Maybrit Illner wollte mit ihren Gästen Ordnung ins Brexit-Chaos bringen – das gelang nur teilweise. Leider schaffte auch eine britische Journalistin nicht klarzumachen, was ihr Land eigentlich von der EU will.

Eine Kritik
von Thomas Fritz, Freier Autor

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Und täglich grüsst...das Brexit-Chaos. Das politische Thema der Woche stand nach Sandra Maischberger nun auch bei Maybrit Illner im Mittelpunkt.

Es war vermutlich nicht der letzte Talk in diesem nicht enden wollenden Drama, denn wenige Stunden vor der Sendung beschloss das britische Unterhaus, den vertraglich vereinbarten Austrittstermin Ende März zu verschieben. Ob das möglich ist, muss nun die EU entscheiden.

Was ist das Thema?

Sie reden, reden, reden. Aber kommen die britischen Parlamentarier nun endlich zu einer Entscheidung in Sachen Brexit? Gibt es tatsächlich eine Verlängerung der Austrittsfrist?

Auch ein harter Brexit – ein EU-Austritt ohne Vereinbarungen – scheint weiterhin möglich. Maybrit Illner diskutierte mit ihren Gästen unter dem Motto: "Brexit-Poker - Schrecken ohne Ende?" über die Folgen für die EU und das Vereinigte Königreich.

Wer sind die Gäste?

Alexander Graf Lambsdorff: Der stellvertretende Fraktionsvorsitzender der FDP flehte die britischen Politiker an, sich endlich auf ein Ergebnis zu verständigen.

Eine Verlängerung der Austrittsfrist ist aus seiner Sicht nur möglich, "wenn es einen guten Grund gibt", andernfalls würde das "Elend" fortgesetzt.

Er nannte Grossbritannien liebevoll "ein manchmal merkwürdiges Land", lobte das Vereinigte Königreich aber auch als Mutterland des Liberalismus und bekannte. "Wir werden Grossbritannien immer lieben."

Derek Scally: Der Korrespondent der "Irish Times" in Berlin wagte die These, dass es immer noch schlimmer kommen könnte als das aktuelle Chaos. Er erinnerte daran, dass die Iren schon 2016 über den Streitfall Nordirland reden wollten und nannte dem Brexit "eine Frage von Krieg oder Frieden".

Der Journalist wunderte sich, dass er noch kein Mitglied der Regierung getroffen hat, dem es peinlich ist, 1.000 Tage einen ganzen Kontinent gelähmt zu haben. Ein Gewinn, dass Illner die irische Sicht zu Wort kommen liess.

Susanne Schmidt: Die Volkswirtin und Finanzjournalistin erinnerte daran, dass die EU schon in den 80er Jahren den Briten entgegengekommen war.

"Was soll sie denn jetzt noch machen?", fragte die Tochter von Altbundeskanzler Helmut Schmidt. Für sie ist die entscheidende Frage: Was kommt nach dem Brexit? Die aktuellen Verhandlungen seien quasi nur das Vorgeplänkel. Rosige Aussichten...

Anne McElvoy: Der britischen Journalistin ("The Economist") ging es wie dem kurz zugeschalteten Parlamentarier Greg Hands. Sie konnte nicht wirklich klar machen, was für ein Entgegenkommen sie sich von der EU jetzt wünscht.

Ihre These, Brüssel habe seit dem Brexit-Votum 2016 sehr wenig gelernt, wurde ihr von Schmidt und Graf Lambsdorff um die Ohren geknallt. Eines war für McElvoy aber klar: Ein ungeordneter Brexit wäre "für uns katastrophal."

Dietrich von Gruben: Der Unternehmer verkauft 75 Prozent seiner Badsysteme in Grossbritannien. Er machte klar: "Wir wären dafür, wenn es den Brexit nicht gäbe."

Von Gruben würde sich eine neue Abstimmung wünschen und berichtete von dem Chaos und der Ungewissheit für die Unternehmen.

Was war das Rededuell des Abends?

Nach der These Anne McElvoys, dass die EU in den letzten zweieihalb Jahren nichts gelernt habe, hielt es Alexander Graf Lambsdorff kaum noch auf seinem Stuhl.

"Ja, was können wir lernen aus dieser Situation?", fragte er sein Gegenüber völlig entgeistert. Es war natürlich keine ernst gemeinte Frage, denn der FDP-Mann hält die harte Position der EU gegenüber den Briten für gerechtfertigt.

McElvoy erwiderte: "Es ist der Ton, wie die EU mit Ländern umgeht, die nicht zu Kerneuropa gehören wollen."

Auch auf Nachfrage wurde die Journalistin kein bisschen konkreter – und liess Lambsdorff und die Zuschauer etwas ratlos zurück.

Was war der Moment des Abends?

Bei Illner wurden Geschäfte abgeschlossen! McElvoy versuchte, Bad-Unternehmer von Gruben die Angst vor dem Brexit zu nehmen.

"Ich würde nach wie vor gerne eine Badewanne von Ihnen kaufen", sagte sie lachend. Wenn es doch nur alles so einfach wäre.

Wie hat sich Maybrit Illner geschlagen?

Die Gastgeberin hatte so ihre Mühe, die britische Position herauszuarbeiten. Aber sie bemühte sich auch redlich um Verständnis.

"Muss die EU nicht noch mal überlegen, was sie tut?", fragte sie Graf Lambsdorff in Bezug auf ein mögliches Entgegenkommen Brüssels. Ein solider, ausgewogener Auftritt Illners.

Was ist das Ergebnis?

Vieles deutet aktuell auf eine Verschiebung des Brexit hin. Sollte die EU den britischen Wünschen nachkommen, gewönnen die Parlamentarier in London mehr Zeit, um sich endlich auf eine mehrheitsfähige Position zu verständigen.

Eine Übergangslösung könnte so aussehen: Die Briten bleiben für zwei Jahre in der EU, nehmen an der Wahl zum Europaparlament im Mai teil, zahlen weiter Geld ein, dürfen aber nicht über die EU-Kommission und den Haushalt mitbestimmen. Für harte Brexit-Anhänger wäre das eine schwer zu schluckende Kröte.

Aber seien wir ehrlich: Eine seriöse Prognose, wie das Brexit-Drama weitergehen wird, ist fast unmöglich. Daher erinnerte Alexander Graf Lambsdorff auch an das grosse Ganze.

Die Briten werden immer ein wichtiger Verbündeter der EU-Staaten bleiben. "Auch eine hässlich Scheidung muss nicht dazu führen, dass die beiden ehemaligen Partner später nicht wieder gut miteinander auskommen können", sagte er.

Susanne Schmidt teilte diese Prognose. In der Sicherheitspolitik, vor allem in der Cybersicherheit, und in der gemeinsamen Aussenpolitik müsse es weiter eine enge Verständigung geben, forderte sie.

Der Ire Derek Scally bilanzierte mit einem Augenzwinkern. "Eine WG mit den Briten ist die Hölle. Also lieber Schluss machen. Sie sollen ihre irische Butter aus dem Kühlschrank nehmen."

Und Anne McElroy? Die Journalistin hofft, dass ihre Parlamentarier in einer Woche wenigstens einen Schritt vorangekommen sein werden. Und selbst das ist im aktuellen Chaos alles andere als selbstverständlich.

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