• Frank Plasberg und seine Runde sprechen über die Situation von jungen Menschen in der Corona-Pandemie.
  • Rekordverdächtig: Fünf von sechs Gästen sind jünger als 30.
  • Die jungen Menschen bleiben betont höflich, eine Diskussion ergibt sich vor allem beim Dauerbrenner Vermögenssteuer.
Fabian Busch.
Eine Kritik
von Fabian Busch

Frank Plasberg ist sichtlich stolz, als er am Montagabend seine Talkrunde vorstellt. Fünf von sechs Gästen bei "Hart aber fair" sind unter 30. Das ist rekordverdächtig jung – Olaf Scholz wirkt mit seinen 62 Jahren schon fast wie der Opa der Runde.

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Was macht die Corona-Pandemie mit der Jugend? Das soll die zentrale Frage an diesem Abend sein. Der Ansatz von Frank Plasberg ist vielversprechend: Hier wird nicht nur über eine gesellschaftliche Gruppe geredet. Die Gruppe hat vielmehr selbst das Wort.

Wer sind die Gäste bei "Hart aber fair"?

  • Sarah-Lee Heinrich: "Mich hat Corona schon hart erwischt", sagt die Studentin. Ihre Mutter ist auf Hartz-IV angewiesen und die 19-Jährige selbst lebte bis vor kurzem in einer 20 Quadratmeter kleinen Studentenwohnung. Das sei nicht gerade ein Ort, an den man sich gerne für längere Zeit zurückziehen will.
  • Olaf Scholz: "Ich sage ausdrücklich: Ich weiss, dass es nicht reicht", sagt der Bundesfinanzminister (SPD) über das Geld, das der Bund derzeit ausgibt, um die vielen Folgen der Corona-Pandemie abzudämpfen. Trotzdem habe die Politik einiges auf den Weg gebracht: Nothilfen für Studierende oder Zuschüsse für Ausbildungsverträge zum Beispiel. "Es ist trotzdem eine ganze Menge, die da kommt."
  • Ria Schröder: Wenn sie könnte, würde sie eine Woche lang den Job von Olaf Scholz übernehmen, sagt die Juristin und FDP-Jungpolitikerin: "Ich würde gerne dafür sorgen, dass auch Mittel für die jungen Menschen bereitgestellt werden, insbesondere beim BAföG und bei den Auszubildenden."
  • Philipp Isterewicz: "Jung sein heisst ja nicht gleich dumm sein", sagt der Radio-Moderator und DJ. Er findet, dass junge Menschen verpflichtet sind, eine Zeit lang auf Bars und Partys zu verzichten. "Wir alle sind gerade in einer Krise, in einer neuen Krise. Und wir müssen sehen, dass wir da wieder rauskommen – zusammen."
  • Alexander Jorde: Der Krankenpfleger wurde bekannt, als er die Bundeskanzlerin 2017 in einer TV-Sendung auf die Situation der Beschäftigten seiner Branche aufmerksam machte. Auch an diesem Abend macht er deutlich, dass dort einiges im Argen liegt: Die Corona-Prämie für Pflegekräfte hat er nicht erhalten, weil seine Klinik zu wenig COVID-Patienten versorgt – und sein letzter Corona-Test liegt schon Monate zurück.
  • Franziska Schürken: Erst kaum Unterricht, dann Wechsel-Unterricht, dann ständige Unterbrechungen wegen Quarantäne: So sahen die vergangenen Monate der Oberhausener Schülerin aus, die im kommenden Sommer Abitur machen will. "Das ist schwierig – nicht nur für den Lernerfolg, sondern auch für das Sicherheitsgefühl in diesen Zeiten."
  • Marcel Seidenzahl: Der 22-Jährige hat nach der Ausbildung als Veranstaltungskaufmann die erhoffte Stelle nicht bekommen – wegen der Corona-Pandemie. Wie sich das anfühlt? "Man hat am Anfang Pläne für sein Leben, man wusste, wo es hingehen soll – und auf einmal wird das alles weggerissen."

Was ist das Rededuell des Abends?

