Eine Lösung des Konflikts zwischen Russland und der Türkei ist nicht in Sicht. Ihren Präsidenten Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan scheint es kaum möglich zu sein, aufeinander zuzugehen. Die Lage ist brandgefährlich, sagen Experten.

Über die Gemeinsamkeiten des türkischen und des russischen Staatschefs, Recep Tayyip Erdoğan und Wladimir Putins, wurde schon viel gesprochen.

Experten bescheinigen beiden einen autokratischen Führungsstil, in dem Nachgeben nicht als oberste Tugend gilt. Nun finden sie sich in einer Situation wieder, die nicht nur den Anti-Terror-Kampf gefährdet.

Bei der zweiten Wahl zum türkischen Parlament binnen fünf Monaten erobert die islamisch-konservative AKP die absolute Mehrheit zurück. Das Ergebnis ist widererwarten ein Riesen-Erfolg für Präsident Recep Tayyip Erdogan. Wie es dazu kam? Antworten eines Türkei-Experten.

Zuletzt war es Putin, der weiteres Öl ins Feuer goss, indem er behauptete, dass die Türkei Öl-Geschäfte mit der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) mache.

Zuvor hatte er nach dem Abschuss des russischen Jets im syrisch-türkischen Grenzgebiet bereits Sanktionen gegen die Türkei erlassen, unter anderem wurde das Reisen in das Land stark eingeschränkt.

Ein Gesprächsangebot Erdogans lehnte Putin ab, er fordert eine Entschuldigung für den Abschuss des Flugzeugs, bei dem ein russischer Pilot starb.

Das wiederum lehnt Erdogan ab. Er sagt, der Abschuss sei gerechtfertigt gewesen, weil der Jet in den türkischen Luftraum eingedrungen sei.

Angst vor dem Gesichtsverlust

Den Konflikt zwischen Russland und der Türkei beurteilen einige Experten als brandgefährlich.

"Wenn beide Seiten kompromisslos agieren, kann daraus immer eine gefährliche Situation entstehen", erklärt der Nato-Experte Ulrich Kühn vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik in Hamburg gegenüber unserer Redaktion.

Auch er betont Putins und Erdogans Gemeinsamkeiten im Führungsstil und ihre Angst vor einem Gesichtsverlust - aber auch ihre sehr unterschiedlichen Interessen in der Region.

"Die Türkei will ihren Einfluss im Nahen Osten ausbauen, sie will Assad weg haben und einen Kurdenstaat verhindern."

Russland wolle wiederum seinen Einfluss aufrechterhalten, vor allem in Syrien, mit Assad.

Wechselseitige Provokationen

Diese Gegensätze gepaart mit wechselseitigen Provokationen könnten auch das mutmassliche gemeinsame Ziel, den Anti-Terror-Kampf, gefährden.

Die Frage ist, wer nun am besten mit wem reden und ihn gegebenenfalls in die Schranken weisen sollte?

Kühn sagt, die westlichen Ländern müssten darüber nachdenken, ob sie ihrem türkischen Partner nicht raten sollten, sich zurücknehmen. "Denn der Abschuss des Jets war politisch nachvollziehbar, aber er wäre nicht nötig gewesen."

Der Journalist und Russlandkenner Boris Reitschuster sieht das anders. "Im Moment könnte der Eindruck entstehen, der Westen - von den USA abgesehen - stehe auf Putins Seite."

Das animiere ihn auszutesten, wie weit er mit seiner Einflussnahme in der Region noch gehen könne. Deshalb müsse die Nato ihm gegenüber Stärke zeigen. Reitschuster nennt die aktuelle Situation "brandgefährlich".

Für manche Experten besteht die Gefahr, dass die militärischen Muskelspiele schnell ausser Kontrolle geraten könnten.

Türkei abhängig von Russland

Am oberen Ende der Eskalationsskala würde wohl eine offene militärische Konfrontation mit der Nato stehen. Allerdings werde niemand - auch Putin nicht - die Situation in eine solche Richtung eskalieren lassen, sagt Reitschuster.

Günter Meyer, der Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt in Mainz, glaubt nicht einmal an eine längere Eiszeit zwischen Ankara und Moskau. Die Türkei sei wirtschaftlich viel zu abhängig von Russland.

Im Moment ist die Stimmung zwischen den beiden Ländern aber wohl durchaus eisig zu nennen. Ein Treffen zwischen Putin und US-Präsident Barack Obama hatte zuletzt offenbar auch keine Fortschritte gebracht.

Putins Sprecher Dmitri Peskow sagte laut dpa, das Gespräch am Rande der UN-Klimakonferenz habe die schnelle Bildung einer breiten Koalition gegen den Terror noch nicht näher gebracht.