Er reitet wieder: Winnetou, der Häuptling der Apachen, erlebt am 25. Dezember eine TV-Wiedergeburt bei RTL. Als kleinen Appetizer servierte der Sender gestern Abend ein "Wer wird Millionär?-Winnetou-Special. So weit, so gut - wenn es denn nur ein Winnetou-Special gewesen wäre.

Christian Vock
Eine Kritik
von Christian Vock

Es war schon eine kleine Sensation, als bekannt wurde, dass RTL "Winnetou" neu aufleben lassen würde. DEN deutschen Filmklassiker, der noch heute allen Nachkriegsgeborenen die Nostalgiefreudentränen in die Augen treibt. Gut, dass es ausgerechnet der DSDS-Sender RTL ist, könnte bei manchem Karl-May-Liebhaber für ein ungutes Gefühl in der Magengegend sorgen. Aber hey: Es ist "Winnetou"!

Und als ob es noch irgendwelcher Anheizversuche bedurft hätte, schmeisst RTL gestern Abend, also kurz bevor die Neuverfilmungsreihe am 25. Dezember startet, noch ein "Wer wird Millionär?"-Special in die Abendunterhaltung. Schwerpunkt: natürlich "Winnetou".

Dass RTL damit vielleicht nur Werbung für seinen Event-Dreiteiler machen will, das hätte höchstens der verschlagene Frederick Santer aus Winnetou, Teil I, gedacht. Der edle Old Shatterhand hingegen hätte vermutet, dass der Sender damit allen "Winnetou"-Fans einfach nur eine Freude machen wollte.

Der "Winnetou"-Abend startete standesgemäss. "Und hier kommt er, der Buffalo Bill der deutschen Quizshow: Hier ist Günther 'Sitting Bull' Jauch", kalauert der Off-Sprecher zur Begrüssung und Moderator Jauch kommt mit Anzug und Federschmuck aus den Kulissen - Ok, ist ein bisschen arg halbherziger Klamauk, aber sei's drum. Wesentlich indianischer sahen die Indianer in den Karl-May-Filmen auch nicht aus.

Blutsbrüderschaft? Wer nicht!

Damit das Ganze aber so richtig Lust auf die neuen "Winnetou"-Filme macht, hatte man nur Kandidaten eingeladen, die eine ganz besondere Beziehung zur Karl-May-Welt haben. Vielleicht aber waren es auch die üblichen Kandidaten, die sich vor der Sendung schnell irgendeine solche Beziehung ausdenken mussten. Oder RTL hat die Hürde für so eine besondere Beziehung ziemlich niedrig gewählt.

Eine Kandidatin hat zum Beispiel als Kind mit ihrer Freundin Blutsbrüderschaft geschlossen. Da dürfte sie ja so ziemlich die Einzige in Deutschland gewesen sein. Aber hey: "Winnetou"!

Und um so richtig in Indianer-Stimmung zu kommen wurde extra das Regelwerk dem Motto entsprechend angepasst. Statt des üblichen 50:50-Jokers durften die Kandidaten mit Pfeilen auf eine Zielscheibe schiessen. Für jeden Treffer fiel eine falsche Antwort weg.

Was nach einer ziemlich lahmen Schnapsidee der WWM-Redakteure klingt, sah in der Praxis dann auch wie eine aus. Wie die Kandidaten da so mehr oder weniger unbeholfen an Pfeil und Bogen herumnestelten hatte wenig Erhabenes und noch weniger Spannendes.

Aber hey, auch hier: "Winnetou"!

Was bedeutet eigentlich Intschu tschuna?

Das ganze Blendwerk mit Federschmuck und Bogenschiessen kann den ehrlichen Karl-May-Fan ohnehin nicht hinter der Postkutsche hervorlocken. Den interessieren nur die ganzen Fragen um Winnetou, Old Shatterhand und Co., die gleich kommen würden.

Für welche Zeitung arbeitete Jefferson Tuff-Tuff, wie verlor Sam Hawkins seinen Skalp und was bedeutet eigentlich Intschu tschuna auf Deutsch? Das sind doch die Fragen, auf die echte Karl-May-Kenner warten!

Und so geht es auch gleich mit der ersten Frage ins Reich von Silberbüchse und Henrystutzen: "Was haben manchmal auch die striktesten Vegetarier?" Gut, denkt sich der Winnetou-Fan, muss ein Versehen der Redaktion gewesen sein, denn hier kommt ja gar nichts mit "Winnetou".

Als dann auch bei Frage zwei, drei und vier immer noch nichts aus dem Karl-May-Universum kommt, dämmert es dem Enthusiasten, dass Jauch mit der "Winnetou-Frage", die sich jeder Kandidat als gleichzeitige Gewinn-Sicherung an einer Frage-Stufe stellen lassen durfte, tatsächlich gemeint war, dass nur hier etwas zum Apachen-Häuptling gefragt werden würde.

"Winnetou"-Special ohne "Winnetou"

Sieht man von den Sortier-Fragen einmal ab, bedeutet das, dass bei drei Kandidaten an diesem Abend insgesamt nur drei Fragen zu "Winnetou" gestellt wurden. In zwei Stunden drei Fragen zu "Winnetou"? Bei einem "Winnetou"-Special? Das ist wie Wurst-Schnappen statt Marterpfahl. Nicht einmal "Winnetou Teil III" endete enttäuschender.

Zieht man vom gestrigen Abend also einmal all den unnötigen Indianer-Klamauk ab, bleibt am Ende gerade so viel "Winnetou" übrig, dass man genug Werbung für den Film machen konnte und genau so wenig, dass man alle Zuschauer, die nichts mit Bleichgesichtern und Rothäuten anfangen können, nicht verschreckt hat.

Wer sich unter einem "Wer wird Millionär?"-"Winnetou"-Special aber tatsächlich ein "Winnetou"-Special vorgestellt hat, der dürfte enttäuscht gewesen sein. Für richtiges "Winnetou"-Fieber sorgt so ein Special jedenfalls nicht. Noch nicht einmal für erhöhte Temperatur.

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