Kann man mit dem neuen US-Präsidenten zusammenarbeiten oder nicht, will Anne Will in ihrer Talkshow wissen. Doch für eine nüchterne Diskussion sind ihre Gäste viel zu aufgebracht.

Die Welt steht noch immer unter Schock. Oder konkretisieren wir: Die Medien sind weiterhin erklärungslos angesichts der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten. Kein Tag vergeht, an dem das Staatsoberhaupt nicht für Leitartikel herhalten muss und die Apokalypse ausgerufen wird. Selbst jede Kurznachricht von Trump auf Twitter, sonst hauptsächlich als Medium zur Beschimpfung von Prominenten bekannt, taugt zur Schlagzeile.

So ist nicht weiter verwunderlich, dass sich auch Anne Will am Sonntagabend erneut mit dem Phänomen Trump auseinandersetzt. Die Sicherheitskonferenz und mit ihr die NATO tagt in München. Trump hatte das transatlantische Bündnis zuerst für überflüssig erklärt, schwenkte dann, wie gewohnt wankelmütig, doch wieder um.

"Wie arbeitet man ernsthaft mit so jemandem zusammen?", fragt Moderatorin Anne Will in ihrer Sendung. Sie will wissen: "Nach der Münchner Sicherheitskonferenz - Sind Trumps USA noch ein verlässlicher Partner?", so der offizielle Titel der Runde. Mit dabei die üblichen Dauer-Talkshow-Gäste. Peter Altmaier, Chef des Bundeskanzleramtes, Sahra Wagenknecht von den Linken, Klaus Scharioth, ehemaliger deutscher Botschafter in den USA, sein Kollege John Kornblum, der die Vereinigten Staaten zwischen 1997 und 2001 in der Bundesrepublik vertrat und Bernd Ulrich, stellvertretender Chefredakteur der "Zeit".

"Der wäre bei uns in der AfD"

Zwischen letzteren beiden besteht offensichtlich das grösste Konfliktpotenzial, das ist bereits nach einigen Minuten klar. Markig erklärt Ulrich: "Die grösste Gefahr für die Demokratie sitzt im Weissen Haus", und meint damit natürlich Donald Trump. Selbst Hoffnungsträger Mike Pence, der die USA gerade in München vertritt, gibt ihm keine Hoffnung: "Der wäre bei uns in der AfD", sagt Ulrich polemisch.

Der US-Präsident nennt den Grund für seine These.

Der ehemalige Botschafter der USA versucht abzuwiegeln. Diese Hysterie sei typisch europäisch: "Das passiert am Anfang jeder Administration", sagt Kornblum. Bei Reagan, bei Bush, bei allen Präsidenten. Wenn er es nur nicht so herablassend sagen würde. "Die Europäer schlafen seit 20 Jahren", fügt er noch hinzu.

Der "Zeit"-Vize regt sich nun wirklich auf und wirft dem Amerikaner die Politik seines Landes im Nahen Osten vor, die die Flüchtlingsströme nach Deutschland ausgelöst hätten. Er ist sich nicht einmal mehr sicher, ob die USA unter Trump eine Demokratie bleiben. Kornblum wiederum beschwert sich, dass die Europäer nie "delivern", frei übersetzt "geil abliefern", um es mal mit den Worten Dieter Bohlens zu sagen. Er meint: Die Deutschen und ihre Verbündeten kündigten immer an, die USA zu unterstützen, doch die müssten am Ende alles alleine machen.

Das Publikum schaut regungslos zu

Das eigentliche Thema der Sendung streifen die beiden dabei nur am Rande. Ist Trump nun ein verlässlicher Partner? Ein Präsident, der am gleichen Tag auf einer Pressekonferenz einen Terroranschlag in Schweden erfand, der nie stattgefunden hat? Vermutlich, weil er auf einem Nachrichtensender die Ankündigung zu einer Doku gesehen hat? Kornblum sagt Ja, Ulrich bleibt weiter bei seinen Weltuntergangsszenarien. Das Publikum schaut regungslos zu.

Es ist schon fast bezeichnend, dass ausgerechnet Sarah Wagenknecht, einst kommunistische Aussenseiterin, als einzige in der Runde immer wieder Szenenapplaus erntet. Eine verlässliche Politik des Friedens solle Europa machen. Applaus. 900 Milliarden gebe man für Rüstung aus. "Mit dem Geld könnte man doch etwas Sinnvolleres anfangen." Wieder Applaus. Auf das eigentliche Thema geht sie nicht ein.

"Ich plädiere zu einer politischen Haltung"

"Wie kann man mit so einem zusammenarbeiten?", fragt also Anne Will erneut, aber offenbar hat keiner eine Antwort darauf. Auch nicht Peter Altmaier, der genau das tun muss und bereits froh ist, dass in diesem Jahr eine rege Teilnahme an der Münchner Sicherheitskonferenz herrscht - bevor ein Loblied auf die Pressefreiheit singt.

Das sagt die Presse zum Abschluss der Nato-Sicherheitskonferenz.

Danach driften alle ab. Es geht um den islamistischen Terror, den Bundeswehreinsatz in Afghanistan und Sarah Wagenknecht redet sich in Rage und beschwört das Schreckensbild eines Atomkrieges mit Russland.

Offenbar zu viel für Anne Will, die ihr einfach ins Wort fällt und erklärt, dass man viele interessante Einschätzungen bekommen habe. Was stimmt. Nur nicht zum eigentlichen Thema. Stattdessen zeigt die Ausgabe von Sonntagabend noch einmal eindrucksvoll, wie wenig die Europäer Trumps Wahlsieg verwunden haben. Und wie sehr er sie überfordert. Eine nüchterne Auseinandersetzung ist nicht möglich.

"Ich plädiere zu einer politischen Haltung und nicht immer diese Emotionen", sagt der ehemalige US-Botschafter Kornblum irgendwann folgerichtig. Die Sendung vom Sonntagabend zeigt: Es ist noch ein langer Weg bis dahin.