Penis-Tattoo und Option auf Sex vor der Kamera: Wer gutes Fernsehen mag, der wird die neue Staffel "Paradise Hotel", die am Dienstag bei TVNow startet, ohnehin nicht einschalten. Aber wenn doch, dann ist zumindest Folge eins nicht so schlimm wie befürchtet. Für Trash-TV-Fans ist trotzdem Potenzial drin. Der Start der neuen Staffel im Überblick.

Christian Vock
Eine Kritik
von Christian Vock

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Ist RTL immer noch ein Fernsehsender oder nicht schon längst eine Partnervermittlung? Zum Glück für partner- und aufmerksamkeitssuchende Singles ist RTL beides.

"Adam sucht Eva", "Der Bachelor", "Prince Charming", "Are You The One?" und wie sie alle heissen: Wie kein anderer Sender sucht RTL sein Alleinstellungsmerkmal in der Kombination aus Trash- und Kuppelshow und je nach Sendung variieren hier die Anteile.

Bei "Paradise Hotel", das zeigt die erste Folge der neuen Staffel, neigt sich die Waage eher auf die Seite Trashfernsehen, wenn auch nur leicht.

Die Show "Paradise Hotel"

In puncto Regelwerk mag es "Paradise Hotel" niedrigschwellig. Einzige Bedingung für Zuschauer und Kandidaten: Man muss einigermassen sicher durch zwei teilen können.

Grundprinzip der Show ist nämlich, dass eine ungerade Zahl an Singles in eine mexikanische Traumvilla gesperrt wird und dort am Ende des Tages paarweise zueinander finden muss. Wer übrig bleibt muss ins Einzelzimmer ziehen und versuchen, die Paare wieder auseinanderzubringen.

Schafft es der oder die Verschmähte nicht, in dieser Art Liebes-Trash-Darwinismus bis zur "Paarzeremonie" mit einem Partner aufzulaufen, war's das auch schon und er oder sie muss sich in einem anderen RTL-Format um einen Lebensabschnittsgefährten bemühen und die 20.000-Euro-Siegprämie mit ehrlicher Arbeit erwirtschaften.

Die Moderation

Hier gibt es tatsächlich eine Neuerung. Staffel Nummer eins moderierte noch Vanessa Meisinger, die manchem vielleicht noch als die eine Hälfte des Gewinner-Duos Some & Any der Casting-Show "Popstars" in Erinnerung ist.

In der neuen Staffel setzt RTL aber nun auf Angela Finger-Erben. Sie moderiert sonst das RTL-Frühformat "Guten Morgen Deutschland", hat sich aber in den vergangenen Jahren einen neuen Schwerpunkt mit der Moderation von Trash- und Kuppelshows wie "Das Sommerhaus der Stars" oder "Temptation Island" aufgebaut.

Die Kandidaten

Nun fällt es in den ganzen Trash- und Partnersendungen ohnehin schwer, einen gestylten Eisenbieger vom anderen zu unterscheiden. RTL macht es dem Zuschauer in der neuen Staffel "Paradise Hotel" aber besonders schwer und steckt die Zwillinge Tuncay und Yücel in die Villa.

Die beiden sehen nicht nur wirklich gleich aus, sondern haben auch den gleichen vorfeministischen Ansatz. Wenn beiden die gleiche Frau gefällt, "dann gibt’s nur eine Lösung: Schnick, Schnack, Schnuck!" Welche Frau wünscht sich nicht, bei einem Kinderspiel gewonnen zu werden.

Zu den beiden eineiigen Frisören gesellt sich noch Tobi, der sich selbst als "eine Mischung aus Bachelor und Playboy" sieht – was auch immer das für eine krude Mixtur sein soll. Er selbst scheint das aber als etwas Positives zu sehen. Dann haben wir noch den fröhlichen Andreas, der seine fränkische Herkunft nicht verheimlichen kann, Kassierer David (der schon bei "Temptation Island" dabei war) und den Nachzügler Omar, der als Elfter dafür sorgt, dass auf jeden Fall immer einer übrig bleibt.

Chelly, Chey, Michelle, Julia und Luisa – bei den Kandidatinnen fällt es nach nur einer Folge hingegen noch ein bisschen schwerer, die eine von der anderen zu unterscheiden. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass sich im Gegensatz zu den Herren bisher noch keine der Damen durch allzu grosse Verbalaussetzer hervorgetan hat. Aber die Zeit wird das schon regeln.

Die Kandidatinnen und Kandidaten von "Paradise Hotel von oben links nach unten rechts: Julia, Tobias, Luisa, Andreas, Michelle, David, Cheyenne, Tuncay, Chelly und Yücel.

Das Konzept

Traumvilla, eine Bande Singles, Partys und Spielchen – es sind nicht die originellsten Zutaten, aus denen "Paradise Hotel" zusammengerührt ist. Den Rest an Unterhaltung erledigen dann wie immer Alkohol und Impulskontrolle – und natürlich die Sprüche der Kandidaten.

Da kann sich die erste Folge nichts vorwerfen lassen, was zu einem Grossteil auf den Deckel von Tobi geht. Denn der 21-Jährige weiss, wie man Frauen umgarnt: "Letztendlich: Wer bumsen will, muss freundlich sein. Das soll jetzt auch nicht so plump rüberkommen." Ach, Tobi, das kann gar nicht plump genug rüberkommen.

Darauf darf man sich freuen

Gut, "freuen" ist ein grosses Wort für das, was bei "Paradise Hotel" zu erwarten ist, gerade nach den Erfahrungen aus Staffel eins.

In der ersten neuen Folge geht es natürlich noch ein bisschen mit angezogener Trash-Handbremse zu, aber ein paar Kandidaten geben erste Hinweise, dass die bald gelöst werden könnte: "Was das angeht, ich bin komplett offen, locker, easy drauf, weil ich auch ein bisschen als Stripper arbeite, beantwortet zum Beispiel Tobi die Frage nach Sex vor der Kamera, die er selbst gestellt hat.

Und auch David erzählt mehr, als man wissen möchte. "Ich bin auf jeden Fall ein Romantiker. Mein besonderstes Tattoo: Direkt auf dem Penis drauf seht: 'Enjoy it'". Es ist jetzt nicht so, dass den Zuschauer so eine Anekdote bei "Paradise Hotel" völlig überraschend trifft, aber man weiss trotzdem nicht, wie David sein Romantiker-Dasein und seinen Tattoo-Spruch unter einen Hut bringt. Die leidlich originelle Penis-Botschaft dürfte schliesslich nicht für seinen Urologen bestimmt sein.

Das Fazit

Der erste nackte Hintern ist erst nach gut einer halben Stunde zu sehen und auch sonst geht es Folge eins von "Paradise Hotel" für Trash-TV-Verhältnisse noch gediegen an. Aber trotzdem weiss man, was man hier bekommt und als Tobi für die gesammelte Bande einen Strip hinlegt, greift Julia deshalb schon einmal vor, was man mit Sicherheit in den kommenden Folgen noch häufiger denken wird: "Hallo? Mega peinlich."

"Paradise Hotel", ab 16. Juni bei TVNow und ab dem 30. Juni um 23 Uhr bei RTL.