Im Sommer 2015 flüchteten Tausende Menschen von Ungarn über Österreich nach Deutschland. Die Interpretation der Ereignisse ist längst abgeschlossen, nun beleuchtete der Spielfilm "Die Getriebenen" am Mittwochabend im Ersten die Politiker hinter den Entscheidungen. Ein Sittengemälde in Zeiten politischer Krisen.

Christian Vock
Eine Kritik
von Christian Vock

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Egal, wie man die politischen Entscheidungen vom Sommer des Jahres 2015 bewertet, so lässt sich doch sagen, dass die Ereignisse von damals Spuren hinterlassen haben.

Die Aufnahme von Tausenden Geflüchteten hat die Hilfsbereitschaft der Deutschen sichtbar gemacht, ebenso den im Verborgenen schlummernden Rassismus.

Gleichzeitig aber haben die Ereignisse politische Entscheidungsträger vor enorme Herausforderungen gestellt – in der Sache, aber auch in deren Vermittlung.

Davon erzählt der Spielfilm "Die Getriebenen", den das Erste am Mittwochabend um 20:15 Uhr zeigte. Für die filmische Umsetzung diente das Sachbuch des Journalisten Robin Alexander als inhaltlicher Rahmen, den Drehbuchautor Florian Oeller dramaturgisch gefüllt hat.

Dementsprechend ist "Die Getriebenen" keine Dokumentation, sondern ein Spielfilm, der auf realen Ereignissen basiert. "Die Spielszenen können nur eine Annäherung, an das wirkliche Geschehen sein", heisst es hierzu von der ARD.

Dieses Geschehen beginnt im Film am Sonntag, dem 12. Juli 2015. Angela Merkel (Imogen Kogge) erhält gerade ihr Tagesbriefing im Kanzleramt, es folgen Telefonate, Termine, politischer Alltag.

Der wird unterbrochen, als Merkel eine SMS ihres stellvertretenden Büroleiters Bernhard Kotsch mit der Nachricht "Ungarn baut einen Grenzzaun" erhält. Ihre Reaktion: "Scheisse. Altmaier muss sich kümmern." Das macht Kanzleramtsminister Peter Altmaier (Tristan Seith) dann auch, erhält spät in der Nacht noch die Anweisung: "Mach das bitte deutlich: kein Zaun!"

"Die Getriebenen": Migrationspolitik als Thriller

Damit beginnen die Ereignisse, doch sie sind in "Die Getriebenen" nur die Impulsgeber. Der Film ist keine gesellschaftliche Aufarbeitung und keine Dokumentation, sondern ein Politthriller.

Es geht weniger darum, die damaligen Entscheidungen zu rechtfertigen oder zu bewerten, sondern zu erklären: Zu erklären, wie Politik gemacht wird und unter welchen Einflüssen. Es geht um die Mechanismen der Macht und wie jeder versucht, das zu bekommen, was er will.

Durch die Entscheidung, aus gesellschaftlich brisantem Stoff einen Machtthriller zu machen, umgehen Drehbuchautor Oeler und Regisseur Stephan Wagner eine Deutung, bieten aber immerhin eine Deutungsmöglichkeit für den Zuschauer an, und das ist vielleicht nicht die schlechteste Lösung, wenn man sich für einen Spielfilm wie diesen entscheidet.

Eine Rekonstruktion der Ereignisse hat ohnehin längst stattgefunden. Inzwischen weiss jeder, was wann passiert ist und viele wissen auch, wer welche Entscheidung getroffen hat. Das gilt auch für eine politische wie moralische Bewertung der Situation von vor fünf Jahren. Auch hier hat jeder schon seine eigene Bewertung gemacht.

Wenn hier überhaupt eine Bewertung stattfindet, dann weniger über die Entscheidungen, sondern über die Absichten der einzelnen Akteure. "Die Getriebenen" funktioniert nämlich nicht nur als Politthriller, sondern auch als Porträt der damals Handelnden.

