• Anfallendes Regenwasser wird in Städten immer noch hauptsächlich in die Kanalisation abgeleitet.
  • Neue Planungskonzepte verwenden Niederschläge in der Stadt für mehr Kühlung und Bewässerung von Bäumen und Grünanlagen.
  • Ein Experte erklärt, wie das genau funktioniert und was man sich aus Asien abschauen kann.
Ein Interview

Herr Grau, als Landschaftsarchitekt entwickeln Sie schon seit Jahren Konzepte für Plätze und ganze Stadtteile, die Regenwasser für die Gestaltung nutzen und nicht in die Kanalisation ableiten. Warum ist das so wichtig?

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Dieter Grau: Der Punkt ist erreicht, wo der Umgang mit Regenwasser geändert werden muss. Das haben wir in diesem Sommer gesehen, wo in manchen Kommunen sogar das Trinkwasser knapp wurde. Regenwasser ist nicht Haustechnik oder Tiefbau, sondern ein Teil der Natur. Niederschlag ist ein Teil der Landschaft: ohne Regenwasser kein Baum, keine Grünfläche. Es ist notwendig, die Zuständigkeit auf die Berufe zu übertragen, die Landschaft und Freiflächen planen. Das Niederschlagswasser landet seit 50, 60 Jahren in technischen Bauwerken, um dort dann hauptsächlich in die Kanalisation zu verschwinden. Das Mantra ist leider immer noch: Wie leite ich das Wasser weg, wie lasse ich es versickern?

Was muss sich ändern?

Wir kriegen die Klimaauswirkungen nur in den Griff, wenn wir viel mehr Oberflächenwasser (Wasser, das auf Bodenflächen und Dächern anfällt, Anm.d.Red.) an Ort und Stelle sammeln und verdunsten lassen. Nur so können wir längere Trockenphasen überstehen und Starkregenereignisse, die immer mehr zunehmen, bewältigen. Zusätzlich bekommen wir die lokale Kühlung hin, die in Zukunft bei den steigenden Temperaturen entscheidend wird. Die Städte müssen wie Schwämme werden, die das Wasser aufnehmen, speichern und wieder zur Verfügung stellen - das sogenannte Schwammstadt-Prinzip. Dafür müssen von Anfang an alle Professionen zusammenarbeiten. Architektur und Landschaft wird immer noch zu sehr separiert betrachtet. So bekommen wir die Effekte, die wir dringend in den Städten brauchen, aber nicht hin.

2022 wurde der von Ihrem Büro geplante Mailänder Platz in Stuttgart mit dem Sonderpreis "Klimaanpassung im urbanen Raum" ausgezeichnet. Was ist neu am Konzept dieses Projekts?

Der Mailänder Platz versucht die Regenwasserrückhaltung vollständig in die Gestaltung des Stadtraums zu integrieren. Der Platz nutzt zum Beispiel das anfallende Wasser auf den Dächern für ein grosses Wasserspiel. Durch die Verdunstung des Wassers entsteht ein Kühleffekt. Wenn Sie an den heissen Tagen die "Stuttgarter Zeitung" aufschlagen, sehen Sie ein Bild vom Mailänder Platz und Leuten im Liegestuhl, die an diesem Wasserelement einen Caipirinha trinken. Weil es an solchen Tagen dort angenehm ist - woanders ist es nicht angenehm. Gleichzeitig werden so auch zu starke Regenfälle abgepuffert und die Kanalisation entlastet. Als Blaupause für Klimaanpassung in Städten kann der Mailänder Platz hier eine Vorreiterrolle einnehmen.

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In Zukunft wird sich Stadtplanung noch mehr um Regenwasser, Bewässerung, Kühlung und Extremregen drehen. Gibt es dafür überhaupt schon genug Fachleute? Wie kann die Umsetzung stärker vorangetrieben werden?

Die Professionen der Landschaftsarchitektur und Stadtplanung müssen weiter auf die zentrale Aufgabe 'Klimaanpassung' geschoben werden. Das wird auch passieren - die Frage, die sich im Moment stellt, ist nur: Wie schnell wird das passieren? Klimaanpassungsmassnahmen sind keine einfache Aufgabe, das kann man nicht von heute auf morgen lernen, das geht nicht. Man muss sich mit vielen Disziplinen auseinandersetzen: Hydraulik, Wasseringenieurwesen, wie gelingt das mit unseren ganzen Standards und Normen? Das ist für viele Planer nicht angenehm, weil sie es noch nicht gewohnt sind. Deshalb müssen Projekte von den Kommunen und Gemeinden so ausgeschrieben werden, dass es keinen Weg daran vorbei gibt. Das ist die einzige Chance.

Sie bearbeiten schon lange Projekte in Asien und unterhalten Büros in Singapur und Peking. Singapur gilt als grünste Stadt Asiens, was kann sich Deutschland da abschauen?

Als wir 2012 mitten in Singapur einen Betonkanal zum grünen naturnahen Fluss im Bishan Park umgeplant haben, war das dort etwas ganz Neues, Bahnbrechendes. Ingenieurbiologie, also Erbauwerke wie Deiche oder Böschungen mit lebenden Pflanzen, was hier in Deutschland schon Jahrzehnte in der Praxis war, haben wir dort ganz neu eingebracht. Inzwischen sieht man in Asien viel mehr Projekte dieser Art. Das ist ein Mentalitätsunterschied. In Asien werden Projekte relativ schnell umgesetzt, wenn man sich einmal entschieden hat - das ist unsere Richtung, unsere Strategie. Der technische Wissen ist bei uns in Deutschland schon lange da, aber mit fehlendem Mut der Politik und mit den ganzen überbordenden Normen und Richtlinien legen wir uns vielleicht zu viele Steine in den Weg, das nimmt sehr viel Geschwindigkeit raus. Wir spüren inzwischen auch hier das Verlangen nach integrierter Klimaanpassung in allen Projekten. Es wird aber noch einige Jahre dauern, bis man das in der Realität und in der Breite auch sehen kann.

Über den Experten: Landschaftsarchitekt Dieter Grau treibt seit über 20 Jahren Nachhaltigkeit in der Entwicklung von Städten in Europa, Asien und USA voran. Als geschäftsführender Partner von Ramboll-Studio Dreiseitl hält er weltweit Vorträge, veröffentlicht regelmässig in nationalen und internationalen Fachzeitschriften und ist Autor diverser Bücher, wie z. B. ‚Recent Waterscapes - Planning, Building and Designing with Water‘.
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