• Weltweit wird unter Hochdruck an Medikamenten gegen Covid-19 geforscht.
  • Doch die Krankheit ist vielschichtig und verläuft in mehreren Phasen, eine einfache Therapie gibt es nicht.
  • Warum die Impfung noch immer den besten Schutz bietet.

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Der Medikamentenschrank zur Behandlung der durch Coronaviren ausgelösten Krankheit Covid-19 ist derzeit noch übersichtlich gefüllt. Die Mittel, die häufig zur Anwendung kommen, lassen sich knapp zwei Jahre nach Ausbruch der Pandemie in China an einer Hand abzählen.

In den nächsten Wochen könnten allerdings neue Therapiemöglichkeiten dazukommen. Die Hoffnung stützt sich dabei einerseits auf die Tablette Molnupiravir eines US-Pharmakonzerns. Sie soll laut Herstellerangaben das Risiko einer Krankenhauseinweisung oder eines tödlichen Verlaufs halbieren. Die britische Arzneimittelbehörde hat das Medikament bereits Anfang November zur Behandlung von Covid-19 zugelassen. Die europäische Arzneibehörde EMA prüft dessen Einsatz derzeit.

Das zweite Medikament kommt von Pfizer, eben jenes US-Konzerns, der gemeinsam mit der deutschen Firma Biontech den mRNA-Impfstoff Comirnaty entwickelt hat. Das neue ebenfalls in Tablettenform verabreichte Medikament namens Paxlovid kann nach Angaben von Pfizer noch bessere Erfolgswerte vorweisen als Molnupiravir.

Was den Medikamenten gemeinsam ist: Beide Tabletten sollen verhindern, dass sich die SARS-CoV-2-Viren im Körper stark ausbreiten. Molnupiravir schleust dafür Fehler in den Gencode des Virus ein, so dass es zu Mutationen kommt und sich das Virus nicht mehr vermehren kann. Der Wirkstoff von Paxlovid soll ein Enzym blockieren, welches das Virus zur Ausbreitung benötigt.

Welche Medikamente in den Kliniken genutzt werden

Die beiden Tabletten könnten anfangs zwar einen schweren Verlauf verhindern, für bereits schwer erkrankte Patienten in den Kliniken käme ihr Einsatz allerdings zu spät. Auf den Corona-Stationen werden momentan vier bis sechs Medikamente verwendet, erklärt Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Gemeinsam mit seinen Kollegen hat er eine Leitlinie für die stationäre Behandlung von Corona-Patienten entwickelt.

Welche Medikamente die Patienten bekommen, hängt vom jeweiligen Krankheitsstadium ab. Denn Covid-19 ist eine tückische Krankheit, die in mehreren Phasen verläuft. Am Anfang der Infektion kommt es zu Viruseintritt und Virusvermehrung, anschliessend folgt die Phase der Immun-Dysregulation, bei der es zu unkontrollierten Überreaktionen des Immunsystems kommt. Daraufhin kommt es zu Lungenschäden und Angriffen verschiedener Organe.

In frühen Phasen werden monoklonale Antikörper eingesetzt, die durch die Venen verabreicht werden. Sie sollen die Viruslast senken. Auch hier könnten in den nächsten Wochen weitere Medikamente dazukommen. Erst kürzlich wurden Antikörpertherapien des Schweizer Herstellers Roche und des südkoreanischen Herstellers Regkirona zugelassen.

Für Professor Stefan Kluge sind diese monoklonalen Antikörper besonders am Anfang einer Infektion ein wichtiger Faktor. "Die Antikörper müssen über die Vene gegeben werden, deshalb werden sie in Deutschland viel zu wenig eingesetzt", sagt der Wissenschaftler. Dabei könnten sie bereits im ambulanten Bereich hilfreich sein. Allerdings sei der Einsatz in einer Praxis schwierig, weil die Behandlung mehrere Stunden dauert, so Kluge.

