Fake News, Falschnachrichten, Propaganda. Staaten hätten sich schon immer solcher Mittel bedient, um ihre Interessen zu verfolgen, sagt Alexander Sängerlaub von der Stiftung Neue Verantwortung. Im Interview spricht der Publizist über Donald Trump, russische Desinformation und die Überschätzung von sozialen Medien.

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Herr Sängerlaub, wie viel sagt es über die gegenwärtige Zeit aus, dass der Begriff Fake News gerade so in Mode ist?

Alexander Sängerlaub: Unser Konzept von Öffentlichkeit hat sich stark verändert, die sozialen Netzwerke sind ein Symptom davon. Und diese neuen Verbreitungsmöglichkeiten von Nachrichten sind ein Grund, dass der Begriff gerade so populär ist. Hinzu kommt US-Präsident Donald Trump, der die Bezeichnung als politischen Kampfbegriff bekannt gemacht hat und ihn gezielt und häufig über seinen Twitter-Kanal streut. Das wird wiederum durch klassische Medien aufgenommen.

Aber Falschnachrichten oder Propaganda gab es schon zu Zeiten der Römer. Nur ist der Unterschied zu heute, dass jeder via Twitter und Co. seine Meinung reichweitenstark verbreiten kann.

Werfen wir einen Blick auf die Verbreitung von Fake News. Gibt es gesellschaftliche Gruppen oder Staaten, die besonders aktiv sind?

In Deutschland kommen Fake News vor allem aus der rechtspopulistischen oder rechtsextremen Ecke. Auch in den USA, wo einflussreiche rechte Medien wie "Breitbart" sehr aktiv sind. Aber schauen Sie nach Grossbritannien: Da war im Vorfeld des Brexit auch alles voll mit Desinformation.

Dort haben von der Boulevardpresse bis zum späteren Aussenminister Boris Johnson viele Akteure Ängste mit falschen Fakten geschürt, zum Beispiel was die EU-Mitgliedschaft die Briten angeblich jede Woche kostet. Da muss man in die spezifischen Konstellationen reinschauen, um zu sehen, wie gross das Problem ist und ob staatliche Akteure eine tragende Rolle bei der Verbreitung spielen.

Gibt es typische Ziele, die die Verbreiter von Fake News erreichen wollen?

Es gibt sehr verschiedene Gründe. Vor allem geht es um die Mobilisierung von Wählern, auch indem man versucht zu polarisieren und zu spalten. Manchmal geht es einfach nur um Deutungshoheit oder vermeintliches Informieren. Es gibt ja nicht nur in der Politik, sondern beispielsweise auch beim Thema Impfen die absurdesten Theorien.

Oft wird Russland bzw. werden russische Hackergruppen als weltweit führende Akteure bei der Verbreitung von Falschnachrichten beschrieben. Ist dieser Eindruck richtig?

In Deutschland versuchen Sender wie Sputnik oder RT Deutsch in der Klaviatur des Populismus mitzuspielen. Jedes Land muss aber einzeln betrachtet werden, die Vielfalt und Glaubwürdigkeit der jeweiligen Medien spielen eine wichtige Rolle. Auch ob es geopolitische Interessen Russlands in anderen Ländern gibt. Nehmen sie das Beispiel Ukraine. Dort sind die russischen Medien mit ihren Desinformation im Bürgerkrieg Teil der hybriden Kriegsführung. Anders ist es in den USA.

Warum?

Bei den US-Präsidentschaftswahlen 2017 wurde die Rolle russischer Desinformation in den sozialen Medien meines Erachtens völlig überschätzt. Man darf nicht vergessen, dass mit Fox News der US-Sender mit den grössten Einschaltquoten massiv für Trump Stimmung gemacht hat, auch gerne mal mit Fake News oder Halbwahrheiten. Für 57 Prozent der Amerikaner - das wissen wir aus den Zahlen des Pew Research Institutes - ist das mit Abstand wichtigste Medium im Wahlkampf immer noch das Fernsehen.

Und wie bewerten Sie den Einfluss von Social Bots, also automatisch erstellten Profilen und Nachrichten in sozialen Netzwerken? Russische Hacker sollen damit die Brexit-Abstimmung zu Gunsten des Austritts-Lagers beeinflusst haben.

Ich glaube, man hat da eine falsche Sicht auf den tatsächliche Einfluss sozialer Medien, denn auch in Grossbritannien sind klassische Medien immer noch viel einflussreicher. Wenn sie sich beispielsweise die Rolle der "Yellow Press" anschauen, dann hatte sie im Vorfeld des Brexits mit Sicherheit einen wesentlich grösseren Einfluss als Social Media.

