Sind die Öffnungsschritte eine gute Idee? Bei "Maybrit Illner" prophezeit Robert Habeck ein böses Ende, die Allianz der Öffner um Markus Söder verteidigt die Beschlüsse. Virologe Hendrik Streeck schlägt alternative Lockerungskonzepte vor.

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Eine Kritik
von Christian Bartlau

50 ist das neue 35, gelockert wird trotz steigender Zahlen - und obwohl die Tests fehlen, auf die sich die neue Strategie gründet: Die Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz werfen viele Fragen auf, die "Maybrit Illner" am Donnerstagabend mit einigen Hochkarätern klären will: "Lockdown bis Ostern – weil Bund und Länder versagen?"

Grünen-Chef Robert Habeck malt schwarz, Virologe Hendrik Streeck schlägt einen neuen Weg Richtung Öffnungen vor, und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder setzt seine Reihe schlechtgelaunter Video-Calls fort.

Das sind die Gäste bei "Maybrit Illner"

Die Beschlüsse vom Mittwoch werden sich "bitter rächen", orakelt der Grünen-Co-Chef Robert Habeck. Die Abkehr von der 35er-Inzidenz "war politisch begründet, nicht virologisch."

Bayerns Minister Markus Söder (CSU) bescheinigt den Kritikern einen "Denkfehler": "Wir öffnen nicht bei höherer Inzidenz, wir öffnen nur dort, wo die Inzidenz niedrig ist."

Manuela Schwesig (SPD) sieht einen vergrösserten Spielraum: "Wir können die Inzidenz neu bewerten, weil wir neue Massstäbe haben." Mit mehr Impfungen und Tests könne man "mehr wagen", meint die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern.

Ähnlich argumentiert FDP-Chef Christian Lindner: "Der 50er-Wert ist ein Fetisch geworden." Er wolle zurück zur "Ausgangsargumentation" aller Anti-Corona-Massnahmen - die Überforderung des Gesundheitssystems verhindern.

"Wir dürfen nicht nur auf die Inzidenz schauen und daran allein Massnahmen treffen", meint Virologe Hendrik Streeck. Öffnen sollen "die mit den besten Hygienekonzepten" - das könne auch mal ein Theater sein und nicht der Baumarkt um die Ecke.

"Spiegel"-Journalistin Melanie Amann hält die Beschlüsse für verspätet und sowieso "für die Tonne": "Es ist absehbar, dass sich die Zahlen nicht verbessern, sondern eher die Notbremse gezogen werden muss."

Didi Hallervorden, Schauspieler und Eigentümer des "Schlosspark Theaters" in Berlin, fordert einen Vorrang für die Kultur. Im 13-Seiten-Papier der Ministerpräsidentenkonferenz erkennt er nur "absolutes Chaos": "Ich würde die Bundesregierung bitten, mir zu sagen, wer das geschrieben hat, ich würde ihn sofort als Kabarett-Autoren gewinnen."

Das ist der Moment des Abends

Wie ungemütlich Markus Söder in Videoschalten werden kann, weiss die politisch interessierte Öffentlichkeit spätestens seit Mittwoch, Stichwort "schlumpfiges Grinsen".

Diesmal zieht nicht Olaf Scholz den Unmut des bayrischen Ministerpräsidenten auf sich, sondern Gastgeberin Maybrit Illner, die Söder partout nicht ausreden lassen will, bis er ihre Frage beantwortet hat: Warum der Wandel vom Hardliner zum Lockerungs-Gehilfen?

Was als Latenz-induziertes Geplänkel beginnt ("Hallo?!" - "Ja auch Hallo!" - "Darf ich weiter ..." - "Ja!"), schaukelt sich zu einer Machtprobe hoch. "Danach hatte ich nicht gefragt", tadelt Illner Söders Ausflüchte, der will sich beschweren, "aber Frau Illner, ich darf doch den Gedanken ..." - nein, darf er nicht.

"Das ist doch eine einfache Frage", setzt die Gastgeberin nach. Söder macht ein Gesicht, als müsse er sich zusammenreissen, Illner nicht zu fragen, was sie getrunken hat: "Ja, Sie stellen eine Frage und ich gebe die Antwort, die ich meine."

