Seit 2000 Jahren fragen sich Menschen, was eine riesige Zeichnung im Felsen von Paracas in Peru zu bedeuten hat. Ist es ein Kerzenständer, ein Kaktus, ein christliches Symbol oder doch ein Abbild der berühmtesten Inka-Gottheit? Wer hat es zu welchem Zweck geschaffen?

Unvorstellbare 180 Meter hoch und 70 Meter breit ist eine gewaltige Felszeichnung am Berg, die man nur vom Meer aus sehen kann.

Das tiefe Blau des Meeres bildet dort einen schönen Kontrast zu den rot-beigen Felsen und zum Sand der Atacamawüste an Land. Wer sich per Boot von Norden aus nähert, sollte die Augen offen halten. Vor einem tut sich der "El Candelabro de Paracas" auf. Er ist ein unerklärbares Mysterium vor der Halbinsel Paracas in Peru.

Candelabro heisst übersetzt Armleuchter. Und genau so einen sehen die meisten Menschen, wenn sie auf die Steine schauen. Die in den Felsen gekratzte Zeichnung hat in der Mitte einen langen vertikalen Hauptarm.

Rechts und links sind parallel daneben zwei weitere, dünnere und kürzere Arme zu sehen. An allen drei Spitzen erkennt man Verzierungen.

Mythos: Ganze Städte sollen den rauen Gewässern zum Opfer gefallen sein.

2.200 Jahre altes Bild, das sich nie verändert

Wissenschaftler vermuten, dass die Zeichnung vor gut 2.200 Jahren während der Paracas-Kultur entstanden ist. Beweis dafür sind zahlreiche Ausgrabungen von Mumien, Knochen, Textilien und Siedlungsresten in der Umgebung.

Erstaunlich ist, dass sich das Bild seitdem anscheinend nicht verändert hat. Aber zu welchem Zweck entwarfen Menschen dieses Symbol für die Ewigkeit? Dazu gab es im Lauf der Zeit unterschiedliche Erklärungen, eine merkwürdiger als die andere.

Sinn und Zweck eines Armleuchters im Felsen

Europäische Eroberer sahen das Felsbild als Symbol für die Heilige Dreifaltigkeit. Sie interpretierten es als Einladung des fremden Kontinents, ihn zu betreten und seine Einwohner zu missionieren.

Legendär ist auch die Theorie, dass der Armleuchter auf einen Schatz hinweisen soll. Damit Piraten ihr vergrabenes Gold auch ja wiederfinden würden, sollen sie die Umgebung mit dem riesigen Dreizack gekennzeichnet haben.

Das wäre allerdings so clever, wie heutzutage den PIN der eigenen Geldkarte auf Facebook zu veröffentlichen.

Einheimische Küstenbewohner erklärten Anfang des 19. Jahrhunderts, El Candelabro sei bloss ein Wegweiser für Schiffskapitäne gewesen. Auch das klingt nicht logisch.

Denn die Zeichnung ist nur tagsüber und längst nicht von überall aus zu sehen. Nachts erkennt man El Candelabro nicht – dafür aber etwas anderes, nämlich das Kreuz des Südens am Himmel.

In der Familie häufen sich Attentate, Flugzeugabstürze und Unfälle.

Seltsam ist, dass das Felsmotiv in Richtung Süden genau auf dieses markante Sternmuster hin ausgerichtet ist. Noch merkwürdiger: Wenn man im Kreuz des Südens zwei imaginäre Linien zieht, ähnelt es dem Armleuchter im Felsen. Kann das Zufall sein?

Drogen und religiöse Hintergründe

Oder sollte das Bild den Weg zum Schlüssel in eine andere Welt weisen? Denn manch einer sieht im Bild einen Kaktus, genauer gesagt den heiligen San-Pedro-Kaktus.

Er ist auf vielen ausgegrabenen Keramikteilen der Paracas-Kultur zu sehen und wächst noch heute in Peru und Ecuador. Schamanen nutzten damals seine hoch halluzinogenen Inhaltsstoffe für ihre Zeremonien.

Sie versetzten damit ihre Anhänger in einen Rauschzustand. Und die hofften, dadurch einen Blick ins Jenseits zu erhaschen und Kontakt mit ihren Vorfahren aufzunehmen.

Einer anderen Theorie zufolge repräsentiert die Felszeichnung den wichtigsten Gott aus der Inka-Mythologie: Wiraqucha. Bevor die Spanier nach Peru kamen, verehrten ihn die Einwohner der Anden.

Er gilt als Schöpfer von Sonne, Mond, Sternen und der Menschheit. Angeblich verschwand er im Pazifik, würdet aber in schweren Zeiten zurückkehren.

Die Menschen von Paracas wollten ihm einen unübersehbaren Wegweiser bereitstellen – und verewigten den Candelabro als Symbol für ihren Gott an der Pazifikküste.

Die verwandten Geoglyphen von Nazca

Nur rund 230 Kilometer südlich von Paracas und dem mysteriösen Kerzenständer gibt es noch mehr und berühmtere Motive, die einst in den Boden der Atacamwüste gescharrt wurden: die Nazca-Linien.

Im Umkreis der gleichnamigen Stadt Nazca gibt es über 1.700 geometrischen Figuren sowie Bilder von Affen, Vögeln, Walen und Menschen – auf einer Fläche von 145 Quadratkilometern.

In verstecktem Kloster in Tibet hüten Mönche die Schätze der Menschheit.

Sie müssen teilweise zur gleichen Zeit wie der Candelabro de Paracas entstanden sein. Möglicherweise gibt es sogar einen Zusammenhang zwischen ihnen.

Auch hier tappten die Wissenschaftler lange im Dunkeln, was die Entstehung der Linien angeht. Die Deutsche Maria Reiche glaubte, die Figuren würden einen riesigen astronomischen Kalender ergeben.

Ein Forscher meinte, die Inka starteten von diesem heissen Wüstenbecken aus ihre Heissluftballons. Ein anderer sah das gesamte Gebiet als monströse Sportarena und wieder andere sahen in den Figuren Pfade für religiöse Zeremonien, auf den Opfergaben hinterlegt wurden.

Der Prä-Astronautiker Erich von Däniken sah darin einen Landeplatz für Ausserirdische.

Markierungen, die Leben retteten

Eine seriösere Erklärung lieferten Archäologen Ende des 20. Jahrhunderts. Während sich das Klima veränderte, die Pampa immer mehr ausdörrte und zur Atacamawüste wurde, trockneten ganze Flüsse aus.

Die Menschen mussten das Grundwasser anzapfen, um zu überleben. Um sich besser orientieren zu können, markierten sie die unterirdischen Wasserläufe, inklusive deren Breite, Fliessrichtung und Strömungsverhältnisse.

So könnten die Geoglyphen von Nazca entstanden sein. Vielleicht wollten die Menschen vor 2.000 Jahren Neuankömmlinge einen Weg ins Landesinnere zeigen.

Wer von der Küste aus dem Candelabro de Paracas landeinwärts folgte, traf irgendwann genau auf die Geoglyphen von Nazca – und damit auf Wasserläufe, die man zum Überleben in der Wüste dringend brauchte.