Wenn es einmal nicht um Horst Seehofer geht, gibt es trotzdem genug Themen, über die man in Talkshows reden kann. Es gibt sogar wichtigere. Deshalb diskutierte Maybrit Illner mit ihren Gästen diesmal über die Energiewende. Das wurde zwar bisweilen etwas technisch, vor allem aber wurde klar, worum es dabei eigentlich geht.

Christian Vock
Eine Kritik
von Christian Vock, Freier Autor

Bei den Protesten gegen die Rodung des Hambacher Forstes geht es immer mehr um die Art des Protestes. Was dahinter steckt, rückt immer mehr in den Hintergrund, nämlich die Frage: Wie vereinbaren wir die Bedürfnisse der Menschen in der Gegenwart mit den Bedürfnissen künftiger Generationen?

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Eine Frage, die Maybrit Illner zwar nicht explizit stellte, die aber dank ihrer Gäste in jeder Aussage mitschwang – auch wenn das Thema rein wörtlich ein wenig anders lautete: "Teurer Strom, billige Ausreden – scheitert die Energiewende?"

Mit diesen Gästen diskutierte Maybrit Illner

  • Rolf Martin Schmitz, Vorstandsvorsitzender der RWE AG
  • Peter Altmaier, (CDU), Bundesminister für Wirtschaft und Energie
  • Christine Herntier, Bürgermeisterin von Spremberg in der Lausitz
  • Klaus Müller, Vorstand Verbraucherzentrale Bundesvorstand
  • Anton Hofreiter (Grüne), Vorsitzender der Bundestagsfraktion
  • Antje Grothus, vertritt Bürger aus der Tagebau-Region Hambach in der Kohlekommission

Darüber wurde gesprochen

Horst Seehofer

Angesichts der aktuellen Diskussion um die Beförderung von Hans-Georg Maassen durch Horst Seehofer war es schon erstaunlich, dass Maybrit Illner den Mut hatte, ein Thema von grösserer politischer Tragweite auf die Agenda zu setzen. Eine Frage zur Causa Maassen konnte sich Illner dann aber doch nicht verkneifen: "Gibt es ein fixes Datum für Seehofers Verabschiedung?"

"Diese Themen dürfen nicht die komplette Politik beherrschen", versuchte Altmaier den Blick auf Wichtigeres zu lenken. Das kam auch bei Illner irgendwann an und mit fünf Minuten Verzögerung ging es dann auch nicht mehr um Seehofer und Maassen, sondern um Energiepolitik.

Hambacher Forst

Der Energiekonzern RWE möchte den Rest des Hambacher Forstes für den Braunkohletagebau roden lassen. Hier besteht RWE-Geschäftsführer Schmitz bei "Maybrit Illner" auf seiner Einschätzung, dass der Wald gerodet werden muss: "Die Annahme dass der Forst selbst gerettet werden kann, das ist Illusion."

Wenig später erwähnt Schmitz, RWE habe elf Millionen Bäume im Rahmen einer Renaturierung gepflanzt, das sei "ein Vielfaches mehr, als da jetzt gerodet wird". Dass er dabei ökologische Gegebenheiten ignoriere, erklärt ihm daraufhin Antje Grothus: "Wir haben dort 150 Jahre alte Bäume. Davon gibt es dort noch 43.000. Dieser Wald ist durch keine Rekultivierung der Welt zu ersetzen."

Auf Illners Frage, mit welchem Recht er gegen die Rodung kämpfe, erklärt Anton Hofreiter die übergeordnete Dimension des Falls: "Man darf nicht vergessen, worum es geht: Es wird ein alter Wald abgeholzt, um Braunkohle rauszubaggern. Braunkohle, deren Verfeuerung dazu dient, unser aller Lebensgrundlage zu zerstören. Man macht also etwas doppelt Falsches. Neben dem Erhalt des Waldes geht es um uns alle."

