CDU und CSU sortieren sich zum Wahlkampf. Das Wahlprogramm wird vorgezogen. Friedrich Merz bekommt eine Schlüsselrolle und wird als "Superminister" der nächsten Regierung ins Schaufenster gestellt. Söder hat einen eigenen Plan - Codename "Wolfratshausen 2".

Dr. Wolfram Weimer
Eine Kolumne
von Wolfram Weimer
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) wird nach der Bundestagswahl auf keinen Fall nach Berlin wechseln. Er komme nur als Kanzler und wolle nicht als Superminister in ein denkbares Kabinett von Armin Laschet (CDU) wechseln, lässt Söder wissen und betont lakonisch: "Der Posten ist auch schon mit Friedrich Merz besetzt."

Die Union sortiert sich zum Wahlkampf. Doch es knirscht im Gebälk und die Beziehung wäre etwas für hartgesottene Paartherapeuten. Um einen harmonischen Eindruck zu machen, ziehen CDU/CSU immerhin die Präsentation des Wahlprogramms von Juli auf Juni vor.

CDU und CSU legen gemeinsames Wahlprogramm vor

In den Parteizentralen in Berlin und München wird waldpfeifend betont: Es sei doch ein gutes Zeichen, dass beide Parteien diesmal ein gemeinsames Wahlprogramm vorlegen werden. 2017 war die CSU noch mit einem eigenen Wahlprogramm ("Bayernplan") in die Bundestagswahl gezogen.

Nach dem Machtkampf zwischen Söder und Laschet um die Kanzlerkandidatur ist die verblüffende Situation entstanden, dass Friedrich Merz plötzlich als lachender Dritter erstarkt auf der politischen Bühne steht. Merz hat mit seinem Freund Wolfgang Schäuble in der Entscheidungswoche Laschet die Kandidatur gerettet und kämpft seither loyal für den Kanzlerkandidaten.

Er soll für Laschet den Wirtschaftsflügel, die Mittelständler, die Schwaben und Ostdeutschen (hier hat er besonderen Rückhalt) mobilisieren. Er steht - da Laschet sich väterlich-konziliant und merkelmittig positioniert - für die Abteilung Attacke, für Wirtschaftskompetenz und klare Kante, für CDU pur. Merz hat als einziger Spitzenpolitiker der CDU den Wahlkampf bereits mit angriffslustigen Auftritten eröffnet, nimmt die Grünen aufs Korn und steht in Sachsen-Anhalt dem dortigen CDU-Ministerpräsidenten Reiner Haseloff wahlkämpfend zur Seite.

Friedrich Merz wird als Finanzminister gehandelt

Damit gilt Merz in der Union nun als designierter Finanzminister einer etwaigen Laschet-Regierung. Einige erhoffen sich von ihm schon die grosse Steuerreform mit weitreichenden Vereinfachungen, wie er sie einst mit dem Stichwort Bierdeckel thematisiert hatte. Anderen würde schon reichen, wenn er die Gestaltungswünsche der Grünen einbremsen könnte.

Das Comeback von Merz und seine Inszenierung als möglicher Superfinanzminister bedeutet auch, dass er im Falle einer CDU-Wahlniederlage als kommender Fraktionsvorsitzender infrage käme. Dieses Amt als Oppositionsführer hatte Merz schon von 2000 bis 2002 inne.

Bis vor wenigen Monaten war Jens Spahn der prädestinierte Kandidat für die Leitung der Unionsfraktion. Doch nach den Affären und Problemen in der Pandemiepolitik ist Spahns Position innerhalb der CDU geschwächt.

Söder verfolgt mit "Wolfratshausen 2" die Merkel-Strategie

Söder wiederum verfolgt eine eigene Agenda. In München macht der Begriff "Wolfratshausen 2" die Runde. Wie weiland Angela Merkel im Jahr 2002 Edmund Stoiber bei einem Frühstück in Wolfratshausen zähneknirschend die Kanzlerkandidatur überlassen habe, so gewähre Söder jetzt umgekehrt Laschet gequält den Vortritt - um ihn verlieren zu lassen. Rückblickend war das Wolfratshausener Frühstück eine strategische Klugheit von Merkel und bahnte ihr langfristig den Weg in die Kanzlerschaft, denn nur so konnte die gärende CSU befriedet werden.

Söder habe diesmal bewusst nicht alles auf eine Karte gesetzt, heisst es aus der CSU. Er hätte sich im entscheidenden Moment des Machtkampfs mit Laschet über die Bundestagsfraktion küren lassen und die Kandidatur erzwingen können - wie Franz-Josef Strauss 1979. Doch Strauss verlor anschliessend mit einer demotivierten CDU an seiner Seite die Bundestagswahl.

Söder hingegen habe sich für die Merkel-Strategie entscheiden, also für "Wolfratshausen 2".

Söder hält sich die Tür für eine spätere Kanzlerschaft offen

Sein Kalkül: Sollte Laschet die Bundestagswahl verlieren, dann ist Söder automatisch der Kanzlerkandidat für 2025. Sollte Laschet gewinnen, dann wird er Kanzler in Reserve. Der Blick geht bereits bis ins Wahljahr 2029. Dann hätte ein neuer Bundeskanzler zwei Amtszeiten hinter sich und sollte - so die sich anbahnende Amtszeitbegrenzung für Kanzler - abtreten.

Das Thema Kanzlerzeitbegrenzung wird darum nicht nur bei Grünen, Linken, Liberalen und der CDU sondern auch aus der CSU aktiv vorangetrieben, schon um für Söder 2029 sicherheitshalber die Tür zu öffnen. Söder wäre 2029 dann 62 Jahre alt - immer noch vier Jahre jünger als der bisher einzige Kanzler aus Bayern.

Ludwig Erhard wurde 1963 im Alter von 66 Jahren Bundeskanzler. Und auf den Vater der Sozialen Marktwirtschaft beruft sich Markus Söder gerne - schliesslich war der wie er selbst ein cleverer Stratege und Franke.

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