• Alla Pugatschowa ist die wohl bekannteste und beliebteste Sängerin in Russland. Sie hat sich klar gegen Wladimir Putin und den Krieg gegen die Ukraine positioniert.
  • Unter den Oppositionellen in Russland wurde die Botschaft Pugatschowas mit Jubel aufgenommen.
  • Was bedeutet die Positionierung Pugatschowas für die Opposition in Russland? Und wie gefährlich kann die Sängerin Putin werden? Das erklärt die Soziologin Tatiana Golova vom Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien.
Eine Analyse
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Stefan Matern sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfliessen. Informieren Sie sich über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Alla Pugatschowa gilt in Russland und in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion als Superstar. In ihrer langen Karriere, die in den 1960er Jahren in der Sowjetunion begann, verkaufte sie über 250 Millionen Platten. Als Russland im Jahr 2014 die Krim annektiert, erhält Pugatschowa wenige Monate später den "Verdienstorden für das Vaterland" von Wladimir Putin verliehen. In ihrer zugehörigen Rede wünscht sie sich Frieden.

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Pugatschowa ist in Russland so bekannt, dass ein jeder ihre Lieder kennt. Die FAZ bezeichnete sie jüngst als "Russlands ewige Schlagerkönigin" und die New York Times beschrieb sie im Jahr 2000 als "die Göttin des russischen Pops, Moskaus Tina Turner mit einem Hauch von Edith Piaf, deren Lieder die Sehnsüchte von Millionen Menschen zum Ausdruck bringen."

Alla Pugatschowa: Superstar wendet sich gegen Putin-Regime

Zuletzt hat die 73-Jährige für eine Zäsur gesorgt und damit Wladimir Putin, der nach den militärischen Rückschlägen der letzten Wochen mit der Teilmobilmachung reagiert hatte, ein weiteres Problem beschert, dessen Ausmass zwar noch nicht ersichtlich ist, aber von den Oppositionellen in Russland mit grossem Jubel aufgenommen wurde.

Die Primadonna des russischen Showgeschäfts hatte in einem Post bei Instagram das russische Justizministerium adressiert und sich mit ihrem Ehemann, dem berühmten Komiker Maxim Galkin solidarisiert. Dieser gilt als offener Kritiker des Putin-Regimes und war nach wiederholter Missbilligung der russischen Kriegsverbrechen zum "Auslandsagenten" erklärt worden. Die stigmatisierende Bezeichnung ist in der Öffentlichkeit stets zu führen und sie bedeutet de facto ein Berufsverbot.

Pugatschowa hatte in ihrem Post gefordert, sie selbst auch auf die Liste der sogenannten "Auslandsagenten" zu setzen. Der bekannte St. Petersburger Oppositionspolitiker Maxim Resnik schrieb dazu laut Deutscher Presse-Agentur (dpa) bei Twitter: "Pugatschowas Aufstand wird zum Sturz des Regimes führen."

Pugatschowa-Post schlägt Wellen: Wichtiges Zeichen für liberale Opposition

Das hält Tatiana Golova vom Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien für etwas zu hoch gegriffen: "Das ist zu euphorisch," sagt sie im Gespräch mit unserer Redaktion. "Aber ich glaube, in diesem Tweet kommt die Hoffnung der liberalen Opposition zum Ausdruck, dass ein Umdenken möglich ist. Pugatschowa ist eine Autorität für viele Bevölkerungsgruppen. Dass gerade sie sich positioniert, wird als wichtiges Zeichen wahrgenommen," erklärt die Soziologin.

Pugatschowas Post auf Instagram, das in Russland nicht mehr ohne Probleme erreichbar, sondern nur mithilfe sogenannter VPN-Server zugänglich ist, erhielt innerhalb nur eines Tages fast 700.000 Likes. Der Stern-Autor Andrzej Rybak meint dazu: "Gegen die Desinformationskampagne kann ein einzelner Star nichts ausrichten – auch nicht Alla Pugatschowa."

Oppositionelles Magazin "Republic": Pugatschowa sei der Beweis, dass das Land von einer Frau regiert werden solle

Doch Pugatschowa ist nicht die erste bekannte Persönlichkeit, die sich zu Putin und dem Einmarsch in die Ukraine geäussert hat. Neben Pugatschowas Ehemann Maxim Galkin hat sich auch die russische Sängerin Zemfira bereits positioniert. Schon am 24. Februar 2022 hatte sie in sozialen Netzwerken geschrieben: "Nein zum Krieg."

In einem erst im Mai 2022 veröffentlichten Song spricht sie ebenfalls kritisch über den Krieg. Zemfira lebt gemeinsam mit ihrem Mann in Paris. Doch die Äusserungen Pugatschowas schlagen noch deutlich höhere Wellen. Das oppositionelle Magazin "Republic" erklärte gar, dass Pugatschowa der Beweis sei, dass das Land besser von einer Frau regiert werden solle.