Energiewende

"Innerhalb der Energiewende läuft so einiges schief", stellt Verbraucherschützer Müller insbesondere in puncto Fairness fest: "Eine der Schieflagen in der deutschen Energiewende ist, dass sie eine soziale Schieflage hat. Es gibt grosse Ausnahmen für die Industrie – und wer bezahlt die Zeche? Wir Verbraucher." Seine Lösung: Ausnahmen reduzieren und die Ausnahmen, die man unbedingt braucht, dann durch Steuermittel finanzieren.

Auch Altmaier räumt Probleme ein, insbesondere beim Netzausbau. Hier hinke man dem Zeitplan deutlich hinterher: "Wir haben uns den Luxus geleistet, dass sich die Politik darum jahrelang nicht gekümmert hat." Trotzdem möchte Altmaier die bisherige Energiewende nicht schlechtreden: "Diese Energiewende ist trotz allem eine Erfolgsgeschichte."

In Bezug auf die Kosten ruft Grothus in Erinnerung, dass bei der Preisgestaltung die Kosten für Umweltschäden noch überhaupt nicht berücksichtigt sind: "Die Umweltkosten, die durch die Kohle verursacht werden, preisen wir ja überhaupt nicht ein. Der Strompreis wäre 10 Cent pro Kilowattstunde teurer beim Braunkohlestrom, wenn wir die Umweltkosten einpreisen würden. Die Produkte, die wir konsumieren, müssen auch den richtigen Preis haben."

Energiepolitik

Hier war sich die Runde von Verbraucherschützer Müller über Grünen-Politiker Hofreiter bis RWE-Chef Schmitz einig: Es braucht Planungssicherheit. Mit anderen Worten: Alle würden ein fixes Datum für den Kohleausstieg begrüssen.

Arbeitsplätze

Hier gesellte sich Christine Herntier, Bürgermeisterin von Spremberg, zur Runde und berichtete von ihren Erfahrungen aus der Lausitz. Ihre Botschaft: Den Kohleausstieg gibt es in der Lausitz bereits seit 28 Jahren, es sei aber extrem wichtig, dass dieser geordnet abläuft: "Die Menschen verlangen Antworten und sie verlangen Persönlichkeiten, denen sie vertrauen können. Sie sind schon oft genug enttäuscht worden." Für Herntier müsse die Politik Rahmenbedingungen schaffen, damit die Lausitz zu anderen Regionen aufschliessen könne.

Das waren die Erkenntnisse des Abends

Es war eine lehrreiche Diskussionsrunde, die zeigt, dass die Energiewende nicht nur Sache der Politik, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Es braucht Politik, die die richtigen Weichen stellt. Es braucht die Wirtschaft, die ihre gesellschaftliche Verantwortung übernimmt und es braucht die Bürger, die die Energiewende nicht als Belastung, sondern als Chance und Zukunftssicherung sehen.

Das Rededuell des Abends

Auch wenn man merkte, dass sich Hofreiter und Altmaier trotz aller parteipolitischen Rivalität verbunden sind, fielen bei Illner auch deutliche Worte. Gerade in Bezug auf die zögerliche Energiepolitik fragte Hofreiter an Altmaier gerichtet: "Wer hat eigentlich die letzten Jahre dieses Land regiert? Macht es doch einfach mal!"

Das Fazit

Eine durchaus spannende und interessante Talk-Ausgabe, die vor allem zwei Dinge klarmachte: Zum einen, dass es bei der Energiewende und dem Kohleausstieg nicht um das Ob, sondern nur um das Wann und Wie gehen kann.

Und zum anderen, dass Umwelt- und Klimaschutz vor allem Menschenschutz ist, wie auch Anton Hofreiter klarstellte: "Wir müssen möglichst schnell aus der Kohle aussteigen. Nicht, um das Klima zu retten. Das Klima kommt auch mit Hitze klar. Sondern, um uns selbst zu retten."

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