In zwei Spezial-Sendungen diskutiert Moderatorin Maybrit Illner am Donnerstagabend über den Krieg in Europa, den Putin mit den Angriffen auf die Ukraine begonnen hat. Die Studiogäste überraschen mit schonungsloser Ehrlichkeit und nüchternen Analysen. Während Grünen-Politiker Habeck einen folgenschweren Fehler Deutschlands einräumt, gibt SPD-Mann Klingbeil zu, ein jahrelanges Konzept sei gescheitert.

Eine Kritik
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In der Nacht auf Donnerstag (24.) hat Russlands Präsident Putin die Ukraine überfallen und einen Krieg in Europa begonnen. Mittlerweile erstrecken sich die Kämpfe fast auf das ganze Land. In Kiew wurde Luftalarm ausgelöst und eine Ausgangssperre verhängt, russische Truppen rücken auf die ukrainische Hauptstadt vor. Aus dem Westen kommen Solidaritätsadressen, ein zweites Sanktionspaket wurde auf den Weg gebracht.

Das ist das Thema bei "Maybrit Illner"

Mit ihren Studiogästen diskutierte Maybrit Illner über die Lage in der Ukraine, mögliche Reaktionen des Westens und Putins weiteres Vorgehen. "Was kann Europa tun und wie lässt sich die russische Invasion stoppen?" lauteten die hauptsächlichen Fragen. Weitere Themen waren auch die Wirkung von Sanktionen, die Sicherheitspolitik Europas, deutsche Energiepolitik und der künftige Umgang mit autoritären Staaten.

Das sind die Gäste

Lars Klingbeil: "Auf lange oder mittelfristige Sicht hat Putin einen grossen Fehler gemacht", betonte der SPD-Vorsitzende. Die Nato sei so gestärkt wie lange nicht mehr, die sicherheitspolitische Debatte in Deutschland werde sich fundamental ändern. "Wir müssen mehr Geld für die Bundeswehr ausgeben", forderte Klingbeil. Das Konzept "Wandel durch Handel" sei gescheitert, ein abschreckender Umgang mit totalitären Staaten deshalb geboten. Die in Brüssel beschlossenen Sanktionen würden auch den Westen hart treffen.

Melanie Amann: Der Eindruck der Leiterin des "Spiegel"-Hauptstadtbüros: "Die Bundesregierung hat aufgegeben, die Ukraine ist jetzt dieser Situation überlassen", sagte sie. Ohne massive militärische Unterstützung von aussen liesse sich die russische Invasion nicht stoppen. Solidarität erfolge aber nur durch Sanktionen, militärisch werde es keinen Beistand geben. Die Sanktionen bekämen hierzulande vor allem die ärmeren Bevölkerungsschichten zu spüren. "Der Druck auf die Regierung wird nicht lange auf sich warten lassen", war sich Amann deshalb sicher.

Erich Vad: "Die Ukraine als Rumpfstaat mit Marionettenregierung ist ein Ziel", analysierte der Brigadegeneral a.D. und langjährige Berater der Bundeskanzlerin in Verteidigungsfragen. Die grosse Frage sei, ob Putin die gesamte Ukraine auf Dauer besetze. "Ich halte das für unwahrscheinlich", sagte Vad und argumentierte mit dem zu erwartenden Widerstand in der Westukraine. Putin gehe rational vor, "nicht hysterisch oder idiotisch", sagte Vad. Die Nato müsse die militärische Abschreckung hochfahren.

Marina Weisband: Ein baldiges Ende des Konflikts sah die Grünen-Politikerin mit ukrainischen Wurzeln nicht. "Wenn Putin mit einer schnellen Kapitulation der Ukraine rechnet, dann hat er die Rechnung ohne das ukrainische Volk gemacht", sagte sie. Putins Ziel sei es, eine pro-russische Regierung einzusetzen und zu zeigen, dass ein demokratisches Land neben Russland nicht bestehen könne. "Putin kämpft nicht nur, um das russische Imperium wiederaufzubauen, sondern er kämpft gegen die Demokratie an sich", erinnerte Weisband.

Robert Habeck: "Wahrscheinlich wäre kein Drohpotenzial stark genug gewesen, Putin abzuschrecken", gab der Vizekanzler zu. Deutschland habe in der Vergangenheit einen klaren strategischen Fehler begangen: "Das ist, sich energiepolitisch abhängig zu machen von einem Despoten", erklärte der Grünen-Politiker. Wenn man energiepolitisch mehr Freiraum hätte und Nord Stream 2 nie gebaut worden wäre, hätte man jetzt souveräner agieren können.