Expertin Golova: "Pugatschowa ist ein Symbol für die sowjetische Kultur"

Die Expertin Golova sagt: "Pugatschowa ist keine Politikerin, aber sie ist auch nicht einfach nur eine Sängerin. Sie ist ein Symbol für die sowjetische Kultur, sie steht für die 'gute Sowjetunion'. Sie war auch schon vor ihrem Statement in Diskussionen mit einigen Regime-Propagandisten verwickelt und hat diese direkt adressiert. Sie steht für eine bestimmte Solidaritätsgemeinschaft, die auch für Putin wichtig ist." Mit dem Statement hat sie innerhalb dieser für einen Paukenschlag gesorgt.

Denn laut der Übersetzung von Tatiana Golova schreibt Pugatschowa: "Ich bin solidarisch mit meinem Mann, einem ehrlichen, anständigen und aufrichtigen Mann, einem wahren und unbestechlichen Patrioten Russlands."

Im Gegenteil wolle Galkin für seine Heimat "Wohlstand, ein friedliches Leben, Redefreiheit und ein Ende des Sterbens unserer Jungs für illusorische Ziele." Eine offene Kritik am russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Und auch den russischen Starregisseur Nikita Michalkow, der als grosser Putin-Anhänger und Bewunderer gilt, hatte Pugatschowa angegriffen.

Galkin und Pugatschowa: Ein Ehepaar gegen Wladimir Putin

Ist der russische Superstar nun der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt? Denn schon die Kritik ihres Mannes Maxim Galkin hatte es in sich. Galkin ist genau wie Pugatschowa extrem bekannt. Er moderierte das russische Pendant zu "Wer wird Millionär" und er hat auf Instagram sogar noch mehr Follower als seine Frau: 9,4 Millionen Menschen folgen dem Komiker.

Der 46-Jährige hatte sich bereits im Februar gegen den Krieg gegen die Ukraine gestellt und diesen auf Instagram öffentlich verurteilt. Seither gilt er unter Nationalisten und Putin-Anhängern als Volksverräter.

Pugatschowa selbst, so die Soziologin Golova, sei für jüngere Menschen ein Symbol und weniger Musikerin. "Sie nutzt Instagram natürlich als Promi. Aber sie ist eine der wichtigsten unter diesen und als solche hat sie auch Einfluss."

SozioloiGolova über Pugatschowa: "Was sie gesagt hat, ist bemerkenswert"

Pugatschowa könne sehr gut austeilen, sie habe schon immer rebellische Elemente in sich getragen. Auch der Inhalt ihres Statements spiegle das wider, so Golova. "Was sie gesagt hat und wie sie es gesagt hat, das Framing und der Inhalt, sind bemerkenswert. In ihrem Statement sagt sie, dass unsere Jungs nicht mehr für illusorische Ziele des Regimes sterben sollen. Das hat ein gewisses Potenzial, gerade jetzt, nachdem die Teilmobilmachung ausgerufen wurde, mit der der Krieg für breite Bevölkerungsgruppen in Russland Realität wird."

Wenn es um die Frage der Auswirkungen solcher Statements geht, müsse man aber vorsichtig sein, so die Soziologin. "Viele Menschen haben Angst. Pugatschowa hat Instagram als Kanal benutzt, aber es gibt auch digitale Repression in Russland. Teilweise sogar gegen einfache, normale Menschen, um ein Exempel zu statuieren."

Auch für andere Kulturschaffende in Russland ist es daher schwierig, sich offen zu positionieren. Pugatschowa muss nicht mehr auftreten und kann es sich leisten, offen Opposition zu ergreifen. Aber die Haupteinkünfte für andere Künstler, so Golova, seien neben dem Internet die Konzerte und Auftritte: "Künstler bekommen enorme Probleme, wenn sie sich offen äussern. Konzerte werden abgesagt und die Künstler werden bedroht. Die Repressionen des Putin-Regimes greifen auch hier."

Expertin über Musiker Schewtschuk: "Er ist von Natur aus ein Rebell"

Neben Pugatschowa und ihrem Mann gibt es noch einige weitere Künstler und Promis, die sich offen gegen den Krieg gegen die Ukraine positioniert und Kritik an Putin geübt haben. Dazu zählen, so Golova, unter anderem die TV-Moderatorin Xenija Sobtschak, einige weitere bekannte Journalisten und Schriftsteller und auch der bekannte russische Musiker Juri Schewtschuk. Von diesem habe man aber auch Kritik erwartet, sagt Golova. Schewtschuk hatte auf einem Konzert den Angriff auf die Ukraine und Präsident Putin verurteilt.

Vor seinem Publikum sagte er laut Übersetzung von Tatiana Golova, dass die Bedeutung von "Heimat" nicht sei, "dass man dem Präsidenten ständig den Hintern lecken und küssen muss. [...] Jetzt töten wir Menschen in der Ukraine, warum? Unsere Jungs sterben in der Ukraine, warum?" Das Video hat sich auf sozialen Medien rasant verbreitet.

