Die Deutschen machen sich mehr Sorgen über Donald Trumps Politik als über die von Wladimir Putin, sagt eine Studie. Die Runde bei Maischberger bleibt fast komplett bei Putin hängen, was für genügend Streit sorgt: "Wollen Sie Zoff oder Gedankenaustausch?"

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Angst müssen wir also haben, das war schon vor der "Maischberger"-Sendung am Mittwochabend klar. Verhandelt wurde nur noch die Frage: Wer ist der schlimmere Bi-Ba-Butzemann? Mauerbauer und Schutzzoller Donald Trump oder der Kalte Krieger Wladimir Putin?

Das ZDF-Politbarometer erhob jüngst einen Vorsprung für Trump: 82 Prozent der Deutschen machten sich sehr grosse oder grosse Sorgen wegen seiner Politik, bei Putin seien es nur 53 Prozent der Deutschen.

Vielleicht wäre es ja mal an der Zeit für eine Diskussion über die weltbekannte "German Angst" - zu der offenbar auch die panische Furcht gehört, zu wenige Gäste in eine Talkshow einzuladen und dadurch so etwas wie Übersichtlichkeit und Tiefe in die Diskussion zu bringen.

Gereicht hätten in dieser Woche schon drei bis vier Gäste, vor allem wenn sie sich auf so herzerfrischende Art nicht ausstehen können wie die Journalistin Gabriele Krone-Schmalz und der EU-Aussenpolitiker Elmar Brok (CDU). Dazu der hinreissend überkandidelte Brite Anthony Glees mit seiner Monthy-Python-Mimik und der beinharte Faktenreiter Udo Lielischkies, es wäre - ohne Sahra Wagenknecht (Linkspartei) und ARD-Börsenexpertin Anja Kohl zu nahe zu treten - die perfekte Runde gewesen.

Der britische Historiker und Geheimdienstexperte Anthony Glees enterte die Runde gleich mit einigen Ausrufezeichen: Putin wolle die EU zerstören, und Deutschland hänge einem "romantisch-idealistisch-pazifistischen Traum" an, dass sich die Gefahr von selbst erledigen werde.

Man könnte denken, dass Glee unter dem frischen Eindruck des Giftanschlags von Salisbury zu Übertreibungen neigt, aber ähnliche Vorwürfe hatte er schon 2015 formuliert, damals in Bezug auf die Flüchtlingskrise: Deutschland gebe sich wie ein "Hippie-Staat, der nur von Gefühlen geleitet wird".

Seine Alternative: "Nein sagen", "hart bleiben" – und erst dann verhandeln. Eine Position, über die den ganzen Abend in verschiedensten Konstellationen gestritten wurde: Kommt erst der Knüppel, und dann die ausgestreckte Hand? Oder geht es auch ohne Drohgebärde, ohne Kriegsrhetorik, ohne Sanktionen?

Geht es Putin um Aussen- oder Innenpolitik?

In deutschen Talkshows geht es beim Thema Russland traditionell nicht ohne angespannte Stimmung. Gabriele Krone-Schmalz hat gleich ein ganzes Messer-Sortiment zwischen den Zähnen mitgebracht, als Maischberger sie fragt, ob die Zurückweisung von Russlands Initiativen in Putins erster Amtszeit rechtfertige, dass sich Putin nun alles erlaube, zischt die Journalistin zurück: "Wollen Sie Zoff oder Gedankenaustausch?"

Krone-Schmalz fühlt sich zu Unrecht in die Rolle der Putin-Versteherin gedrängt, sie wolle nur einen Perspektivwechsel vornehmen.

Die russische Perspektive sieht für sie so aus: Der Westen kommt uns immer näher. Während sie über den fehlenden Ausgleich zwischen den Interessen der baltischen Ländern und denen Russlands spricht, wippt Elmar Brok seinen massigen Oberkörper vor und zurück, grummelt, unterbricht sie schliesslich: alles Quatsch. Darunter geht es nicht, zumindest nicht zwischen den beiden Antipoden des Abends.

Udo Lielischkies setzt der Erzählung von Krone-Schmalz das Primat der Innenpolitik entgegen: In Wahrheit gehe es Putin gar nicht um die Aussenpolitik. Er brauche nur einen Gegner, um die Probleme in Russland zu kaschieren, vor allem die schlechte Wirtschaftslage.

Das, so Lielischkies, würde auch das Motiv für ein Attentat auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal liefern: Der diplomatische Schlagabtausch mit Theresa May und Boris Johnson habe Putin kurz vor der Präsidentenwahl in seine Lieblingsrolle versetzt, den Verteidiger Russlands gegen den feindlichen Westen.

"Das könnte ja weh tun"

Anthony Glee sieht zumindest eine Mitschuld Putins als wahrscheinlich an und plädiert für einen Boykott der Fussball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland im Sommer, den er als ein deutliches Zeichen Richtung Putin sehen würde, "das auch von gewöhnlichen Leuten verstanden wird."

Moskau-Korrespondent Lielischkies erinnert den Briten daran, dass London andere Mittel zur Verfügung stehen als nur Symbolpolitik – zum Beispiel könnten sie das Vermögen von reichen Russen im Land einfrieren und sogar beschlagnahmen, wenn es Zweifel an der Rechtmässigkeit des Geldes gibt - aber "das könnte ja weh tun."

So wie die EU-Sanktionen den einfachen Russen – aber vor allem, wie Lielischkies ausführt, weil Putin seinerseits ein Embargo für Lebensmittel aus dem Westen erlassen hat, was die Lebenserhaltungskosten nach oben treibt.

Einfuhrverbote für Luxuskarossen gibt es nicht, sagt Lielischkies: "Putins Freunde fahren gern Mercedes."

Wenn die Sanktionen also nichts nutzen und ohnehin nur die Falschen treffen, könne man sie auch gleich lassen und den Dialog neu starten, sagt Sahra Wagenknecht und erinnert an Willy Brandts Neue Ostpolitik, der den Frieden nicht gegen die Sowjetunion sichern wollte. "Diese Grundeinschätzung gilt auch heute. Unser Interesse sind stabile Beziehungen."

Damit es in den letzten fünfzehn Minuten der Sendung dann auch noch um Donald Trump gehen kann, bricht Maischberger die Diskussion um Putin rigoros ab – was sich allein schon für Elmar Brok lohnt, der Donald Trump so deutsch ausspricht wie sonst niemand.

Dieser "Trammp" könne das internationale Handelssystem zerstören, brummelt Brok, aber das mit dem Stahl hätten die Amerikaner schon einmal versucht, erfolglos. Und schliesslich drohe die EU Harley Davidson und Jack Daniels.

Erst drohen, dann reden, so ein gar nicht romantisch-naiver Ansatz, das gefällt Anthony Glees: "Das ist alles, was Trump vom Handelskrieg abhält, wenn die EU 'Nein' sagt." Es könnte aber auch genau das sein, was die Fronten erst verhärtet.

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