• Die ungarische Biochemikerin Katalin Karikó forschte ihr Leben lang an mRNA-Impfstoffen - gegen viele Widerstände.
  • Heute gilt sie als Wegbereiterin der Technologie, der die schnelle Entwicklung eines Corona-Impfstoffes zu verdanken ist.
  • Neben der späten Anerkennung für ihre Arbeit könnte sie nun mit einem Nobelpreis belohnt werden.


Der Glaube an sich und die eigene Arbeit zahlt sich manchmal aus - im Fall von Katalin Karikó allerdings sehr spät. Die ungarische Biochemikerin forschte ihr Leben lang an mRNA-Impfstoffen. Während Zweifler ihre Arbeit als aussichtslos abtaten, gab sie nicht auf und gilt heute als Wegbereiterin der neuen Impfstoffe gegen Corona.

Das macht sie in den Augen vieler zu einer wahren Heldin der Krise - und vielleicht sogar zur Nobelpreisträgerin.

Schnelle Entwicklung eines Corona-Impfstoffs ist auch Karikós Verdienst

Die Art und Weise, wie Katalin Karikó auf den Durchbruch von Biontech und Pfizer bei der Entwicklung eines Corona-Impfstoffs reagierte, sagt viel über sie aus: Sie ist eine bescheidene Frau mit unbändigem Forschergeist. Einen Tag, bevor die beiden Unternehmen die Ergebnisse zu ihrem mRNA-Impfstoff veröffentlichten, riefen sie die Biochemikerin und Senior Vice President von Biontech an und gratulierten ihr.

Karikó feierte den Erfolg mit einer Tüte Schoko-Erdnüsse.

Dass die ungarische Biochemikerin so bescheiden auf diesen Riesen-Erfolg reagierte, liegt wohl auch in ihrer Biografie begründet. Denn vor diesem enorm grossen Erfolg erlebte sie vor allem Rückschläge und Niederlagen. Unterkriegen liess sich Karikó aber nie - und diesem Durchhaltewillen ist es zu verdanken, dass die Welt in kürzester Zeit einen ersten Corona-Impfstoff erhielt.

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Von Ungarn in die weite Welt der Wissenschaft

1955 wurde die spätere Biochemikerin in einem kleinen Dorf in Ungarn als einfache Tochter eines Metzgers geboren. Dank guter Noten verschlug es sie nach dem Gymnasium an die Universität in Szeged, an der sie Biologie studierte.

Nach der Promotion arbeitete sie in Ungarn an der künstlichen Herstellung von mRNA. mRNA kommt natürlicherweise in Körperzellen vor und wird dort für die Produktion von Proteinstrukturen benötigt. Karikós Forschung verfolgt den Ansatz, den Körper mit synthetisch erzeugter mRNA zur Produktion ganz bestimmter Proteine anzuregen, die ihn zum Beispiel widerstandsfähiger gegen bestimmte Krankheitserreger machen.

Schutz vor Corona: So funktioniert der mRNA-Impfstoff

mRNA-Impfstoffe sind die grosse Hoffnung im Kampf gegen das Coronavirus. Wie aber funktionieren diese Mittel überhaupt? (Foto: iStock-kovop58)

Innovativ und mutig war Karikós Arbeit bereits Ende der 1970er-Jahre, doch die Universität in Ungarn verlängerte ihren Vertrag nicht. Ein herber Schlag für die leidenschaftliche Forscherin, doch Aufgeben war keine Option. Karikó bewarb sich weltweit und bekam eine Forscherstelle an der Temple Universität in Philadelphia, USA.

Die junge Mutter liess sich auf das Abenteuer ein und wanderte gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer Tochter aus - mit gerade mal 100 Dollar in der Hand. Mehr Geld umzutauschen war den Ungarn nicht erlaubt.

Aber auch hier bewies Karikó wieder einmal Mut: Sie versteckte 900 britische Pfund in dem Teddybären ihrer Tochter. Das Geld stammte aus dem Verkauf des Autos ihrer Eltern auf dem Schwarzmarkt. Und so landete das Paar gemeinsam mit seiner Tochter 1985 mit knapp 1.000 Dollar in den USA.

Steiniger Weg bis zum Erfolg

An der Temple Universität in Philadelphia forschte Karikó weiter an mRNA. Sie glaubte an ihre Arbeit und war damit zunächst einmal die einzige. Drei Jahre später wechselte sie nach Pennsylvania, doch auch hier stiess sie auf Widerstände gegen ihre Forschung.

Ihr erster mRNA-Therapie-Förderantrag wurde 1990 abgewiesen - die erste Ablehnung von vielen weiteren, die noch folgen sollten. Die Ungarin wollte das nicht akzeptieren: "Ich habe weiter geschrieben und das Konzept verbessert — bessere RNA, bessere Vortragsweise", sagte sie im Interview mit dem "Business Insider". Immer wieder habe sie sich in den USA beworben, um staatliche oder private Förderungen zu bekommen. Ohne Erfolg.