Der grösste Teil der Sendung besteht darin, dass die Gäste dem Finanzminister ihre Sorgen schildern und dieser mal beschwichtigt, mal nickt und mal etwas verspricht. Das ist nur mässig spannend.

Ein bisschen lebhafter wird es, wenn sich die jungen Menschen untereinander in die Haare geraten – was leider nur einmal so richtig passiert: Als sich FDP-Frau Ria Schröder den Zustand der deutschen Schulen beklagt, schaltet sich Alexander Jorde ein: Er wundere sich sehr, dass die Kritik an fehlenden Investitionen ausgerechnet von der FDP komme.

"Wir haben einen Riesen-Investitionsstau", sagt er, deswegen müsse der Staat mehr Einnahmen generieren. "Dann ist es immer die FDP, die sagt: 'Nein, wir müssen Steuern senken wir müssen einsparen.'" Jordes Vorschlag: Die Vermögenssteuer muss her. "Viele haben jetzt weniger als vorher, und es gibt ganz wenige, die jetzt mehr haben."

Dieses Thema sorgt nicht nur bei der Grosseltern-Generation, sondern auch bei ihren Enkeln verlässlich für Streit. Ria Schröder jedenfalls erteilt der Vermögenssteuer wie erwartet eine Absage: Das meiste Geld in Deutschland stecke in Betriebsvermögen. "Und zwar da, wo heute die Arbeitsplätze verlorengehen, wo im nächsten Jahr die Insolvenzen anstehen werden." In dieser Krise gehe es aber darum, möglichst viele Jobs zu erhalten.

Was ist der Moment des Abends?

Auch die Studentin Sarah-Lee Heinrich schafft es, ein bisschen Leben in die Runde zu bringen. Sie ärgert sich darüber, dass das grösste Problem der Jugend darin bestehen soll, dass sie zurzeit nicht mehr feiern gehen kann. Es gehe genauso um die Gesundheit und Zukunft ihrer Generation: "Es ist gar kein Generationenkonflikt zwischen Party und Sterben, sondern es ist ein sozialer Konflikt – und der betrifft alle."

Was ist das Ergebnis bei Frank Plasberg?

Man ist bekanntlich nur einmal jung. Wenn sich Schülerinnen und Schüler, Auszubildende und Studierende derzeit nicht nur um ihre Abendgestaltung, sondern auch um Gesundheit und Zukunft Sorgen machen, ist das mehr als nachvollziehbar. Deswegen ist es ein erfreuliches Experiment, dass Plasberg jungen Menschen an diesem Abend so viel Zeit einräumt. Ob sie diese Bühne auch gut nutzen, ist eine andere Frage.

Eine Abiturientin klagt, dass sie möglicherweise nicht den erhofften 1,0-Abitur-Schnitt bekommt und dann Geisteswissenschaften studieren muss. Ein Veranstaltungskaufmann Anfang 20 macht sich schon Sorgen um seine Rente. Alles wird verpackt in sehr viel Verantwortungsbewusstsein und noch mehr Höflichkeit.

Für das öffentliche Bild der jungen Menschen ist das sicherlich von Vorteil. Doch ein bisschen mehr Auf-den-Tisch-hauen, ein bisschen mehr Rock’n’Roll oder auch Gangsta-Rap hätte man sich im Auftritt der jungen Wilden schon gewünscht. Die Jugend wird nur gehört, wenn sie laut ist. "Fridays for Future" haben das gerade vorgemacht – zugegebenermassen auch mit überschaubarem Effekt.

Vielleicht muss sich die Runde aber auch nur ein bisschen warmreden. Radio-Moderator Philipp Isterewicz macht vor, wie es gehen könnte: Er hält Olaf Scholz vor, dass die Schulen in den Ferien nicht auf Corona-konformen Unterricht vorbereitet wurden: "Wenigstens die Bazooka in Richtung Schulen auspacken: Das hätte man im Sommer machen müssen." Ganz am Ende kommt sogar noch so etwas wie eine Diskussion über Vermögenssteuer und Lufthansa-Staatshilfen auf. Doch da ist die Sendung auch schon so gut wie vorbei. Schade!