Im Rahmen der aktuellen Proteste gegen Rassismus wurden in den USA und Grossbritannien Denkmäler von Kolonialherren und Sklavenhändlern gestürzt. Auch in Deutschland wird debattiert, ob bestimmte Persönlichkeiten heute noch öffentlich geehrt werden sollten. Im Fadenkreuz steht unter anderem Karl Marx. Doch ist die Kritik am Protagonisten der Arbeiterbewegung berechtigt? Und die Entfernung von Statuen das richtige Mittel im Kampf gegen Rassismus? Ein Historiker hilft bei der Einordnung.

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Ferdinand Lassalle, den Gründer der Vorgängerorganisation der SPD, bezeichnete Karl Marx als "jüdischen Nigger". Seinen eigenen Schwiegersohn, der mütterlicherseits kubanisch-kreolische Wurzeln hatte, als "Abkömmling eines Gorillas". Vor allem in seinem privaten Briefwechsel mit Friedrich Engels lästerte Marx in derbem Ton gegen einzelne Zeitgenossen, ganze Völker und sogar gegen Arbeiter, Bauern und seine eigenen Anhänger.

In der aktuellen Anti-Rassismus-Debatte wird daher auch diskutiert, ob es noch angemessen ist, dass es Marx-Denkmäler gibt und Strassen nach ihm benannt sind. Nach Ansicht des Historikers Fred Mrotzek lässt sich das Rassismus-Problem jedoch nicht lösen, indem man die Spuren der Geschichte aus den Städten tilgt.

Herr Mrotzek, wenn man Rassismus und Antisemitismus bekämpfen will, sollten dann konsequenterweise auch Marx-Statuen aus deutschen Städten verschwinden?

Fred Mrotzek: Karl Marx lebte im 19. Jahrhundert. Seine wissenschaftlichen Werke bis hin zu den persönlichen Briefen müssen aus seiner Zeit heraus erklärt werden. Wir können nicht einfach so tun, als ob das alles im Jahr 2020 geschrieben worden wäre.

Das Karl-Marx-Monument in Chemnitz.

Karl-Marx-Strassen und auch die noch existierenden Denkmäler gehören in die historisch gewachsenen Kommunen der Bundesrepublik Deutschland. Man sollte allerdings heute genau überlegen, ob man neue Plätze und Strassen nach Marx benennt.

Ich persönlich bin allerdings auch dagegen, Denkmäler abzureissen oder Strassen umzubenennen. Das wäre eine ganz furchtbare Bevormundung.

Wir können unsere Gesellschaft nicht historisch "reinigen" und dann meinen, dass dadurch jeglicher Rassismus oder Antisemitismus für immer und ewig beseitigt ist. So funktioniert kein gesellschaftlicher Diskurs. Man muss auch über Marx aufklären, sein wissenschaftliches Werk einordnen und sich kritisch damit auseinandersetzen.

Mrotzek: "Pauschale Urteile helfen auch bei Marx nicht weiter"

Wie kann Aufklärung denn in diesem Zusammenhang aussehen?

Pauschale Urteile helfen auch bei Karl Marx nicht weiter. Gemeinsam mit seinem Freund Friedrich Engels hat Marx Wirtschaftsgeschichte untersucht, die Entstehung von Klassen, Klassengegensätze – so hat man das damals formuliert – und die daraus entstehenden Revolutionen.

Erst nach diesen Auseinandersetzungen sollte die neue Gesellschaftsordnung – der Sozialismus – entstehen. Die Vorstellung über den Sozialismus ist bei Marx allerdings sehr ungenau.

Man muss jeder Generation die Chance geben, sich mit der Persönlichkeit Karl Marx kritisch auseinanderzusetzen und sie zu entdecken. Jede Generation wird neue Fragen stellen. Unsere Aufgabe ist es, heute dafür zu sorgen, dass das möglich ist. Dazu gehören auch Strassennamen und Marx-Denkmäler. Verbote helfen auch hier nicht weiter.

Man kann aber sagen, dass es aus heutiger Sicht nicht angemessen ist, Marx mit Denkmälern zu ehren?

