Bei Maischberger ging es – mal wieder – um den Brexit. Doch die Debatte wurde überlagert vom Streit von SPD-Politiker Martin Schulz und der österreichischen Rechtspopulistin Petra Steger. Es stand ein Nazi-Vorwurf im Raum.

Eine Kritik
von Thomas Fritz, Freier Autor

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Brexit, Brexit, Brexit und nochmals Brexit: Das bestimmende politische Thema der letzten Wochen dominiert weiter das Talkshow-Geschehen der Republik.

Was ist das Thema bei Sandra Maischberger?

Theresa May hat die EU um eine Verschiebung des britischen EU-Austritts gebeten und damit in dem Drama eine neue Seite aufgeschlagen. Doch rechtfertig das den dritten Brexit-Talk (Maischberger, Illner, nun wieder Maischberger) innerhalb einer Woche?

Auch der rechtsextreme Anschlag in Neuseeland oder die Umweltkatastrophe in Mosambik hätten eine spannende Runde zu Rechtsextremismus oder zum Klimawandel ergeben können. Stattdessen sprach Maischberger mit ihren Gästen über die Krise der EU und mögliche Lösungen. Das Thema: "Populisten gegen Europa: Ist der Brexit erst der Anfang?"

Wer sind die Gäste?

Martin Schulz: Der ehemalige Parteivorsitzende und Kanzlerkandidat der SPD bekannte, dass ihm die britische Premierministerin Theresa May mittlerweile Leid tue. Er zeigte sich überzeugt, dass es eine Verlängerung der Brexit-Frist geben wird und warnte eindringlich vor einem Erstarken der rechten Parteien bei der Wahl zum EU-Parlament im Mai. Schulz warb leidenschaftlich für seine Positionen, wirkte dabei manchmal aber auch etwas oberlehrerhaft und grimmig.

Wolf von Lojewski: Für den Fernsehjournalisten ist die Lage auf der Insel einfach nur noch "konfus". Er warb dafür, die Briten auch nach dem Brexit als Freunde zu erhalten und auch mal über Europas Stärken zu reden, um den EU-Kritikern etwas entgegenzusetzen.

Petra Steger: Die österreichische Nationalratsabgeordnete (FPÖ) bemängelte, dass die EU den Brexit nicht als "dringend nötigen Weckruf" wahrgenommen habe. Stattdessen blieben Reformen aus und es werde weiter über eine Vertiefung gesprochen. Steger will stattdessen ein "Europa der starken Nationalstaaten".

Shona Fraser: Die britische Fernsehproduzentin kommentierte den Brexit so: "Ich warte jeden Tag, dass jemand sagt: Das war ein Witz." Sie hat die Hoffnung auf eine erneute Brexit-Abstimmung noch nicht begraben, hat mit ihrer Familie aber schon vorsorglich die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. "Es geht um mein Leben: Ich weiss nicht, ob wir in Deutschland weiter leben können, ob wir hier arbeiten können."

Roland Tichy: Der konservative Journalist hält das Szenario für möglich, dass Theresa May den Brexit stoppen wird, sollte es im britischen Parlament zu keiner Mehrheit für den Austrittsvertrag kommen. Er kritisierte die "übertriebene Zentralisierung" der EU machte sich darüber lustig, dass die Briten bald die EU verlassen, während Balkanländer wie Albanien in den kommende Jahren aufgenommen werden könnten. "Ein toller Tausch!", höhnte Tichy.

Ralph Sina: Auch der ARD-Hörfunkkorrespondent in Brüssel hält eine "Notbremse" Mays, ein Zurückziehen des Brexit-Antrags, für möglich. Zudem präsentiert er eine gewagte (und nicht ganz ernst gemeinte) These, warum May ihre wiederholten Abstimmungsniederlagen so stoisch erträgt. "Steht sie unter Valium oder was verleiht ihr diese fast yogamässige Gelassenheit?"

Was war das Rededuell des Abends?

Für Martin Schulz waren Petra Steger und ihre rechtspopulistische FPÖ ein rotes Tuch – das war nicht zu übersehen. Früher hatte er den FPÖ-Chef Hans-Christian Strache sogar einen Nazi genannt.

"Die rassistischen Bemerkungen eines Herrn Strache sind auch heute nicht aus der Welt zu schaffen. Das ist aber nicht unser Thema", sagte er nun bei Maischberger sichtlich erregt. FPÖ-Frau Steger nannte das "extrem verwerflich" und eine "Verharmlosung des Nationalsozialismus".

Wenig überraschend sprang ihr Tichy, dem oft eine Nähe zu rechten Gedankengut nachgesagt wird, bei. Er kritisierte, dass Schulz demokratisch legitimierte Parteien diffamiere. "Wer eine andere politische Meinung hat als sie, ist nicht automatisch ein Nazi. Das müssen Sie endlich mal lernen."

Was war der Moment des Abends?

Doch es ging auch anders. Als Steger erklärte, die Menschen würden die EU als zunehmend "unübersichtlich, unklar und intransparent" erleben, konnte sich auch Schulz ein Nicken nicht verkneifen und kommentierte "absolut". Ein seltener Moment der Eintracht zwischen dem SPD-Mann und der Rechtsaussen-Politikerin.

Wie hat sich Sandra Maischberger geschlagen?

Für die Gastgeberin war es eine dankbare Sendung. Eine Debatte, die teils hitzig, aber nicht unter der Gürtellinie geführt wurde.

Geistesgegenwärtig nahm Maischberger die EU-kritischen Worte von Martin Schulz auf und hakte intensiv nach, warum er mit seinen Ideen für Europa bei den Leuten nicht durchgedrungen sei und stattdessen die EU-skeptische Töne zunähmen. "Das muss doch für Sie eine Ohrfeige sein?", sagte sie spitz. So viel Kritik hätte man sich manchmal auch bei Tichy, dessen Einlassungen zu Albanien rassistisch gefärbt klangen, gewünscht.

Was ist das Ergebnis?

Die EU steckt nicht erst seit dem Brexit in einer Krise, darin waren sich Maischbergers Gäste einig. Auch beim Streitpunkt, wann es zu einem Beitritt neuer Mitglieder kommen könnte, herrschte weitgehend Eintracht. Selbst Martin Schulz äusserte sich über die mögliche Aufnahme Albaniens und weiterer Länder vom westlichen Balkan sehr reserviert. Ein Beitritt sei frühesten im Jahr 2030 möglich.

In der Frage, wie die EU auf die Krise reagieren soll, hätten die Positionen nicht unterschiedlicher sein können. Die einen wollten mehr Kompetenzen für Brüssel, die anderen eine verschlankte EU mit mehr Entscheidungsgewalt für die einzelnen Staaten.

Bis auf Weiteres stehen solche Überlegungen aber völlig im Schatten des Brexit-Dramas. Ausgang: ungewiss. Shona Fraser wies fast gequält darauf hin, dass es im Falle eines erneuten Referendums vermutlich zu einer Mehrheit für den EU-Verbleib reichen würde. Der Grund? Hunderttausende ältere Brexit-Gegner seien seit der Abstimmung 2016 verstorben. Das erste Referendum ist für sie ein Beispiel für britischen Humor, nur ohne Pointe. Ohne schwarzen Humor sind die Brexit-Verhandlungen mit ihren Wendungen und Irrwegen sowieso kaum zu ertragen.
Trotzdem schade, dass die ARD-Macher nicht den Mut hatten, ein anderes Thema zu besetzen. Der Gewinn an neuen Erkenntnissen blieb am Ende nämlich äusserst dürftig.

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