Golova kommentiert: "Das ist natürlich eine ganz andere Qualität von Aussage. Aber Schewtschuk kommt aus der Rockkultur und hat sich schon 1980 mit einem Lied zu Afghanistan (Krieg der Sowjetunion in Afghanistan von 1979 bis 1989; Anm. d. Red.) kritisch geäussert. Er ist von Natur aus ein Rebell."

Alla Pugatschowa legt nach: "Ich habe so ein Glück, dass mich diese Leute hassen"

In der Zwischenzeit hat Alla Pugatschowa bei Instagram nachgelegt und die Reaktionen auf ihre kritischen Äusserungen kommentiert: "Oh, mein Gott! Ich habe so ein Glück, dass mich Leute hassen, die ich nie dulden konnte," schreibt die 73-Jährige in dem sozialen Netzwerk und weiter: "Wenn sie mich mögen würden, würde das bedeuten, dass ich umsonst singe und lebe."

"Es stellt sich die Frage, wen sie adressiert hat," sagt die Expertin Golova. "Es kann auch sein, dass sich einige ihrer Abonnenten angesprochen fühlen. Denn die Reaktionen auf ihre Aussagen waren nicht nur positiv. Andere wiederum meinen, dass sie sich zu spät und zu wenig konkret geäussert hat. Kritik gab es auch damals bei ihrem Mann Maxim Galkin." Als er sich kritisch äusserte, hätten viele Menschen aus Protest ihre Tickets für seine Auftritte zurückgegeben, erzählt Golova.

Putin kommentiert diese Art Kritik nicht

Putin selbst gehe allerdings auf die Äusserungen von Pugatschowa aus strategischen Gründen gar nicht erst ein, erklärt die Expertin. "Putins Sprecher hat nur gesagt, dass es nicht die Aufgabe des Kremls sei, zu entscheiden, was mit Pugatschowa passiere. Mehr werde er nicht kommentieren." Kommentiert Putin solche Kritik, verschafft er ihr damit noch mehr Aufmerksamkeit.

Und das kann angesichts der Lage, in der sich Russland militärisch, aber mitunter auch innenpolitisch, befindet, nicht im Interesse des Präsidenten sein. Es ist zwar schwer zu sagen, wie stark die Auswirkungen solcher Äusserungen von Prominenten und Stars sind, aber dennoch ist die Unterstützung für Putin nicht so stark, wie er sie selbst wohl gerne hätte.

"Wir haben es mit einem Land zu tun, in dem die Menschen nicht offen sagen können, was sie denken. Das ist ein massives Problem. Deshalb kann man auch Umfragen nicht trauen", erklärt Golova. "Wir können aber davon ausgehen, dass die Dunkelziffer von Menschen, die gegen das Regime sind oder eigentlich indifferent, sehr hoch ist. Sie haben keine Stimme und keine Möglichkeit, sich zu äussern. Und dann gibt es noch die vom Regime inszenierte Unterstützung, die aber keinesfalls der reellen Unterstützung entspricht."

Pugatschowa sang einst mit Udo Lindenberg: "Wozu sind Kriege da?"

Man habe gesehen, was die Hauptreaktion auf die Teilmobilmachung Putins war. "Es gab einige wenige Proteste, aber sehr viele Männer sind geflüchtet. Das heisst zwar nicht, dass sie Regimegegner sind, aber sie wollen jedenfalls ihr Leben nicht für Putin opfern. Und in diesem Kontext muss man auch Pugatschowas Aussagen sehen. Sie ist die Stimme für diejenigen Leute, die keine Stimme haben", so Golova.

Es bleibt zu hoffen, dass Pugatschowas Kritik einen Stein ins Rollen bringt. Als sie in den 1980er Jahren in Russland und der ganzen Welt bekannt wurde, sang sie auch zusammen mit dem deutschen Star Udo Lindenberg. Gemeinsam traten sie in Russland und Deutschland auf und sangen unter anderem den Lindenberg-Song: "Wozu sind Kriege da?"

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Über die Expertin: Dr. Tatiana Golova ist Soziologin und seit Herbst 2016 am Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS). Sie forscht zu sozialem und politischem Aktivismus, Migration und der Kommunikation über soziale Medien mit den geografischen Schwerpunkten Russland und Deutschland. Derzeit arbeitet sie unter anderem im ZOiS-Projekt "Regionale Proteste auf russischen sozialen Medien".

Verwendete Quellen:

  • Deutsche Presse-Agentur (dpa)
  • faz.net: Pugatschowa – God save the Queen
  • instagram.com: alla_orfey Post I von Alla Pugatschowa
  • instagram.com: alla_orfey Post II von Alla Pugatschowa
  • nytimes.com: A Superstar Evokes a Superpower; In Diva's Voice, Adoring Fans Hear Echoes of Soviet Days
  • republic.ru: Alla Pugatschowa und die Mobilisierung, oder warum in Russland eine Frau an der Macht sein sollte
  • stern.de: Gegen die Desinformationskampagne kann ein einzelner Star nichts ausrichten – auch nicht Alla Pugatschowa
  • telefonisches Interview mit Dr. Tatiana Golova
  • youtube.com: Zemfira – The Meat (2022)
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