Im Zentrum steht hierbei natürlich Kanzlerin Merkel, die versucht, die Lage in ihrer typischen Art und Weise zu regeln. Als ihr Mann, Joachim Sauer (Uwe Preuss), ihre Gelassenheit in der angespannten Lage bewundert, antwortet Merkel: "Wenn Aufregung helfen würde, Probleme zu lösen, würde ich mich aufregen."

Seehofer zu Söder: "Du bist charakterlich nicht geeignet, Bayern zu führen"

Dabei unterteilt der Film die Personen grob in zwei Lager: diejenigen, die versuchen, Probleme zu lösen, wie Angela Merkel und Peter Altmaier und diejenigen, die versuchen, aus der Situation politisches Kapital zu schlagen wie Markus Söder (Matthias Kupfer) oder Sigmar Gabriel (Timo Dierkes).

Besonders diese beiden geben in der Interpretation von "Die Getriebenen" keine gute Figur ab. "Entscheidend wird sein, dass diese Teflon-Frau einen Fehler macht, für den sie dann ihre Wähler abstrafen wollen, dahin müssen wir sie treiben. Das muss unser Ziel sein bis zum Wahltag. Und Wahltag ist Zahltag", lässt Oehler seinen Sigmar Gabriel über dessen Kanzler-Ambitionen laut nachdenken.

Und Horst Seehofer (hervorragend gespielt von Josef Bierbichler) erklärt seinem bayerischen Konkurrenten Söder, warum er ihm nicht schon jetzt, sondern erst 2018 den Weg zum Ministerpräsidentenamt freimachen will: "Du bist charakterlich nicht geeignet, Bayern zu führen. Und deswegen werde ich es dir nicht anvertrauen."

Gelingt das? Jein. Natürlich braucht es diese Überspitzung der Persönlichkeiten, um den Figuren in den knappen Minuten Kontur zu verleihen, aber auch wenn manche Sprüche im Film von denen realer Politiker nur schwer zu unterscheiden sind, ist das doch eine Gratwanderung, die nicht immer gelingt. Da sind Politiker nur noch Machtgetriebene ohne weitere Facetten.

"Die Getriebenen": Wer handelt in der Sache, wer sucht nur seinen Vorteil?

So intensiv der Film hier die handelnden Personen zeichnet, so blass bleibt er an anderer Stelle. Denjenigen, für die die "Flüchtlingskrise" die eigentliche Krise war, gibt "Die Getriebenen" kein Gesicht: den Geflüchteten.

Sie kommen nur in Gestalt von Nachrichtenbildern vor: Menschen vor Stacheldrähten, ertrunkene Kinder, brennende Asylunterkünfte. Sie sind nur eine Masse, ein Problem, das es zu lösen gilt.

Nun könnte man das als Eindimensionalität kritisieren, aber das greift zu kurz. Der Film heisst "Die Getriebenen" und nicht "Die Vertriebenen", und deshalb ist es umso konsequenter, weil umso symbolischer, wenn die eigentlich Leidtragenden hier kein Gesicht bekommen. Die Botschaft: Ihr seid hier nur Spielball der Interessen.

Stattdessen stehen hier politische Verantwortung einerseits und Machtspielchen andererseits im Vordergrund und das ist eine zweite Botschaft, die, wenn auch unbeabsichtigt, gerade aktueller denn je ist: Wie agieren Politiker in Zeiten einer Krise?

Im Film sitzt Merkel (Imogen Kogge) mit ihrem Mann am Frühstückstisch und macht ihrem Unmut darüber Luft, dass sich Sigmar Gabriel nach dem Nazi-Aufmarsch in Heidenau politisch profilieren will, während sie in Europa um eine gemeinsame Strategie wirbt: "Kann er nicht irgendwann mal kapieren, dass ich mich um Lösungen bemühe, statt darum, irgendwo Erster zu sein."

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