Wenn kleine Kinder fies zu Insekten sind, müssen Eltern nicht gleich nervös werden. Denn meistens hören Kinder von selbst wieder damit auf. Wenn Erwachsene Tiere quälen, ist das hingegen oft Teil einer psychischen Störung, die sich häufig auch in Gewalt gegen andere Menschen äussert, sagt die Psychologin Andrea Beetz. Was treibt Menschen an, die Tiere quälen?

Frau Beetz, Sie forschen seit vielen Jahren zu Beziehungen zwischen Menschen und Tieren. Welche Erklärungen gibt es dafür, dass manche Menschen Tiere quälen?

Andrea Beetz: Das reicht von unbeabsichtigter Tierquälerei aus kindlicher Neugier über das Nachspielen eigener Misshandlungserfahrungen bis hin zur pathologischen Freude am Quälen. Bei Quälereien in Gruppen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen spielen manchmal auch Gruppendruck oder Image-Pflege eine Rolle, nach dem Motto "Seht her, was für ein harter Kerl ich bin".

Am Set wird wohl nicht viel Wert auf das Wohlbefinden des Affens gelegt.

Manchmal haben Täter auch "pragmatische" Gründe, etwa dass sie über entsprechende Drohungen Druck ausüben können. Wenn sie zum Beispiel Kinder bei sexuellem Missbrauch zum Schweigen verpflichten, indem sie androhen, ihr Haustier grausam umzubringen. Es gibt also eine grosse Bandbreite an Motiven. Oft spielt sicher ein gewisser Mangel an Empathie für das fühlende Tier eine Rolle. Zumindest bei Säugetieren ist das Leiden ja einfach zu sehen und zu hören.

Gibt es Eigenschaften, Charakterzüge, die Tierquälern gemeinsam sind?

Einen "Typ Tierquäler" gibt es nicht. Wie gesagt kann eine Störung der Empathie eine Rolle spielen. So ist Tierquälerei zum Beispiel auch eines der Diagnosekriterien für eine Verhaltensstörung im Kindes- und Jugendalter oder für eine antisoziale Persönlichkeitsstörung im Erwachsenenalter.

Ist es wahrscheinlicher, dass Menschen, die Tiere quälen, auch Menschen gerne leiden sehen - oder gibt es da keinen Zusammenhang?

Doch, es gibt einen korrelativen Zusammenhang - das heisst, wer Tiere quält, ist auch mit höherer Wahrscheinlichkeit Menschen gegenüber verbal oder körperlich aggressiv. So findet man bei Gewaltstraftätern, also zum Beispiel bei Vergewaltigern oder Mördern, deutlich höhere Anteile an Personen, die schon einmal ein Tier gequält haben. Man kann aber nicht sagen, dass zuerst Tiere gequält werden und dann erst Menschen. Die Daten deuten eher auf ein zeitgleiches Auftreten von Gewaltbereitschaft gegenüber Mensch und Tier hin.

Ist der Wunsch, Tiere zu quälen, pathologisch?

Wenn jemand wirklich den Wunsch dazu hat und es nicht aus den vorhin erwähnten "pragmatischen" Gründen oder spontan tut, etwa aus Wut auf das Tier oder dessen Besitzer, dann ist das sicher auffällig.

Gibt es Therapien dafür?

Gezielte Therapieangebote für Tierquäler gibt es meines Wissens hier in Deutschland nicht. Da ja meist auch noch andere störungsrelevante Symptome vorliegen, wird das bei einer ganzheitlichen Psychotherapie angegangen.

Mann musste mit Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen werden.

In den USA gibt es hingegen speziell geschulte Therapeuten, die mit überführten Tierquälern therapeutisch arbeiten.

Wie ernst müssen Eltern es nehmen, wenn ihre Kinder Käfern die Beine ausreissen?

Niemand muss da sofort in Panik verfallen. Man sollte dem Kind aber erklären, dass es das nicht tun soll und warum. Erst wenn das Kind wiederholt und trotz der Aufklärung nicht aufhört, Tiere zu quälen - eventuell auch solche, deren Schmerzlautäusserungen es versteht - und anscheinend Freude daran hat, sollte man weitere Schritte erwägen. Vor allem sollte man aber beobachten, ob das Kind auch andere aggressive Tendenzen zeigt. Kinder können erst ab etwa drei Jahren - und je nach Tierart auch viel später - empathisch einschätzen, was einem Lebewesen schadet. Vieles davor zählt zum Entdeckerdrang. Bei den meisten Kindern, die einige Male Insekten oder Schnecken gequält haben, wird das einfach von sich aus aufhören.

Wie viele Menschen gibt es denn, die Tiere quälen?

Es gibt verschiedene Prävalenzdaten: Im Kindesalter liegt die Quote bei 3 bis 15 Prozent, basierend auf Aussagen der Mütter. Bei Kindern mit psychiatrischen Störungen bei circa 30 Prozent.

Im Erwachsenenalter sind die Daten ähnlich, bei Gewaltstraftätern finden sich aber Prävalenzen von über 50 Prozent. Dabei kommt es immer auch darauf an, was in den Studien als Tierquälerei definiert wird und wie in den Fragebögen gefragt wurde.

Am genauesten sind Fragebögen, die die Handlungen genau beschreiben. Manch einer sagt zum Beispiel: "Klar trete ich meinem Hund in den Hintern, wenn er nicht hört, oder zieh' ihm mit der Leine eins über. Aber ich würde doch nie ein Tier quälen!" Die Ansichten darüber, was Tierquälerei ist, sind tatsächlich recht verschieden.

Andrea Beetz hat in Erlangen Psychologie studiert und sich dann auf Mensch-Tier-Beziehungen spezialisiert. Sie lehrt an mehreren Instituten im In- und Ausland unter anderem zu Therapien mit Tieren und ist zudem Vorstandsmitglied in einigen internationalen Organisationen, die sich mit tiergestützter Arbeit und der Beziehung zwischen Mensch und Tier befassen, etwa der International Society for Animal Assisted Therapy (ISAAT).
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