Und noch einmal rasseln die beiden aneinander: Illner konfrontiert Söder mit dem Vorwurf, das Versagen der Politik habe tausende Tote zur Folge gehabt. "Das finde ich schon hart", grollt der Bayer, "dann müssen wir auch schauen, wie viele Leben wir gerettet haben."

Illner lässt nicht locker: "Aber wie viele Leben hätten zusätzlich gerettet werden können?" Keine Frage, die sich Söder stellt: "So viel schneller als Januar wäre der Impfstoff eh nicht da gewesen. (…) Was uns eher beschäftigt: Wie viel mehr an Normalität hätten wir haben können?"

Das ist das Rede-Duell des Abends

Nur ein kurzes Intermezzo, aber eine zentrale Frage: Hat sich die Lage entspannt, weil die Heime durchgeimpft sind? Christian Lindner sieht das so und will sich nun "an Österreich und Dänemark orientieren".

Scharfer Widerspruch von Robert Habeck: "Da beissen einige in den Tisch, wenn sie das hören. Davon, alle besonders gefährdeten Gruppen geimpft zu haben, sind wir weit entfernt."

Der FDP-Chef zückt eine besonders scharfe Waffe, das "Du": "Robert, kannst Du die Zahlen darstellen?" Kann er ad hoc nicht, Lindners Zahl von 850.000 Geimpften in den Heimen überzeugt den Robert aber auch nicht.

"Und wie viele sind nicht geimpft?" Lindner weicht lieber aus: "Du wirst mich nicht überbieten bei der Kritik an der Bundesregierung." Aha.

Apropos Österreich: Dort ist die Inzidenz seit den Öffnungen von rund 100 auf 170 geschnellt, die Zahl der belegten Intensivbetten ist innerhalb von einer Woche um 20 Prozent gestiegen.

So hat sich Maybrit Illner geschlagen

Das hat sich Maybrit Illner selbst eingebrockt: Sieben Gäste, die Mehrzahl Alpha-Politiker, das macht unterm Strich nicht genug Redezeit.

Dann räumt sich eben ein Christian Lindner in Manier des guten alten Ellbogen-Liberalismus selbst den Platz frei: "Nein, ich bin noch nicht fertig, Frau Illner!"

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Das ist das Ergebnis

Ein Neun-Stunden-Treffen für einen Plan, den man schon vor Monaten hätte aufstellen können – und den einige Ministerpräsidenten mit Protokollerklärungen und Presseerklärungen innerhalb von Minuten füsilieren. "Das ist der Grund für die Frustration", meint "Spiegel"-Journalistin Melanie Amann.

Leicht frustriert klingt aber auch Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig: "Erst müssen wir uns rechtfertigen für die Lockerungen, jetzt kommen die ersten und sagen: Warum wird so spät gelockert?"

Da sind sich MV und Bayern plötzlich ganz nah, auch Markus Söder betont die Schwierigkeit des Balance-Aktes: "Wir wollen schauen, dass alle Mitmachen. Wir leben ja nicht in China."

Sondern in Deutschland, wo "wir alles sehr genau nehmen", wie Virologe Hendrik Streeck meint. Sein Motto: Lockerer werden. Schnelltests müssen nicht 100 Prozent treffsicher sein, geöffnet wird nicht nach Branchen, sondern nach Sicherheitskonzepten. Und die Politik müsse eben schon jetzt an Plan B oder C arbeiten, falls die Inzidenz dann doch plötzlich wieder gen 200 rauscht.

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So befürchtet es ja Robert Habeck, der Gesundheitsminister Jens Spahn "amateurhafte" Politik in puncto Testbeschaffung bescheinigt. Immerhin: "Es ist nichts mit Absicht schlecht. Es fehlt die kreative Staatskunst."

Welche Art Kreativität er genau meint, bleibt wie so vieles an diesem Abend eher vage. Vielleicht eine Test-Taskforce mit Andreas Scheuer und Jens Spahn in verantwortlicher Position?

Corona, Schlumpf, Geld: Heftiger Streit von Söder und Scholz

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