In späteren Phasen der Covid-Krankheit kommen Medikamente zum Einsatz, die bisher bei der Behandlung anderer Krankheiten genutzt wurden. Das sind beispielsweise aus der Rheumamedizin bekannte Januskinase (JAK)-Inhibitoren für Patienten auf der Normalstation. Bei schweren Verläufen mit Beatmung zeigen Studien für Entzündungsblocker wie Tocilizumab positive Ergebnisse.

Wie wichtig auch kleine Effekte sind

Umso weiter die Krankheit fortgeschritten ist, umso geringer ist der Effekt der Medikamente. Als Beispiel nennt Stefan Kluge den Einsatz des Entzündungshemmers Dexamethason. Das Kortison-Präparat wird bei Covid-19-Patienten seit Ende 2020 verwendet und ist damit am längsten im Einsatz. Es wird allerdings nur bei schweren Verläufen mit Sauerstoffgabe oder künstlicher Beatmung empfohlen, in vorherigen Stadien nicht.

Für den Aussenstehenden mag der Effekt von Dexamethason gering erscheinen. So werde durch die Kortison-Therapie die Sterblichkeit bei Intensivpatienten von 28 Prozent auf 25 Prozent gesenkt. "Es sterben zwar immer noch etwa 25 Prozent der Patienten nach 28 Tagen, aber dennoch können drei Menschen von Hundert mehr als vorher gerettet werden", sagt der Intensivmediziner.

Welche Rückschläge es gibt

Beim Kampf gegen Covid-19 kamen im vergangenen Jahr auch zahlreiche andere Medikamente zum Einsatz. So wurden zum Beispiel das Anti-Malariamittel Chloroquin, das HIV-Mittel Lopinavir/Ritonavir, das entzündungshemmende Antibiotikum Azithromycin und das Gichtmittel Colchicin eingesetzt, die in Studien keinen Nutzen zeigten.

"Als Virus-Hemmer haben wir das zuerst für Covid-19 zugelassene Medikament Remdesivir eingesetzt, welches anfangs vielversprechend war, aber in den darauffolgenden Studien enttäuschte", sagte Caroline Isner, Chefärztin der Klinik für Innere Medizin und Infektiologie des Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikums in Berlin. So hat sich letztlich auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Ende des vergangenen Jahres gegen den Einsatz von Remdesivir ausgesprochen.

Impfung immer noch erste Wahl

Für die Zukunft hofft Kluge vor allem auf Medikamente, die in einer frühen Phase der Erkrankung helfen. "Wenn ein Lungenschaden erst einmal eingetreten ist, dann kann man natürlich das Ausmass der Erkrankung reduzieren, aber alles wieder heilen, das kann man nicht mehr", sagt er.

An die Covid-Wunderpille glaubt er persönlich nicht: "Es wird nicht den Game-Changer geben. Bei anderen Erkrankungen ist es ja auch nicht so, dass sie eine Tablette nehmen und die Erkrankung verschwindet", erklärt Stefan Kluge und betont: "Die Impfung ist einfach so dramatisch viel besser als jedes Medikament in der Prophylaxe, da ist es unverständlich, dass sich manche Menschen, gerade mit Risikofaktoren, nicht impfen lassen."

Erfolg der Impfstoffe durch staatliche Unterstützung

Bislang sind 3,2 Milliarden Menschen auf der Welt vollständig geimpft. Im Gegensatz zur Medikamenten-Entwicklung, deren Durchbruch noch auf sich warten lässt, standen die Impfstoffe knapp ein Jahr nach Ausbruch der Pandemie zur Verfügung. Ein Grund für die schnelle Verfügbarkeit war die Unterstützung der Hersteller durch die Staaten. Einerseits wurde das Risiko bei der Entwicklung durch finanzielle Förderungen und Vorverträge minimiert, andererseits wurden die Genehmigungsverfahren vereinfacht. Die Zulassungsbehörden überprüften die Studien bereits während der einzelnen klinischen Phasen und nicht erst zum Abschluss aller Tests.

