Als Michael Zorc am Dienstagnachmittag bekanntgab, dass man keine weiteren Spieler mehr aufnehmen wird, ging für Borussia Dortmunds Sportdirektor ein recht unaufgeregter Transfersommer zu Ende – sein letzter, im kommenden Jahr wird die BVB-Legende in den wohlverdienten Ruhestand gehen. Alles andere als unaufgeregt waren jedoch die zahlreichen Gerüchte, die in den vergangenen Monaten rund um die Borussia kursierten.

Christopher Giogios
Eine Kolumne
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Die wichtigsten Abgänge der Schwarz-Gelben sind schnell genannt: mit Jadon Sancho (Manchester United) und Thomas Delaney (FC Sevilla) verlassen zwei Spieler den BVB, die jeweils auf ihre Art sportlich und mental prägend waren. Gleiches gilt für die Identifikationsfigur Lukasz Piszczek, der bei seinem Heimatverein aus Goczalkowice in der dritten polnischen Liga die Karriere ausklingen lassen wird.

Darüber hinaus konnte der Verein ein paar dringend benötigte Einsparungen vornehmen, indem einige Leihspieler endgültig an den Mann gebracht wurden: Mit Leonardo Balerdi (Olympique Marseille), Jeremy Toljan (US Sassuolo) und Sergio Gomez (RSC Anderlecht) wurden Spieler abgegeben, die sich beim BVB nie wirklich durchsetzen konnten.

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Einer der bedeutensten Abgänge war der von Jadon Sancho. Er wechselte zurück nach England - zu Manchester United. Durch seinen Abgang verliert der BVB einen starken Spieler.

Die bisherigen BVB-Transfers: zwei für die Stammelf, zwei für die Jugend

Auf der Seite der Zugänge stehen hingegen mit Donyell Malen und Gregor Kobel zwei Spieler, die für die Stammelf eingeplant sind. In Anbetracht von Ablösesummen in Höhe von 30 beziehungsweise 15 Millionen Euro ist diese Erwartungshaltung auch nicht verwunderlich. In den bisherigen Pflichtspielen konnte man insbesondere beim 23-jährigen Kobel bereits erkennen, dass er dem BVB durch sein aktives Spiel mit dem Ball eine völlig neue Dimension auf der Torwartposition verleiht – eine starke Verpflichtung.

Auch von Malen darf man zukünftig Ähnliches erwarten. Sein Debüt beim BVB verlief aufgrund von Fitnessproblemen und anfänglichen Eingewöhnungsschwierigkeiten zwar nicht optimal, spätestens beim furiosen 3:2-Sieg gegen die TSG Hoffenheim machte der Holländer jedoch eine deutlich bessere Figur.

Mit Abdoulaye Kamara und Soumaila Coulibaly sicherte man sich zudem in bekannter BVB-Manier die Dienste von zwei Rohdiamanten aus der Talentschmiede Paris Saint-Germains. Weder Kamara (16) noch Coulibaly (17) sind als sofortige Verstärkung eingeplant. Allerdings kann es beim BVB manchmal auch sehr schnell gehen, wie die Fälle Youssoufa Moukoko, Jude Bellingham oder Giovanni Reyna zeigen.

Die Lehre aus dem Saisonstart: Nachholbedarf in der Defensive

Die genannten Transfers wurden schon recht frühzeitig abgewickelt, sodass zum Deadline-Day nur noch eine eklatante Baustelle existierte: die BVB-Defensive.

Auf der Aussenverteidigerposition war man ohnehin schon dünn besetzt - mit den Verletzungen von Mats Hummels, Emre Can, Dan-Axel Zagadou und Mateu Morey hat sich hier aber mittlerweile ein ernsthaftes Problem ergeben.

In der Innenverteidigung macht Axel Witsel derzeit einen ordentlichen (Aushilfs-)Job, mitunter merkt man allerdings schon, dass klassische Verteidigungsarbeit nicht zu seinem üblichen Aufgabenbereich gehört. Auch Felix Passlack war auf der rechten Seite gewohnt mit grossem Engagement unterwegs, verursachte defensiv aber durchaus den ein oder anderen brenzligen Moment. So ist es vor allem Manuel Akanji in herausragender Form zu verdanken, dass beim BVB in der Verteidigung derzeit nicht alles auseinanderfällt.

Mit Marin Pongracic vom VfL Wolfsburg hat man genau dieses Problem auf den letzten Drücker noch behoben. Der 23-Jährige wird in einem klugen Deal zunächst für ein Jahr ausgeliehen und kann dann im kommenden Sommer per Kaufoption für angeblich zwölf Millionen Euro zum BVB wechseln. Bei den Wölfen kam er zuletzt in der – zugegeben sehr stark besetzten – Defensive kaum zum Einsatz, weshalb ein Wechsel auch für den kroatisch-deutschen Verteidiger Sinn ergibt.

Dass Pongracic in der Innenverteidigung, aber notfalls auch auf der rechten Seite eingesetzt werden kann, könnte dem BVB gerade in der aktuellen Phase helfen, bis die Stammkräfte wieder einsatzfähig sind. In Anbetracht seines klar erkennbaren Entwicklungspotenzials wäre es natürlich nicht ausgeschlossen, dass er die derzeitigen Ausfälle nutzt, um sich einen Platz in der Stammelf zu erkämpfen.

Ein weiterer Vorteil: Pongracic hat bereits bei RB Salzburg unter Marco Rose gespielt und kennt also den Trainerstab und das System seines alten und neuen Trainers.

Keine grossen Namen, aber solide und wirtschaftlich vernünftige Transfers

Wie lautet also das Fazit für Michael Zorc und Co.? In den sozialen Netzwerken überwiegt die Enttäuschung, dass kein grosser Name ins Ruhrgebiet gelotst wurde. In Anbetracht von Gerüchten rund um Spieler wie Chelseas Callum Hudson-Odoi oder Diogo Dalot von Manchester United ist das kein Wunder.

Was aber viele gern vergessen: Die BVB-Führung um Aki Watzke hat stets betont, dass erst auf der Abgabenseite etwas passieren muss, bevor der Verein noch einmal Geld in die Hand nehmen wird. Das schmutzige Geheimnis der Borussia: Mit Roman Bürki, Marius Wolf und Nico Schulz hat man Spieler mit extrem gut dotierten Verträgen im Kader, die sportlich nur sehr überschaubare Rollen spielen.

Dass man solche Spieler nicht so leicht abgeben kann, liegt in der Natur der Sache: In Zeiten von Corona sind die meisten Teams nicht gerade spendierfreudig. Auch die Spieler selbst sehen nicht unbedingt die Notwendigkeit, zu geringeren Bezügen bei einer anderen Mannschaft anzuheuern. Wieso sollten sie auch?

Folglich war in diesem Sommer schlicht nicht mehr für den BVB drin. Mit Pongracic hat man aber auf den letzten Metern noch die dringend benötigte Hilfe für die Defensive bekommen. Kobel und Malen hingegen haben das Potenzial, um in den kommenden Jahren grosse Rollen einnehmen zu können. Im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten hat Michael Zorc also einmal mehr einen ordentlichen Job gemacht.

Achja: die Personalie mit der grössten Gerüchteküche wäre damit noch gar nicht adressiert. Der Vollständigkeit halber: Am 01. September 2021 um 00:00 Uhr war Erling Haaland immer noch Spieler von Borussia Dortmund – und das wird auch vorerst so bleiben.

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