Karriereknick für Festhalten an mRNA-Technologie

Ihre Beharrlichkeit sorgte schliesslich für einen Knick in ihrer Karriere. 1995 versetzte man sie auf eine niedrigere Position. Vielleicht würde das helfen, um sie von ihrer "Besessenheit" abzubringen? Tat es nicht nicht: Karikó forschte weiter.

Als wäre dieser Kampf nicht genug, wurde bei der Ungarin Mitte der 1990er-Jahre Krebs diagnostiziert. Ein Schicksalsschlag für sie und ihre Familie - und ein Antrieb, um weiter zu forschen - und vielleicht ein Medikament gegen die Krebszellen zu finden. Tatsächlich werden in die mRNA-Technologie grosse Hoffnungen im Kampf gegen Krebs gesetzt.

Im Team zur Lösung

Doch die mRNA-Technologie funktionierte zunächst nur in der Theorie - bei Versuchen mit Mäusen löste es eine gefährliche Immunreaktion aus. Karikó fand heraus, dass im Labor hergestellte und injizierte mRNA vom Körper als fremdartig erkannt und bekämpft wird.

Erst 2005 fand sie gemeinsam mit dem Forscher Drew Weissmann, der 1997 zu ihrem Team an der Universität in Pennsylvania stiess, die Lösung für das Problem: Nach Modifizierung des Moleküls zeigten die Mäuse keinerlei Immunreaktion mehr.

Weissmann und Karikó konnten ihr Glück kaum fassen. "Ich wiederholte das Experiment, weil ich glaubte, es hätte vielleicht doch nicht funktioniert." Als es auch nach mehreren Malen zu keiner Abwehrreaktion kam, trauten sich die beiden, ihre Ergebnisse zu veröffentlichen. Der Höhepunkt der Karriere? Leider nein.

Sexismus in der Forscherwelt - Karikó wehrt sich

Denn dann erlebte Karikó das, was vielen Forscherinnen passiert: Der Erfolg wurde nicht als ihrer anerkannt. Bei der Beantragung des Patents sollte ihr Name an zweiter Stelle stehen - sehr zum Ärger der heute 66-Jährigen. Dem "Business Insider" verriet sie: "Ich sagte: 'Nein, es war meine Idee. Ich will an erster Stelle stehen.'"

Sie setzte sich schliesslich durch, blieb in der öffentlichen Wahrnehmung jedoch meist nur die Frau an der Seite des Forschers Weissmann. Karikó ärgert das bis heute - und auch heute noch ist Sexismus in der Forschung ein Thema, wie sich wieder nach dem Erfolg von Biontech zeigte: Medial wurde oftmals nur Ugir Sahin als COVID-19-Impfstoff-Entwickler genannt, obwohl seine Frau Özlem Türeci genauso an der Forschung beteiligt war.

Weissmann stand Karikó damals zur Seite - und so gilt das Forscher-Duo bis heute als gleichberechtigt, Karikó aber als Wegbereiterin der mRNA-Technologie.

Weg von der Universität zu Biontech

Als ihr 2013 jedoch eine Beförderung an der Universität von Pennsylvania verwehrt wurde, nahm sie eine Stelle bei der Firma Biontech an. Als Senior-Vizepräsidentin des Unternehmens sollte sie dort die mRNA-Entwicklung weiter voranbringen.

Dem Magazin "Wired" sagte Karikó: "Als ich erzählte, dass ich bei Biontech anfangen würde, wurde ich ausgelacht und bekam gesagt, dass Biontech ja nicht mal eine Webseite hätte."

Heute könnte Karikó über ihre Zweifler lachen: 2020 wurde der erste mRNA-Impfstoff zugelassen - von Biontech und Pfizer. Auch der Moderna Impfstoff basiert auf der mRNA-Technologie.

Corona-Pandemie bringt Karikó verdienten Erfolg

Nun ist die bescheidene Ungarin endlich auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angekommen. Kurz und knapp gab sie Medien zu verstehen, dass sie froh und erleichtert sei, dass der mRNA-Impfstoff gegen Corona funktioniere und Menschen gerettet werden können. Ansonsten bleibt die Ungarin lieber im Hintergrund.

Fast vierzig Jahre steckte Karikó in die Forschung an mRNA - ohne zu ahnen, dass ausgerechnet in einer Pandemie eines Tages ihre Erkenntnisse dringend benötigt werden würden. Die späte Bestätigung ihrer Beharrlichkeit tut sicher gut - und könnte demnächst noch weiter honoriert werden: Neben zahlreicher Preise steht ihr womöglich auch der Nobelpreis ins Haus.

Dann hat die 66-Jährige erneut einen Grund zum Feiern - vielleicht wieder mit einer Tüte Schoko-Erdnüsse.

Verwendete Quellen:

  • Business Insider: "Katalin Karikó riskierte ihre Karriere auf der Suche nach mRNA-Impfstoffen - jetzt könnte ihre Errungenschaft uns vor der Pandemie retten"
  • Wired: "How mRNA went from a scientific backwater to a pandemic crusher"
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