Seit Jahren leben mehrere Tausend Flüchtlinge im berüchtigten Lager von Calais an der französischen Küste des Ärmelkanals. Die Zustände vor Ort sind kaum zu beschreiben. Immer wieder kam es zu Gewaltausbrüchen und gefährlichen Zwischenfällen in den Röhren des Eurotunnels. Calais Bürgermeisterin erklärte, es hätte niemals so weit kommen dürfen. Wie also kam es zur Situation, die nun in der Räumung eskaliert?

Frankreich hat ein belastetes Verhältnis zu Migranten. Der Gewinn der Fussball-WM 1998 wurde mitunter als Beleg für gelungene Integration gedeutet, mit einem sagenhaften Zinedine Zidane als Frankreichs kickenden Kulturbotschafter mit algerischen Wurzeln.

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Doch Frankreichs berüchtigte "Banlieues", die ghettoisierten Plattenbau-Vorstädte von Paris, Marseille oder Lyon, stehen auch rund zwei Jahrzehnte später weiterhin als Sinnbild für Aus- und Abgrenzung. Die extrem rechte Partei "Front National" um Marine Le Pen profitiert von versteckter Fremdenfeindlichkeit und offenem Rassismus.

Frankreich hatte keine "Willkommenskultur"

Eine sogenannte "Willkommenskultur" hatte es vor diesem Hintergrund im Zuge der europäischen Flüchtlingskrise nicht gegeben, ebenso wenig infrastrukturelle Vorbereitungen und einen konkreten Plan zur Verteilung der Flüchtlinge.

Gekommen sind die Menschen dennoch. Aus Afghanistan, Pakistan, Äthiopien, Eritrea, dem Sudan und natürlich aus Syrien. Für viele sollte Frankreich nur Zwischenstation sein auf dem Weg nach Grossbritannien, wo man sich laut dem britischen Roten Kreuz Arbeit versprach, geringere Sprachprobleme und eine bessere Eingliederung in eine multikulturelle Grossstadt-Gesellschaft. Nicht wenige wählten dabei den gefährlichen und illegalen Weg durch die unterirdischen Röhren des Eurotunnels.

Bereits 1999 hatte das Rote Kreuz bei Sangatte, rund zehn Kilometer westlich von Calais, ein provisorisches Lager eingerichtet, das auf 200 Personen ausgelegt war. Zwischenzeitlich platzte Sangatte mit dem beinahe Zehnfachen der ursprünglichen Kapazität aus allen Nähten. "Das Lager steht kurz vor der Explosion", mahnte damals der Präsident des französischen Roten Kreuzes, Marc Gentillini.

Die Zustände für die Menschen in dem Lager waren katastrophal. Sangatte wurde als Symbol für die Unmenschlichkeit Europas als Antwort auf die Herausforderungen der Flüchtlingskrise angesehen. Die französischen Behörden machten das Lager auf Anweisung des damaligen Innenministers Nicolas Sarcozy im Jahr 2002 dicht.

Sarcozy hatte eine Null-Toleranz-Politik ausgegeben und auch aus Grossbritannien kam Gegenwind. Sarcozys britischer Amtskollege David Blunkett artikulierte seine Meinung über eine effektive Lösung des Problems: Grossbritannien werde zukünftig aufhören, für Flüchtlinge "so attraktiv" zu sein.

Doch führte die Repression nicht zur Entspannung. Nach der Schliessung von Sangatte liessen sich die Menschen, darunter viele Kinder, in den Dünen rund um Calais nieder - die sogenannten "Dschungels" entstanden. Aber auch Sarkozys Nachfolger Eric Besson ging dagegen vor und liess die Lager räumen. 2009 wurde mit dem "Pashtun Jungle" das bislang grösste Camp unter Einsatz von Spezialeinheiten der Polizei aufgelöst.

Viele Geflüchtete hatte das Lager bereits Tage zuvor verlassen und auch der Rest wandte sich von Calais gen Süden und schlug provisorische Unterkünfte an den Küsten-Autobahnen auf. Das Interesse an den Geschehnissen in Calais nahm daraufhin zwar ab. Die hilfsbedürftigen Menschen waren jedoch nicht aus der Welt und Grossbritannien auch weiterhin das bevorzugte Ziel.