Marx war kein Heiliger, den haben die Kommunisten aus ihm gemacht. Lenin hat sich mit seinem sozialistischen Experiment in Russland auf die Lehren von Karl Marx bezogen und diese "weiterentwickelt".

Unter Lenin wurden alle Institutionen entwickelt und gegründet, die Stalin für einen unvorstellbaren Terror, der auf Osteuropa ausgedehnt werden konnte, nur noch zu nutzen brauchte. Das Resultat waren Millionen Hingerichtete und politisch Verfolgte, von denen heute noch viele in der Bundesrepublik leben. Wir sollten deshalb in erster Linie den vielen Opfern der kommunistischen Gewaltherrschaft in der Öffentlichkeit gedenken.

Können Sie zu dem Marx-Bild, das die Kommunisten bewusst schufen, mehr sagen?

Der sogenannte Leninismus und Stalinismus hat mit Marx' wissenschaftlichem Werk kaum etwas gemeinsam. Von Lenin stammt der Ausspruch: "Die Lehre von Karl Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist" – das hätte Marx nie unterschrieben. Diesen "göttlichen" Wahrheitsanspruch hat er nicht gehabt.

Sein Lebensmotto lautete: "An allem ist zu zweifeln!" Natürlich kann man Marx auch nicht für die Schandtaten, für die brutalen millionenfachen Morde der Kommunisten verantwortlich machen – wenngleich es natürlich auch in seinem wissenschaftlichen Werk Fehlurteile gibt.

"Mehr mit Personen und deren Lebensleistungen beschäftigen"

Es wird argumentiert, dass man auch die antisemitischen und rassistischen Aussagen von Marx anders beurteilen muss, wenn man den zeitlichen Kontext berücksichtigt.

Natürlich wissen wir heute alles besser. Und wenn Marx heute leben würde, würde er logischerweise auch ganz anders denken und handeln. Mit dieser nachträglichen Besserwisserei auf Marx oder auch viele andere historische Persönlichkeiten zuzugehen, hilft aber nicht weiter.

Es gibt eine ganze Reihe von Aussagen, die heute als rassistisch oder antisemitisch bewertet werden. Natürlich sind zum Bespiel die Aussagen über Lassalle sehr herabwürdigend und antisemitisch. War Marx aber deshalb ein Antisemit? Er hatte selbst jüdische Wurzeln.

Wenn Demonstrationen gegen Rassismus und Antisemitismus dazu führten, dass sich mehr mit Personen und deren Lebensleistungen beschäftigt werden würde, dann wäre das natürlich schon ein grosser Fortschritt, aber ich befürchte, genau das passiert nicht.

Eine enthistorisierte Gesellschaft wäre eine Katastrophe. Man kann nicht einfach alles auf null stellen und behaupten: "Ab jetzt sind wir nicht mehr rassistisch!" Das funktioniert nicht.

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Die Kommunisten haben Ähnliches versucht und sind gescheitert: Mit Gewalt wurde alles, was als bürgerlich galt, vernichtet. Jeder, der in ihren Augen ein Schädling der neuen Bewegung war, kam in den Gulag oder wurde getötet. Im real existierenden Sozialismus wurde permanent nach dem Feind gesucht.

Der Sozialismus – so das Denken – ist die beste Sache der Welt. Aber diese beste Sache funktionierte irgendwie nicht. Also muss jemand dafür verantwortlich sein. Und diese angeblichen Feinde mussten gefunden und unschädlich gemacht werden.

Wir müssen aufpassen, dass heute nicht Ähnliches geschieht, dass der Einsatz für die gewünschten Zustände nicht zu einer permanenten Suche nach Feinden führt und dass das nicht in Gewalt ausufert. Der Schlüssel kann nur Bildung und Aufklärung sein.

Über den Experten: Dr. Fred Mrotzek lehrt als Historiker an der Universität Rostock Zeitgeschichte. Seit 1999 ist er stellvertretender Leiter (Verwaltung) und Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Forschungs- und Dokumentationsstelle zur Geschichte der Diktaturen in Deutschland.