Kleine Kinder weisen manchmal bereits im jungen Alter enorme Talente auf, obwohl der dafür benötigte Umfang an Wissen für ihr Alter viel zu gross zu sein scheint. Wie ist das möglich?

Vor einem Jahr trat die damals vierjährige Bella Dewjatkina beim Fernsehsender "Rossija 1" auf und wurde über Nacht berühmt: Sie spricht sieben Sprachen fliessend.

Kindertalente: Vierjährige beherrscht sieben Sprachen

Immer wieder erleben wir in Fernsehshows wie "Das Supertalent" und ähnlichen Formaten Kinder mit enormen Talenten. Auch auf YouTube und anderen Social-Media-Kanälen wimmelt es von jungen Mini-Genies.

Die vierjährige Bella Dewjatkina kann neben ihrer Muttersprache (Russisch) noch sechs weitere Sprachen fliessend sprechen: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Chinesisch und Arabisch.

Das Magazin Russia Beyond berichtete, dass Bella sogar lesen konnte, bevor sie zu sprechen begann.

Doch wie ist das möglich? Ist Bella ein Wunderkind?

Die Lerngeschwindigkeit ist je nach Alter verschieden

Wie Dr. Holger Küls in seinem Fachartikel über Gehirnforschung, Lernen und Spracherwerb schreibt, lernt der Mensch durch Verbindungen von Nervenzellen. Bei der Entwicklung eines Kindes entstehen und verstärken sich diese Verbindungen. Dies geschehe vor allem, wenn Nervenzellen oder Nervenzellareale gleichzeitig aktiviert würden.

Weiter erklärt Küls, dass die Lerngeschwindigkeit je nach Alter verschieden ist. In der Kindheit sei sie rasant, da die neuronalen Verbindungen in bestimmten Phasen förmlich wuchern.

Was ist bei Kindern anders?

Wie Kinder lernen auch Erwachsene über Verknüpfungen der Synapsen. Das Gehirn speichert durch Übung oder Wiederholungen bestimmte Zusammenhänge - beispielsweise den Namen einer Person mit ihrem Gesicht. So ist es auch bei Sprachen.

Das ist der Grund, weshalb Menschen, die bereits vier Sprachen beherrschen, sich bei der Fünften etwas leichter tun als andere: Gewisse Strukturen von Sprache sind schon im Gehirn gespeichert. So baut die Weiterentwicklung im Gehirn auf dem bereits Vorhandenen auf.

Küls beschreibt in seinem Bericht, dass bei späterem Lernen einer Fremdsprache sich ein neues neuronales Netzwerk im Sprachzentren des Gehirns entwickelt. Bei einem Kind im frühen Alter hingegen entstehe nur ein einziges Netzwerk für beide Sprachen.

So erklärt Küls, dass, wer in früher Kindheit zweisprachig aufwächst, das aufgebaute neuronale Netz auch benutzt, um eine dritte oder vierte Sprache zu erlernen.

Aber bedeutet das, dass jedes Kind mit etwas Übung im frühen Alter zu einem kleinen Sprachgenie werden kann?

Kinder sind verschieden

Prof. Dr. Gerald Hüther ist Experte für Neurobiologie und den Einfluss früher Erfahrungen auf die Hirnentwicklung. Im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt er, dass sich die Vernetzungen im Hirn vorgeburtlich anhand der aus dem eigenen Körper kommenden Signale strukturieren: "Das heisst, das Hirn strukturiert sich anhand dessen, was aus dem Körper kommt. Da jeder Mensch auch schon vorgeburtlich einen anderen Körper hat, bekommt auch jeder vorgeburtlich ein anderes Hirn. So kommen die Kinder einzigartig auf die Welt, mit ganz besonderen Begabungen und besonderen Talenten."

Doch man kann Kinder auch zu vielen Leistungen treiben. Nicht immer kommen besondere Fähigkeiten eines Kindes durch einen intrinsischen Lernprozess. Häufig, so Hüther, käme es auch durch übermotivierte Eltern zu Wunderkindern, die sich aber später im Leben nicht gut zurecht fänden.

Lernprozesse "emotional aufladen"

"Generell ist es so, dass Lernprozesse nur dann gelingen, wenn sie emotional aufgeladen werden. Emotional aufgeladen heisst, es muss zur Aktivierung von Bereichen im Mittelhirn kommen, den Belohnungszentren.", erklärt Hüther.

Aber wie lädt man Lernstoff emotional auf? Dem Neurobiologen zufolge gibt es hierfür drei Möglichkeiten:

Die Erste, so Hüther, sei die natürliche. Hier haben die Kinder Interesse an einer Sache und Freude daran. So würden Kinder am besten lernen. Denn dann sei es ein "von ihnen als Subjekt gestalteter Lernprozess".

Eine weitere Möglichkeit bestehe darin, "dass sich ein anderer über ihr Lernen freut, beispielsweise ihre Eltern. So lernt ein Kind zwar, aber es tut dies, weil es einer anderen Person, die es mag, dadurch gefallen kann. Das ist nicht besonders günstig."

Die letzte Möglichkeit, so Hüther, sei die Belohnung oder Bestrafung: "Das ist die ungünstigste aller möglichen emotionalen Aufladungen, weil die Kinder dann zwar zur Not lernen, aber nur weil sie eine Belohnung dafür erhalten oder eine Bestrafung meiden möchten. Das ist Konditionierung."

Verkümmert unsere Lust am Lernen?

Betrachtet man unser Schulsystem, fällt auf, dass häufig die Methode der Belohnung oder Bestrafung verwendet wird, um Kinder zum Lernen zu motivieren. Hier geht es meistens um gute oder schlechte Zensuren, das Sitzenbleiben oder Weiterkommen.

"Die Lust am Lernen verschwindet, wenn man von anderen Menschen zum Objekt gemacht wird, zum Objekt von Bewertungen und Erwartungen", so der Neurobiologe. "Das Kind ist in seiner Anfangsphase selbst der Gestalter des eigenen Lernprozesses. Es sieht sich also als Subjekt."

Wie aber kann man dafür sorgen, dass Kindern die Lust und Freude am Lernen erhalten bleibt? Hüther hat hierfür einen besonderen Tipp:

"In der jüdischen Bildungstradition ist es so, dass Eltern und Erzieher ständig versuchen, das Kind am Fragen zu halten. Das bedeutet: Es bekommt nicht nur Antworten, sondern solche Antworten, die weitere Fragen in ihm auslösen. Wenn Kinder sich fragend die Welt erschliessen, sich Wissen aneignen durch ihre eigenen Fragen, dann ist es ein von ihnen als Subjekt gestalteter Lernprozess."

Prof. Dr. Gerald Hüther ist Neurobiologe und Autor populärwissenschaftlicher Bücher wie "Gehirnforschung für Kinder: Felix und Feline entdecken das Gehirn." Seit 2016 ist er Initiator und Vorstand der Akademie für Potentialentfaltung als gemeinnützige Genossenschaft.