Mit "Die Puppenstars" dürfte RTL am Freitagabend nun auch noch das letzte freie Fleckchen Kleinkunst in sein Casting-Show-Imperium aufgesaugt haben. Puppenspieler wetteifern dort vor einer Prominenten-Jury um Sterne, Ruhm und Geld. Das Erstaunliche: Es funktioniert. Was aber aber nicht an RTL lag.

Kennen Sie einen Beruf, der noch nicht in einer TV-Talent-Show prämiert wurde? Fliesenleger vielleicht. Oder Urologe. Danach wird es aber schon eng. Irgendwann jedenfalls war der Mensch der Meinung, dass es nicht ausreicht, etwas zu können und damit andere zu erfreuen. Nein, der Mensch - ganz leistungsorientiert - hat gleich einen Wettbewerb daraus gemacht.

Seitdem suchen Menschen auf der ganzen Welt den jeweils Besten in egal was. RTL hat diesen Leistungsgedanken verinnerlicht und die Talentshow inzwischen zur tragenden Programm-Säule erkoren. Neuestes Mitglied in der RTL-Casting-Familie: die Puppenspieler.

Wo manch Nischensender diese ohnehin im Fernsehen unterrepräsentierte Kleinkunst-Gattung auch einfach mal so zeigt, macht RTL auch hier einen Wettbewerb daraus. Das ist jetzt erst einmal per se nichts Schlimmes, mal darüber nachzudenken, ob man aus wirklich jedem Lebensbereich einen Wettbewerb machen muss, macht aber auch nicht dümmer.

Vielleicht bleiben uns so mögliche Shows wie "Deutschland sucht den Super-Kinokartenabreisser" oder "Die Sanitärtechniker-Stars" erspart.

Die Kleinkunst-Krieger

Doch ob nun im Wettbewerb oder nicht, was man RTL anrechnen darf, ist die Tatsache, einem grösseren Publikum Eintritt zu dieser seltenen Kunstform verschafft zu haben. Denn, das zeigte der Abend, Puppenspiel kann mehr sein als nur Kasperltheater oder die Muppet-Show.

Dann nämlich, wenn die Menschen hinter den Figuren ihren Schöpfungen einen ganz eigenen Charakter geben. Wenn sie in nur wenigen Minuten in eine neue Welt entführen, die man kurz zuvor noch überhaupt nicht kannte, geschweige denn, sich vorstellen konnte.

So ein Puppenspiel ist erst dann gut, wenn es all das in sich vereint: Charakter, Technik und eine gute Geschichte. Und es ist brillant, wenn man als Zuschauer völlig vergisst, dass hinter der Puppe ja ein Mensch steckt.

Wie zum Beispiel bei den beiden Marionetten Spejbl und Hurvínek, einem Vater-Sohn-Duo aus Prag, das es bereits seit den 1920er Jahren gibt. Wenn die beiden auf der Bühne streiten, ob es besser sei, ein gesichertes Leben zu führen, das aber in der Hand eines anderen liegt, oder ob es sich nicht lohnt, die Fäden zu durchtrennen und in Freiheit zu leben, dann hat das nichts mit mehr mit Kasperl und Seppl zu tun, dann ist das Kleinkunst mit Betonung auf Kunst.

Licht und Schatten und ein Penis

Nicht weniger Charme hatten da das holländische Damen-Duo, das ein Tee-Sieb und ein Gummiband zum Leben erweckte und damit die Geschichte eines Seiltänzers erzählte oder das Puppenspieler-Trio, das nur mit Backpapier und Klebeband den Gene-Kelly-Klassiker "Singin' in the Rain" neu interpretierte. Bei so viel Licht, fiel der Schatten dann nicht mehr so ins Gewicht.

Wie etwa der Franke Peter mit seiner "Buppe". Die war nichts anderes als ein riesiges Genital. Ein Penis als Puppe, das kann man machen. Richtig lustig wird so ein Gespräch zwischen einem Mann und seinem ständigen Begleiter aber erst dann, wenn wenigstens die Kalauer oberhalb der Gürtellinie sind. Doch statt tiefsinnigem Witz blieb es bei Peter und seiner Penis-Puppe nur beim naheliegenden Altherrenhumor.

"Die Puppenstars": Künstler gut, Show gut

Und genau hier zeigte sich die Schwäche der ansonsten fast durchgängig unterhaltsamen Show: Deren Konzept steht und fällt mit den Künstlern, die dort auftreten. Irgendetwas Neues oder Einzigartiges hat "Die Puppenstars" nämlich leider nicht zu bieten. Man bedient sich bei all den Standard-Casting-Elementen, die man so finden konnte.

Es gibt Kandidaten-Einspieler, mit Mirja Boes eine Moderatorin, eine Jury (Gaby Köster, Max Giermann und Martin Reinl) und ein Urteil. Eigene Ideen – Fehlanzeige. Stattdessen zusammengeschnittene Emotionen und in Casting-Format gepresste Kunst. Aber so sieht das dann eben aus, wenn RTL aus allem einen Wettbewerb machen muss.