Aber gibt es nicht auch eine Wechselwirkung? Klassische Medien reagieren beispielweise darauf, welche Themen gerade bei Twitter ganz oben stehen. Und diese Ranglisten wurden ja nachweislich schon häufiger durch Social Bots manipuliert.

Es mag diese Einflussversuche geben, sie sind aber schwierig nachzuweisen. So gibt es innerhalb der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Social Bots grosse Schwierigkeiten bei der Messung. In den ersten Studien wurde einfach definiert, dass jeder Account, der mehr als 50 Tweets am Tag absetzt, ein Social Bot sei. Das war nicht sonderlich hilfreich, um automatisierte Accounts von hyperaktiven Twitterern zu unterscheiden.

Wladimir Putin bestreitet immer wieder, dass Aktionen wie der Hacker-Diebstahl von Tausenden E-Mails zwischen Hillary Clinton und dem Leiter ihres Wahlkampfteams 2016, staatlich koordiniert gewesen seien. Wie glaubwürdig ist das?

Die Glaubwürdigkeit solcher Aussagen müssen andere beurteilen. Aber der russische Staat hat mit seinem Medienkonzern "Russland heute" - der unter anderem die Auslandsmedien Russia Today, Ruptly oder Sputnik betreibt - starke Propagandakanäle, die nur wenige journalistische Kriterien erfüllen. Ob es da noch Hacker braucht, die E-Mails stehlen, sei einmal dahingestellt.

Werfen wir einen Blick auf Desinformation aus den USA. Welche Beispiele fallen ihnen da ein?

Donald Trump hat per Twitter mehrfach Fake News verbreitet, die europäische Debatten beeinflusst haben. Im Sommer 2018 behauptete er, dass in Deutschland Vergewaltigungsfälle aufgrund der Flüchtlingskrise deutlich gestiegen seien.

Trump hat das vor allem aus innenpolitischen Gründen getan, um seine eigene Migrationspolitik zu rechtfertigen. Aber am Ende haben alle deutschen Parteien darauf reagiert und die Anschuldigung mit Hinweis auf die deutsche Kriminalitätsstatistik entkräftet. Es gibt demnach auch Einflussversuche aus den USA, die haben aber eine andere Qualität als die russischen. Ich wäre vorsichtig, das über einen Kamm zu scheren.

Aber auch das US-Verteidigungsministerium beschäftigt eine riesige Propagandaabteilung, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen und den Informationskrieg zu gewinnen.

Letztlich geht es um Deutungshoheit und Interessen. Alle Staaten versuchen ihre Sicht der Dinge durchzusetzen. Das passiert durch aktive Politik und Diplomatie, genau wie durch Lobbyismus und Informationskanäle, die man im Ausland hat. Es ist aber ein Unterschied, ob das durch eine Demokratie geschieht oder ein autokratisches Regime. Und welches Verständnis von freien Medien zugrundeliegt.

Im Kalten Krieg gab es in Westeuropa eine Reihe von tödlichen Attentaten auf die Bevölkerung, die nachweislich von rechtsradikalen Gruppen mit Unterstützung des US-Nachrichtendienstes CIA ausgeführt wurden. Öffentlich schob man die Taten linksradikalen Gruppen in die Schuhe, um Ängste vorm Kommunismus und der Sowjetunion zu schüren. Sind wir im Westen nicht etwas vorschnell, wenn wir uns auf der moralisch richtigen Seite wähnen?

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Es zeigt, dass wir auf jeden Fall kritisch und nachdenklich bleiben sollten, wenn Staaten schnell mit dem Finger auf andere Staaten zeigen. Freie Medien aber auch funktionierende eigene Geheimdienste sind hierbei ein wichtiger Anker, um auch fremdstaatlich koordinierte Aktionen aufzudecken.

Die Lüge, der Irak besitze Massenvernichtungswaffen, ist ein besonders gut dokumentiertes Beispiel von Fake News durch die US-Regierung. 2003 fielen US-Truppen in das Land ein. Sind Falschnachrichten letztlich auch für die Amerikaner ein probates Mittel, um ihre strategischen Interessen durchzusetzen?

In diesem konkreten Fall waren sie das offensichtlich. Die Geschichte lehrt uns immer wieder die Kraft von Lügen und Propaganda - von den erfunden Protokollen der Weisen von Zion bis zur Besetzung der Krim. Oder wie Bismarck sagte: Es wird niemals so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd. Nur heute nennen wir es eben Fake News.

*Alexander Sängerlaub leitet im Berliner Think Tank "Stiftung Neue Verantwortung" das Projekt "Desinformation in der digitalen Öffentlichkeit". Es befasst sich mit den Herausforderungen des digitalen Strukturwandels der Öffentlichkeit. 2014 gründete der studierte Publizist das Politikmagazin "Kater Demos".
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