Am späten Mittwochabend wühlte sich Sandra Maischberger wieder durch ein Sammelsurium an Themen, allen voran natürlich die Corona-Pandemie. Umso schöner war es da, dass sich zwei Gästinnen auch nach 40 Jahren Diskussion über geschlechtergerechte Sprache noch herrlich leidenschaftlich über das Gendern stritten.

Christian Vock.
Eine Kritik

Der Maskenskandal der CDU, der angekündigte Rücktritt von Joachim Löw als Bundestrainer, das Interview von Harry und Meghan, die anstehenden Landtagswahlen – und natürlich immer wieder Corona: Für eine Talkshow wie "maischberger. die woche", die die Themen der Woche abarbeitet, war der Tisch diese Woche reichlich gedeckt.

Mit diesen Gästen diskutierte Sandra Maischberger:

  • Prof. Dr. Thorsten Lehr, Professor für klinische Pharmazie
  • Dr. Jürgen Zastrow, leitender Impfarzt des Kölner Impfzentrums
  • Petra Gerster, "heute"-Moderatorin
  • Nele Pollatschek, Schriftstellerin
  • Walter Sittler, Schauspieler
  • Katharina Hamberger, Journalistin
  • Ansgar Graw, Herausgeber "The European"

Die Themen des Abends:

Ja, der Tisch war reichlich gedeckt und Moderatorin Sandra Maischberger griff auch beherzt zu. Mit Walter Sittler, Katharina Hamberger und Ansgar Graw rauschte Maischeberger zunächst durch die Eckpunkte der Woche und dazu gehörte der Maskenskandal der CDU. Bei der Suche nach Erklärungen meinte Walter Sittler: "Ihnen war gar nicht klar, dass sie was Falsches tun." Bei Armin Laschets Ansage, dass man ihm ähnliche Fälle zügig melden solle, ahnte Ansgar Graw, dass da noch was kommen könnte: "Hab' gedacht: Hoppla, weiss er mehr als er jetzt sagt?"

Danach ging es über die Landtagswahlen und die Einstufung der AfD als Verdachtsfall zur Leistung von Jens Spahn in der Pandemie-Bekämpfung, über die Katharina Hamberger sagte: "Sein Problem sind die Erwartungen, die er weckt." Erwartungen gibt es in der Tat viele, zum Beispiel, dass man Lockerungen nur unter den erforderlichen Bedingungen zulässt. Hier sah Hamberger, "dass das irgendwie in der falschen Reihenfolge gelaufen ist. (…) Wenn man das macht, muss man diese Dreh- und Angelpunkte Impfen und Testen hinbekommen."

Von der Theorie zur Praxis und von der Politik zur Wissenschaft kam Maischberger dann mit ihren beiden Gästen Lehr und Zastrow. Was dabei genau Praxis bedeutete, erklärte Impfarzt Zastrow dann auch ganz anschaulich, als er erzählte, dass er sich auch schon einmal über Verordnungen hinwegsetzt, wenn es darum geht, freie Impfdosen nicht ungenutzt zu lassen: "Entscheidend ist doch nur, dass der Impfstoff in die Arme kommt." Damit meinte er nicht etwa die Bevorzugung von Impfdränglern oder die Ausnutzung von Ämtern, sondern ganz einfach pragmatisches Handeln.

Ob er jetzt schon gelockert hätte, wollte Maischberger von Thorsten Lehr wissen und der hatte dazu eine eindeutige Meinung: "Auf keinen Fall. Das ist absolut der falsche Zeitpunkt. Jetzt kommt die Lockerung nämlich zusammen mit der Tatsache, dass die Mutante die Oberhand gewinnt und das wird eine relativ gefährliche Kombination."

Selbst ohne Lockerungen würde man den Inzidenzwert von 100 schon Ende März durchstossen, so Lehr. Sollte mit den Lockerungen eine Steigerung der Kontakte um gerade einmal 20 Prozent erfolgen, sehen Lehrs Zahlen noch deutlich finsterer aus. Ob seine Prognosen eintreten, läge aber auch am Verhalten jedes Einzelnen: "Wir können uns zurücknehmen und diese Kurven auch beeinflussen."

