Am Dienstag startet die neue ARD-Serie "Oktoberfest 1900", die auf die Wiesn zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts entführt. Statt bayerischer Gemütlichkeit in historischem Ambiente erwartet die Zuschauer aber ein brutaler und blutiger Machtkampf zwischen Bierbrauern.

Christian Stüwe
Eine Kritik
von Christian Stüwe

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Es ist Mitte September, doch die Theresienwiese im Herzen Münchens ist leer. Keine Bierzelte, kein Riesenrad, keine Buden. Am 19. September wäre das Oktoberfest mit den traditionellen Worten "O’zapft is" von Oberbürgermeister Dieter Reiter eröffnet worden. Doch die Corona-Pandemie sorgte für den ersten Ausfall der Wiesn nach 71 Jahren ununterbrochener Bierseeligkeit.

Es wird in diesem Jahr also keine schlangenlinienlaufenden Japanerinnen im Dirndl zu bestaunen geben, keine Australier, die DJ-Ötzi-Hits mitgrölen und auch keine dem Nervenzusammenbruch nahen Münchner, die in der Nähe der Festwiese wohnen.

Wem das alles fehlt, findet in den nächsten Tagen in der ARD Abhilfe. Denn die neue Serie "Oktoberfest 1900" dreht sich um das legendäre Volksfest und versetzt die Zuschauer in die Zeit der Wiesn vor 120 Jahren zurück.

Der aufwendig inszenierte Sechsteiler startet in der ARD am Dienstag, 15. September um 20.15 Uhr mit zwei Folgen, am 16. und 23. September sind zur gleichen Zeit jeweils zwei Folgen zu sehen. Bereits jetzt ist die komplette Miniserie in der ARD-Mediathek abrufbar.

Das alte München ist in der Serie ein düsterer Ort

Wer nun aber eine historische Serie mit bayerischer Gemütlichkeit erwartet, wird sich ziemlich schnell getäuscht sehen. Denn "Oktoberfest 1900" ist ein atmosphärischer, phasenweise brutaler Krimi.

In den düsteren Gassen des alten Münchens, das dank Computeranimationen und aufwendiger Ausstattung wiederaufersteht, wabert der Nebel, es regnet häufig. In einer Szene spritzt Blut auf Zuckerwatte, die sich im Matsch auflöst.

Vermutlich müssen deutsche Serien im Jahr 2020 einfach so aussehen, nachdem DARK mit seiner düsteren Optik und Handlung zu einem Welterfolg wurde.

Von wahren Begebenheiten inspiriert ist bei "Oktoberfest 1900" lediglich die Ausgangslage. Georg Lang aus Nürnberg errichtete 1898 auf der Theresienwiese eine Bierhalle für 6.000 Personen und legte damit den Grundstein für das Mega-Event, dass das Oktoberfest heutzutage ist.

An Lang angelehnt ist die Serien-Figur Curt Prank (Mišel Matičević), ein schmieriger und kompromissloser Geschäftsmann, der in Nürnberg mit Restaurants und Bordellen reich geworden ist.

Nun will er mit einer riesigen "Bierburg" und Blaskapellen das Oktoberfest revolutionieren, wo bisher der Gerstensaft in schmucklosen Bretterbuden verkauft wurde.

"Oktoberfest 1900": Blut und Bier

Das gefällt den alteingesessenen Münchner Brauereien natürlich überhaupt nicht. Es entwickelt sich ein Machtkampf, der mit einer Konsequenz ausgetragen wird, die an die Intrigen und Konflikte des Fantasy-Spektakels "Game of Thrones" erinnert.

Nur eben nicht mit Drachen und White Walkern, sondern mit Dirndl und Masskrügen. Es wird gemordet, gelogen und gerächt, es kommt zu verbotener Liebe und ungewollten Schwangerschaften.

Zwei Figuren scheiden auf eine Art und Weise aus dem Leben, die man sogar als Referenz an "Game of Thrones" deuten könnte. Der Streaming-Anbieter Netflix, der sich die Rechte für die Ausstrahlung im englischsprachigen Raum gesichert hat, wird die Serie dort nicht umsonst unter dem Titel "Oktoberfest: Beer & Blood" laufen lassen.

Überzeugen kann die Mini-Serie vor allem mit toller Ausstattung, atmosphärischen Bildern und natürlich mit der hochkarätigen Besetzung.

Martina Gedeck spielt die Brauer-Witwe Maria Hoflinger, die sich dem "zugroasten" Bier-Baron Prank entgegenstellt, Mercedes Müller, Francis-Fulton Smith, Irina Wanka, Klaus Steinbacher und Eisi Gulp sind ebenfalls Teil des Ensembles der ARD-Produktion.

Verbindendes Element der Erzählstränge ist Brigitte Hobmeier als Biermadl Colina Kandl, die um Emanzipation und sozialen Aufstieg kämpft.

Protest der Wiesn-Wirte lässt den Produzenten kalt

Die Handlung wirkt an einigen Stellen ziemlich übertrieben und hat nichts mit den realen Umständen auf dem Oktoberfest um 1900 zu tun, sicher war auch die Stadt München damals nicht ein derart düsterer Ort.

Den Anspruch, historisch korrekt zu sein, hat die von Regisseur Hannu Salonen inszenierte Serie "Oktoberfest 1900" aber ohnehin nicht. Wer sich damit anfreunden kann und harte Serien im Netflix-Stil mag, wird die sechs Folgen sicher schnell durchgeschaut haben.

Wobei die Wiesn-Meuchelei natürlich auch Menschen verschrecken könnte, deren Erwartungshaltung aufgrund des Settings eine andere war.

In einem Bericht der "Bild"-Zeitung Anfang August empörten sich beispielsweise die echten Münchner Wiesn-Wirte darüber, dass die in der Serie gezeigten Machtkämpfe und die Gier ein schlechtes Bild auf das Oktoberfest werfen würden.

"Ich habe das gelesen und musste schmunzeln, das wurde ein bisschen sehr hochgespielt" erzählte Produzent Alexis von Wittgenstein dazu kürzlich in einem Livestream der ARD: "Wir erzählen im Grunde eine Geschichte, die inspiriert ist von einer wahren Begebenheit, einem wahren Kern. Aber wir haben eine Geschichte erzählt, die wir uns ausgedacht haben und die den dramaturgischen Regeln unterliegt. Wir haben keine Dokumentation gemacht."

Und das dürfte jedem schnell klar werden, schon nach den ersten Minuten von "Oktoberfest 1900". Den hier fliesst nicht nur das Bier, sondern auch das Blut in Strömen.

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