Weitere Gründe für den schnellen Einsatz der Impfstoffe nennt Johannes Buchner, Professor für Biotechnologie an der TU München. So sei für die Impfstoff-Entwicklung schon viel Vorarbeit für den Einsatz bei anderen Krankheiten vorhanden gewesen. Und das nicht nur durch die Entwicklung der mRNA-Technologie, wie sie bei Biontech und Pfizer verwendet wird. Die Impfstoff-Hersteller konnten ausserdem auf Wissen über Coronaviren zurückgreifen, die es schon vor dem Aufkommen von Sars-CoV-2 gegeben hat.

Johannes Buchner ist selbst in die Medikamenten-Forschung eingebunden. Gemeinsam mit der Virologin Ulrike Protzer (TU München) und der Firma Formycon aus Martinsried-Planegg südlich von München entwickelt er sogenannte Fusionsproteine, die die Andockstellen der Coronaviren verschliessen sollen. Ziel der Forschung sind sogenannte Protein-Therapeutika, die das Virus bereits vor dem Kontakt mit der menschlichen Zelle ausschalten.

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Wieviel in die Medikamentenforschung investiert wird

Der Münchner Biotech-Professor glaubt, dass die Impfstoffe zwar wichtig sind, aber allein nicht für die Bekämpfung der Pandemie ausreichen werden. Damit ist er nicht allein. Auch die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina geht davon aus, dass trotz der Impfkampagne Coronaviren dauerhaft in Teilen der Bevölkerung zirkulieren. In einer Stellungnahme schreiben die Leopoldina-Wissenschaftler: "Es könnten sich neue Virusvarianten entwickeln, die sich teilweise der Schutzwirkung der Impfung entziehen. Insbesondere auf globaler Ebene könnten antivirale Wirkstoffe – wenn sie oral bzw. inhalativ verabreicht werden können und in ausreichenden Mengen verfügbar sind – von grosser Bedeutung sein, da grosse Teile der Weltbevölkerung keinen ausreichenden Zugang zu Impfstoffen und einer medizinischen Infrastruktur haben."

Für die Entwicklung solcher Medikamente gegen Corona hat die Bundesregierung ein 300 Millionen Euro schweres Förderprogramm aufgelegt. Ausserdem ist Deutschland in europäische Forschungsprogramme eingebunden. "Damit sollen in frühen klinischen Phasen erfolgreich getestete Kandidaten für neue Therapeutika schnellstmöglich bei den Patientinnen und Patienten in Deutschland ankommen", erklärt Sebastian Gülde, Sprecher im Bundesgesundheitsministerium.

Neue Impfstoffe sind ebenfalls auf dem Weg

Bei den Impfstoffen konzentrieren sich die Entwickler momentan auf neue Ansätze. Die bisher zugelassenen Vakzine von Biontech/Pfizer, Astrazeneca, Moderna und Johnson & Johnson verhindern zwar einen schweren Verlauf der Krankheit, aber weniger eine Infektion - gerade bei ansteckenderen Virusmutationen wie der Delta-Variante.

Warum das so ist, erklärt Pharma-Experte Theo Dingermann mit der Wirkungsweise verschiedener Antikörper. Demnach lösen die aktuellen Vakzine vor allem die Bildung von IG-G-Antikörpern im Blut aus. Diese werden aktiv, sobald die Viren den unteren Atemtrakt erreichen. Ein schwerer Verlauf von COVID-19 kann mit IG-G-Antikörpern wirksam bekämpft werden.

Allerdings fördern die in den Muskel gespritzten Impfstoffe weniger oder nur kurzzeitig die Bildung von IG-A-Antikörpern. "Aber diese Antikörper können die Viren bereits bei der Übertragung angreifen, weil sie auf den Schleimhäuten des oberen Atemtrakts in Nase und im Rachenraum sitzen", erklärt der Senior-Professor vom Institut für Pharmazeutische Biologie an der Uni Frankfurt.

Impfstoffe, die auf die Bildung von IG-A-Antikörpern abzielen, werden nicht per Spritze in den Oberarm, sondern durch ein Nasenspray verabreicht. Der Impfstoff wirkt dann direkt auf der Schleimhaut, wo die Antikörper gebildet werden.

Verwendete Quellen:

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