweltveränderungen zum Opfer gefallen, schreiben die Forscher um Kira Westaway von der Macquarie University in Sydney und Russell Ciochon von der University of Iowa in Iowa City im Fachblatt "Nature".

Christoph Zollikofer von der Universität Zürich findet die Datierung plausibel. "Die Forscher haben drei Methoden kombiniert", sagt der Anthropologe, der nicht an der Arbeit beteiligt war. "Das wurde in dieser Systematik bisher nicht gemacht."

Forscher nutzten drei verschiedene Ansätze

Der Homo erectus entstand vor rund zwei Millionen Jahren in Afrika und verbreitete sich von dort aus nach Europa und Asien. Fossilien zeigen, dass er vor 1,8 Millionen Jahren im heutigen Georgien und vor mehr als 1,5 Millionen Jahren auf Java lebte. Seine Fossilien verschwinden in Afrika und Eurasien aber ab vor etwa 400.000 Jahren. Zum zeitlichen Vergleich: Die ältesten Funde des Homo sapiens stammen aus Marokko und sind etwa 300.000 Jahre alt.

In den 1930er Jahren entdeckten niederländische Forscher in der Osthälfte von Java nahe der Stadt Ngandong Fossilien, die dem Homo erectus zugeschrieben werden. An einer Terrasse des Flusses Solo fanden sie etliche Schädelfragmente und Beinknochen. Probleme bereitete allerdings die Datierung dieses sogenannten Java-Menschen. Das Alter der Knochen wurde in verschiedenen Studien - je nach Methode - auf zwischen 30.000 und 550.000 Jahre beziffert.

In der neuen Studie nutzten die Forscher drei verschiedene Ansätze: Anhand von Mineralienablagerungen in Höhlen klärten sie, dass sich der Höhenzug der Kendeng-Berge vor mehr als 500.000 Jahren hob und dem Solo-Fluss seinen nordwärts gerichteten Verlauf ermöglichte. Die verschiedenen Terrassen des Flusses wurden, wie verschiedene Datierungsverfahren ergaben, vor 316.000 bis vor 31.000 Jahren abgelagert. Jene Terrasse, wo die Fossilien entdeckt wurden, entstand vor 140.000 bis 92.000 Jahren.

Das letzte Auftreten des Homo erectus weltweit

Im letzten Schritt datierten die Forscher dann die Fundstelle, aus der die Knochen stammten: Diese Schicht ist demnach 108.000 bis 117.000 Jahre alt. Aus dem guten Zustand der H. erectus-Fossilien und dort entdeckter Tierknochen folgern die Forscher, dass sie nach ihrer ersten Ablagerung im Boden ungestört blieben - und vermutlich nicht mehrfach umgebettet wurden.

"Dieser Ort ist das letzte bekannte Autreten des Homo erectus weltweit", wird Ciochon in einer Mitteilung seiner Universität zitiert. "Es gibt keine Hinweise dafür, dass Homo erectus irgendwo noch später lebte." Homo erectus und der Homo sapiens, der Afrika erst vor rund 100.000 Jahren verliess, seien sich in der Region nicht begegnet, betont das Team.

Für das Verschwinden des H. erectus machen die Forscher einen Wandel der Umwelt verantwortlich: "Es gab klimatische Veränderungen", sagt Ciochon. Die Pflanzenwelt habe sich damals von offenem Grasland zu tropischem Dschungel verändert. "Das waren nicht die Pflanzen und Tiere, an die Homo erectus gewöhnt war, und die Art konnte sich nicht anpassen."

Aussterben nicht mit Umweltveränderungen erklären

Der Schweizer Anthropologe Zollikofer warnt davor, das Aussterben des Homo erectus mit Umweltveränderungen zu erklären. Der Lebensraum, der von Afrika über Europa bis nach Südostasien reichte, sei sehr vielfältig gewesen.

Zudem sei Homo erectus weniger eine biologische Spezies als vielmehr ein Sammelbegriff für Fossilfunde aus der Zeit von vor zwei Millionen bis vor gut 100.000 Jahren. "Es gibt zu wenige Kriterien, um anhand der in Raum und Zeit weit verstreuten Fossilfunde eindeutige Artgrenzen zu definieren."

Klar sei jedoch, dass damals eine grosse Vielfalt menschlicher Populationen - oder eben Arten - existiert habe, sagt der Anthropologe. In den vergangenen Jahren waren in Südostasien weitere Frühmenschen entdeckt wurden, die dort wohl auch zur Zeit des Homo erectus lebten: Überreste des Homo floresiensis, wegen seiner geringen Körpergrösse auch Hobbit genannt, wurden auf der indonesischen Insel Flores gefunden und auf ein Alter von 60.000 bis 100.000 Jahren datiert.

Und im vorigen April berichteten Forscher über den auf der philippinischen Insel Luzon gefundenen Homo luzonensis, der dort vor mindestens 50.000 Jahren lebte.  © dpa

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