In Bezug auf die Impfreihenfolge sah Sandra Maischberger schon die Debatte der nächsten Woche vorher, als es darum ging, ob man nicht wegen deren grösserer Mobilität nun zuerst jüngere Menschen impfen sollte. Aus dem individuellem Risiko heraus sei es richtig gewesen, zuerst Ältere zu impfen, epidemiologisch aber nicht, erklärte Jürgen Zastrow und Thorsten Lehr gab ihm Recht. Die Impfreihenfolge sei eine humanitäre Entscheidung gewesen, aber "epidemiologisch würde es Sinn machen, die Jüngeren zuerst zu impfen, weil das die mit hohen Kontakten sind".

Die Diskussion des Abends:

Gendern. Bei den einen sträuben sich bei diesem Wort die Nackenhaare, bei den anderen auch, aber nur, wenn man es nicht macht. Einig ist man sich beim Gendern offenbar nur, dass es hier ziemlich knarzt in der deutschen Sprache. Das sollte auch das Fazit bei der Diskussion zwischen Petra Gerster und Nele Pollatschek sein, trotzdem waren diese knapp 20 Minuten die spannendsten an diesem Abend.

Pollatschek stieg schon bei ihrer Vorstellung mit dem ersten Argument ein. Sie möchte nämlich explizit als Schriftsteller vorgestellt werden und nicht etwa als Schriftstellerin - und das hat seinen Grund: "Es geht in der Öffentlichkeit niemanden was an. Es hat auch nichts damit zu tun, dass ich hier sitze. Wenn ich in die Öffentlichkeit gehe, dann tue ich das aus beruflichen Gründen. (…) Ich hab' natürlich eine Identität, aber die ist nicht das Relevante hier. Ich hab' natürlich ganz viele Aspekte, wie jeder Mensch und dann frage ich mich: Warum ist das Einzige, was wir hier sichtbar machen wollen (…) das Geschlecht? Warum?"

Für Petra Gerster ist das Gendern hingegen genau deshalb wichtig. "Weil es Frauen und nicht nur Frauen, auch andere Gruppen, nicht binäre Menschen zum Beispiel, sichtbar macht." Dieses Sichtbarmachen, auch über Sprache, ist für Gerster elementar, denn schliesslich hätten sich Frauen mühsam ihren Platz in der Öffentlichkeit erkämpft, kurz: "Es geht um Gleichberechtigung." Ein Sternchen einzufügen oder einer kurze Sprechpause zu machen, ist für Gerster nur "eine Gewöhnungsfrage."

Statt Gleichberechtigung über Sprache herzustellen, will Pollatschek lieber die Realität für Frauen ändern: "Mein Vorschlag wäre: Lasst uns doch dafür sorgen, dass Frauen besser arbeiten können. Also lasst uns die materielle Wirklichkeit verändern, indem wir Kindergartenplätze für alle schaffen, Ganztagsschulen, es möglich machen, dass sich Frauen so verhalten wie sich Männer, die Kinder haben, sowieso schon verhalten."

Wolle man doch an die Sprache, sprach sich Pollatschek für eine generische Lösung aus: "Meine ideale Lösung wäre: Moderator, Professor, Student, Schriftsteller entweder mit verschiedenen Artikeln oder noch besser: sowas wie 'das Bundeskanzler für alle.' (…) Das wäre eine gute Lösung. Ich glaube nicht, dass man's über Sprache lösen muss, aber wenn wir's über Sprache lösen, dann so."

Das Fazit:

Gendern oder nicht – diese Frage ist auch nach 40 Jahren Diskussion immer noch höchst emotional aufgeladen. Umso spannender war es deshalb, dass bei "maischberger. die woche", obwohl man glaubt, dazu bereits alle Argumente gehört zu haben, zwar eine leidenschaftliche, aber dennoch sachliche Diskussion geführt wurde. Dass es am Ende keinen Konsens gab, wie man es denn nun am besten machen soll, war in diesem Fall zu verkraften, denn was nach 40 Jahren nicht gelungen ist, wird in einer 20-Minuten-Diskussion bei "maischberger" auch nicht gelingen. Es knarzt also auch weiterhin in der deutschen Sprache.

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