Wird das Gehirn nicht mehr mit ausreichend Sauerstoff versorgt, stirbt es ab - diese medizinische Grundfeste wackelt: Forscher der Yale University haben Schweinehirne vier Stunden nach ihrer Entnahme teilweise wiederbelebt. Das Experiment, das ein wenig an "Frankenstein" erinnert, wirft viele ethische Fragen auf - etwa ab wann man ein Lebewesen für tot erklären kann.

Mehr Wissensthemen finden Sie hier

Der bisherige Stand der Wissenschaft lautete: Ohne Sauerstoff stirbt das Gehirn eines Säugetiers innerhalb von zehn bis 15 Minuten ab. In der Hirnforschung gilt dieser Prozess als irreversibel.

Doch die Ergebnisse eines Experiments der Yale University, die diese Woche im Wissenschaftsjournal "Nature" veröffentlicht wurden, könnten zu einer Kehrtwende führen. Den Forschern ist es gelungen, die Hirne toter Schweine vier Stunden nach ihrer Entnahme teilweise wiederzubeleben.

Schweinehirne reagieren nach sechs Stunden "BrainEx"

Bei dem Experiment, das ein wenig an Mary Shelleys "Frankenstein" erinnert, gingen die Wissenschaftler folgendermassen vor: Insgesamt entnahm das Team der Yale School of Medicine in New Haven um Leiter Dr. Nenad Sestan 32 Hirne von Schweinen aus einem Schlachthof.

Dann warteten sie vier Stunden, bevor sie die Organe an ein System namens "BrainEX" anschlossen. Über dieses System wurde den Hirnen eine blutähnliche Flüssigkeit zugeführt.

Nach sechs Stunden in "BrainEx" konnten die Forscher feststellen, dass weniger Hirnzellen als normal üblich abgestorben waren, die Zellstruktur weitgehend erhalten geblieben war, einige Nervenzellen spontane Reaktionen zeigten und teilweise ihre physiologische Funktion wiederaufgenommen hatten.

Jahrzehnte lang suchten die Forscher nach dem ersten nach dem Urknall entstandenen Molekül. Nun gelang den Wissenschaftlern erstmals der Nachweis von Heliumhydrid-Ionen.

Forscher betonen: Keine Kommunikation der Hirnzellen

Gleichzeitig betonen die Forscher in ihrer Studie ausdrücklich, dass keine Anzeichen für irgendeine elektrische Hirnaktivität gemessen wurde, wie sie etwa bei Bewusstseins- oder Wahrnehmungsprozessen üblich sind. Die Zellen kommunizierten also nicht miteinander, aber sie lebten.

Diese Ergebnisse widersprechen den bisherigen Annahmen, wonach Hirnzellen ohne Sauerstoff nach kurzer Zeit absterben und das Gehirn irreparabel geschädigt würden.

Aus diesen Forschungsergebnissen ergeben sich zudem grosse Implikationen. "Meine erste Reaktion auf die Ergebnisse lautete: 'Heilige Sch***e!'", verrät Hank Greely in "Nature". Greely ist Jura- und Ethikprofessor der Stanford University, der als Co-Autor die Ergebnisse in der Fachzeitschrift kommentierte.

Müssen wir den "Hirntod" neu definieren?

Nicht nur erlauben die Resultate eine Verbesserung der neurowissenschaftlichen Forschung. Eventuell müsse, so Greely, die Definition des Todeszeitpunkts neu gedacht werden, was weitreichende Folgen für den Bereich der Organspende hätte.

Ausserdem stellt sich natürlich die Frage, ob das Experiment mit der teilweisen Wiederbelebung toter Tiere überhaupt ethisch vertretbar ist. Was, wenn das Schweinehirn, auch nur für einen ganz kurzen Moment, tatsächlich etwas fühlte?

Zwei weitere Co-Autoren, die Bioethiker Stuart Youngner und Insoo Hyun von der Case Western Reserve University in Cleveland, bremsen ausserdem die allgemeine Euphorie: "Forscher sind noch weit davon entfernt, bei Menschen, die heute für tot erklärt werden, Hirnstrukturen und -funktionen wiederherzustellen."

Rätsel um Nessi bald gelöst? Forscher planen Genanalyse

Das Rätsel um das Monster von Loch Ness fasziniert die Menschheit seit Jahrhunderten. Jetzt machen sich Gen-Forscher der University of Otago aus Neuseeland daran, das Geheimnis zu entschlüsseln.

Verwendete Quellen:

  • Webseite des National Institute of Mental Health: "NIH BRAIN Initiative Tool May Transform How Scientists Study Brain Structure and Function"
  • www.vox.com: "Scientists: We kept pig brains alive 10 hours after death. Bioethicists: 'Holy shit'"