Es steht nicht gut um den Planeten, egal, wohin man schaut. Am 21. Januar beginnt das Weltwirtschaftsforum in Davos, um das zu ändern. Oder doch nicht? Die ARD-Dokumentation "Das Forum – Rettet Davos die Welt?" blickt am Montagabend hinter die Kulissen und fragt nach dem Sinn des Forums.

Christian Vock
Eine Kritik
von Christian Vock, Freier Autor

Es ist ein idyllisches Fleckchen Erde. Knapp 1.500 Meter über dem Meer. Umrahmt von mächtigen Bergen. Früher kam man hierher, um sich von Lungenkrankheiten zu erholen. Thomas Manns Sanatorium aus dem "Zauberberg" steht hier. Später dann kamen die Wintersportler.

Am 21. Januar kommen wieder Menschen nach Davos, aber sie treibt nicht das Asthma oder der Wunsch nach einer Abfahrt in die Schweizer Alpen. Zum inzwischen 50. Mal versammeln sich hier Experten aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und anderen gesellschaftlichen Bereichen, um über die Probleme der Welt zu diskutieren.

Und diese Probleme sind gewaltig: Kriege, ökonomische Ungleichheiten, wachsender Nationalismus und über allem natürlich die Klimakrise. Da stellt sich die Frage, ob und wie eine kleine Elite diese Probleme angehen will und was sie in den vergangenen Jahrzehnten überhaupt bewirkt hat. Oder anders formuliert: "Rettet Davos die Welt?"

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Weltwirtschaftsforum Davos: Gut gegen Böse?

Monate vor dem Forum ist die Rettung der Welt nicht nur eine politische, sondern eine organisatorische Frage. Im Hauptsitz des World Economic Forum (WEF) sieht man den Gründer, Klaus Schwab, wie er telefoniert und sich für das Forum 2018, das Filmemacher Marcus Vetter mit seinem Team begleitet hat, Gedanken darüber macht, dass die Einladung für das Dinner mit Angela Merkel nicht nach "Wald- und Wiesen-Meeting" aussieht, sondern persönlich gehalten ist.

Ein paar hundert Kilometer weiter nördlich bereitet man sich ebenfalls auf das Forum vor, macht sich aber ganz andere Gedanken: "Meine Geduld mit diesen Menschen ist endlich", erklärt Jennifer Morgan, Geschäftsführerin von Greenpeace international beim Meeting am Hauptsitz in Amsterdam.

"Wir führen dieses Gespräch jedes Jahr: Warum zur Hölle fahren wir nach Davos, wo sich all die Bösen treffen? Wir investieren viel Zeit und Geld, um mit den Bösen zu kommunizieren. Wir senden Schiffe, klettern ihre Gebäude hoch, aber seien wir ehrlich: Ohne diese Leute können wir nichts bewirken", gesteht neben ihr Mike Townsley, Leiter der Kommunikation bei Greenpeace.

Davos, ein Ort zum Dialog zwischen Gut und Böse also? Zumindest die Passage mit dem Dialog würde Klaus Schwab unterschreiben: "Dass man nicht nur reden, sondern auch reden lässt, ist absolut notwendig für den Zusammenhalt in unserer Welt (…) Was wichtig ist, dass nicht nur geredet wird, sondern dass zugehört wird."

Aber auch der Vergleich mit Gut und Böse ist Schwab nicht fremd. Er sieht sich als Organisator und Gründer in der Rolle des Pfarrers, in dessen Gottesdienst am Sonntag die Rechtschaffenen und die Sünder kommen: "Würden Sie die Sünder aussperren?"

Unter dem Einfluss der Idee der sozialen Marktwirtschaft, so erzählt es Schwab, in der Unternehmen auch eine soziale Verantwortung haben, sei die Idee entstanden, "ein globales Dorf der globalen Entscheidungsträger zu kreieren." Ein Ort, um zu reden.

Eine Konferenz ohne Sinn?

Aber was bringt das Gerede? Im Film von Marcus Vetter sieht man ein Meeting, bei dem sich die Geschäftsführer globaler Konzerne bei US-Präsident Donald Trump erklären müssen, ob sie denn auch in die USA investieren.