Der britische Grenzschutz und seine französischen Kollegen, erklärt die britische Einwanderungsbehörde, hätten in den Jahren 2014 und 2015 beinahe 40.000 Menschen an der Kanal-Überquerung gehindert. Viele verloren beim Versuch dennoch ihr Leben. Die britische Regierung unterstützt nach eigenen Angaben Frankreich bei der Grenzsicherung mit über 21 Millionen Euro.

Rund um das Terminal bei Coquelles wurde ein massiver Grenzzaun errichtet, fünf Meter hoch, mit Stacheldraht und schwer gerüsteter französischer Polizei zusätzlich gesichert. Auch die Eurotunnel-Betreibergesellschaft investierte bereits einige Millionen Euro in zusätzliche Sicherheitsmassnahmen wie Zäune, Kameras und Infrarot-Detektoren. Die Behörden bekämpfen weiterhin die Symptome, doch die Ursachen bleiben bestehen.

"Dschungel" von Calais wächst wieder an

Insofern war es nur eine Frage der Zeit, bis sich nach der Räumung in Calais die Menschen erneut dort sammelten und ihre Lager aufschlugen. Auf dem Gelände einer ehemaligen Mülldeponie vegetierten im Herbst und Winter 2015 bis zu 6.000 Menschen unter katastrophalen Bedingungen. Das Verwaltungsgericht in Lille ordnete daraufhin an, dass die hygienischen Zustände in dem Lager verbessert werden müssten.

In der Folge liess die Regierung für 1.500 Menschen Container errichten. Weil dies nicht ausreichte, sich die Bedingungen kaum verbesserten und es in dem Lager zudem vermehrt zu Gewalttaten kam, wurde der "Dschungel" im Februar 2016 auf richterlichen Beschluss hin teilgeräumt. Es kam zu schweren Ausschreitungen zwischen Polizisten und Aktivisten. Präfektin Fabienne Buccio erklärte, dass sich die Mehrzahl der Flüchtlinge während der Räumung hingegen friedlich verhalten habe.

Eine echte Alternative für den "Dschungel" bot sich den Menschen auch nach der Teilräumung nicht und so wuchs das Camp in Calais auf bis zu 10.000 Insassen an. Wohl auch als Folge der verschärften Sicherheitsvorkehrungen im Eurotunnel, die den Menschen die Einreise nach England deutlich erschwerten, die Lage in Calais aber keineswegs entspannten.

In der Kritik stand laut "BBC" auch die französische Polizei, die Flüchtlinge zwar immer wieder von den Eurotunnel-Zügen holte, die Menschen aber einfach weiter südlich im Land aussetzte, woraufhin sich diese prompt erneut auf den Weg nach Calais machten. Natacha Bouchar, Bürgermeisterin von Calais, erneuert nun ihre Kritik an der Regierung, "man hätte auf dieser Fläche niemals ein Lager mit fast 10.000 Migranten entstehen lassen dürfen."

Auflösung von Calais die Lösung des Problems?

Im Sommer hatte Bouchart bereits den Einsatz der Armee gefordert, nachdem es im "Dschungel" von Calais zu neuen Gewaltausbrüchen durch Banden gekommen war und auch Lkw-Fahrer rund um Calais attackiert worden waren. Viele Lastwagenfahrer und auch Landwirte machten ihrem Unmut Anfang September 2016 Luft und blockierten Autobahnen und Zufahrtsstrassen rund um Calais.

Die Regierung reagierte. Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve erklärte jüngst, man wolle die geflüchteten Menschen bis Ende 2016 in bestehende und neu errichtete Unterkünfte über das gesamte Land verteilen. In diesen sollten dann bis zu 12.000 Menschen Platz finden.

Die Bewohner des Elendslagers haben die Wahl: Unter den Regionen sind die Bretagne, die Normandie oder das Burgund. 450 Aufnahmezentren gibt es im ganzen Land. Der "Dschungel" von Calais werde jedenfalls nicht mehr geduldet, so Cazeneuve: "Wir müssen das Lager komplett und definitiv auflösen."

Damit haben die Behörden nun begonnen. Ob diesmal mit der Auflösung des Lagers auch die Lösung des Problems einhergeht, wird sich aber erst noch zeigen.