Sigmar Gabriel: Der ehemalige SPD-Bundesaussenminister war sich sicher: "Wir werden Sanktionen lange durchhalten müssen, bis sie Wirkung erzielen." Putin habe die Sorge vor einer wirtschaftlichen Rezession in Europa, die hohen Energiepreise, die Zerrissenheit und die wirtschaftliche Schwäche mancher Länder in der EU sicherlich einkalkuliert. "Er testet jetzt, ob diese Einheit in Europa und den USA stabil ist", sagte Gabriel.

Das ist der Moment des Abends

Es ist die Klarheit, schonungslose Ehrlichkeit und Unverblümtheit, mit der das Statement des früheren Brigadegenerals Vad zum Moment des Abends wird. "Putin wird diesen Krieg gewinnen", machte er deutlich. Jetzt noch Militärhilfe zu leisten, bringe nichts mehr. "Militärisch gesehen ist die Sache gelaufen", gab er zu. Die Nato könne derzeit nicht mehr machen. "Es ist kein Nato-Vertragsgebiet", erklärte Vad.

Gleichzeitig müsse der Westen sich gut überlegen, ob er sich auf einen Stellvertreterkrieg einlassen wolle. Der einstige Berater Merkels fragte: "Die Krisenmanager sitzen in Washington, Moskau und Peking. Wo ist da Europa?" Die Europäer hätten keine militärische Schlagkraft und würden von Putin deshalb ohne die USA nicht ernst genommen. "Wir haben keinen Einfluss auf den Gang der Dinge", bilanzierte er.

Das ist das Rede-Duell des Abends

Diskussionen wären bei anderen Fragen wohl interessanter gewesen, aber wirklich Reibung gab es am Donnerstagabend nur beim Verhältnis der SPD zu Russland. "Die SPD hat seit Jahren ein Russland-Problem, was sich durch die Pipeline manifestierte", sagte Amann. Der ehemalige Aussenminister Heiko Maas sei zurückgepfiffen worden, als er für eine schärfere Russland-Politik plädiert habe. Manuela Schwesig hätte die Pipeline immer wieder verteidigt, die Partei den Kontakt zu Gerhard Schröder gesucht. "Da sieht die SPD nicht sehr gut aus", bilanzierte sie.

Klingbeil wollte sich darauf nicht einlassen: "Olaf Scholz ist gerade neben Macron in Europa eine der zentralen Personen in Europa, die es schafft, die Verbündeten zu sammeln, den Weg vorzugeben, zu einen und auch vorzutragen." Insofern habe die SPD "null Glaubwürdigkeitsproblem.

So hat sich Maybrit Illner geschlagen

Maybrit Illner stellt am Donnerstagabend wichtige Fragen, aber nicht alle sind zum jetzigen Zeitpunkt angemessen. Sinnvoll ist alles, was sich ums Hier und Jetzt dreht: "Müssen wir danebensitzen und zuschauen?", wollte Illner beispielsweise wissen, oder: "Sind Sanktionen nicht ein Mittel, das erst auf Zeit wirkt?" Illner hätte aber all das vertiefen sollen, anstatt nach gelaufenen Debatten oder parteipolitischen Befindlichkeiten zu fragen.

"Kam die deutsche Regierung zu spät?" oder "Haben wir den Zeitpunkt für einen Stopp von Nord Stream 2 verpasst?", fragte sie beispielsweise. Die Studiogäste wollten da allerdings nicht mitmachen. "Schuld an diesem Konflikt ist nur Putin", erinnerte Grünen-Politikerin Weisband, als die Moderatorin erneut nach Verantwortlichen suchte. Eine Analyse, wer wann welchen Fehler gemacht habe, sei jetzt nicht zielführend, wichtiger: "Wo können wir von heute an hingehen?", sagte Weisband.

Das ist das Ergebnis

Die Runde bei Illner war ungewöhnlich realitätsnah: Dass Putin noch zum Einlenken bewegt werden kann, glaubte keiner der Studiogäste. Militärisch sei man tatsächlich zum Zuschauen verdammt, gab auch SPD-Politiker Sigmar Gabriel zu. Wichtig war aber, trotzdem festzuhalten: Ein militärischer Sieg Putins bleibt für ihn teuer.

"Am Ende werden die Menschen mit ihren Hoffnungen, ihrem Mut und ihrem Streben nach Freiheit über die Diktatoren siegen. Das Tragische ist, dass das manchmal ein bisschen länger dauert", brachte Habeck es auf den Punkt. In dem Sinne werde Putin aber als Verlierer aus dem Krieg hervorgehen.

Verwendete Quellen:

  • ZDF: Sendung "Maybrit Illner" vom 24.02.2022
Der UN-Sicherheitsrat.

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