"Ich möchte Ihnen Tribut zollen für das Momentum, das sie in der globalen Wirtschaft geschaffen haben. Danke dafür. SAP ist Marktführer für Unternehmenssoftware. Es erfüllt mich mit stolz, Ihnen zu sagen, dass die Missionen der Army und der Navy durch Software von SAP ermöglicht werden", hört man da beispielsweise den damaligen Vorstandsvorsitzenden von SAP, Bill McDermott, zu Trump sagen. Sieht so die Rettung der Welt aus?

Bei der Nachfrage, warum beispielsweise Monsanto Partner des Forums ist, kommt Schwab jedenfalls in Erklärungsnot: "Wir wollen die Leute konfrontieren mit ihrer Verantwortung und sie dazu zu bringen, mitzuwirken an einer besseren Welt."

Dass es damit nicht allzu weit her ist, glaubt Jennifer Morgan von Greenpeace: "Diese Eliten, die jedes Jahr nach Davos kommen, das System am Laufen halten und nebenbei ein paar nette Projekte machen, sind Teil des Problems. (…) Sie sind nicht glaubwürdig. Ich weiss nicht, wie sie nachts schlafen können. (…) Was ich so daran gefährlich finde, ist, dass sie behaupten, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Dabei sichern sie zu 99 Prozent den Status quo."

Eine Konferenz ohne Sinn also? Der Film von Marcus Vetter zeigt Bilder von Staats- und Unternehmenschefs, von eifrigen Security-Mitarbeitern, gepanzerte Limousinen, Meetings, wie eben eine globale Konferenz funktioniert mit ihren ganzen Reden und Sub-Konferenzen. Vetters Herausforderung besteht darin, den Erfolg des Forums, so es ihn gibt, sichtbar zu machen.

Dazu begleitet Vetter Schwab und manche seiner 800 Mitarbeiter bei ihrer Arbeit rund um die Welt. Zum Beispiel nach Ruanda, um mit Schwab einen Social Entrepreneur zu besuchen, der medizinische Produkte mit Drohnen ausfliegt und dem das WEF "bei der Gesetzgebung und der Regulierung" geholfen hat.

Ohne Davos noch schlimmer?

Ob in Ruanda oder Indonesien, in der Praxis also, so erzählt es Vetters Film, funktioniert das WEF. Auf der grossen Bühne, das ist die andere Botschaft, geht es darum, ins Gespräch zu kommen und zu bleiben, denn ohne die Kontakte dieser Bühne geht es nicht. Dabei erklärt der Film wenig selbst, lässt lieber den Zuschauer die Interviews und Bilder interpretieren.

Diese Interpretation reicht von der ehrlichen Absicht Schwabs, die Welt im Dialog verbessern zu wollen bis zur Lesart, dass es auch in Davos nur ums Geschäft geht. Welches dieser Bilder das richtige ist, konnte Vetters Film nicht eindeutig beantworten. Ob Davos die Welt rettet, muss man also am Zustand der Welt ablesen. Ob es ohne Davos noch schlechter stünde, ist auch nach Vetters Film Spekulation.

Jennifer Morgan jedenfalls hat hier eine klare Meinung, wie sie in einem Brief an Schwarz schreibt: "Ich bin in grosser Sorge, dass Sie als Gründer des Weltwirtschaftsforums nicht alles in Ihrer Macht Stehende tun, um den Lauf der Geschichte zu verändern. (…) Es ist Zeit, das Weltwirtschaftsforum neu auszurichten."

"Das Forum – Rettet Davos die Welt?" seit Dienstag, den 14. Januar, in der Arte-Mediathek
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Nicht nur in Davos: Die Panzerlimousinen der Politiker und Wirtschaftsbosse

Spitzenpolitiker und Wirtschaftsbosse aus der ganzen Welt fahren mit ihren Panzerlimousinen nicht nur beim Wirtschaftsforum in Davos vor. Die Security-Fahrzeuge sind ständiger Begleiter der Einflussreichen. Ein Blick auf die gepanzerten Topmodelle zeigt, dass diese aber kaum von einer normalen Limousine zu unterscheiden sind.