Viel Zoff über wenig Neues: In Überlänge diskutiert Maybrit Illner über den "Neustart ohne Merkel". Im Fokus steht AfD-Fraktionschef Gauland – weil er Alice Weidel in der Spendenaffäre in Schutz nimmt und heftig unter Beschuss gerät. Bei einer Nazi-Aussage von Katrin Göring-Eckardt und dem Konter von Gauland, wird es tumultartig.

Eine Kritik
von Christian Bartlau, Freier Autor

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Die Kandidaten für die Merkel-Nachfolge werben seit Donnerstag auf Regionalkonferenzen um die CDU-Basis, die SPD ringt im Debattencamp um die eigene Identität, und der Grüne Shootingstar Robert Habeck fordert mit einer Art Grundeinkommen light das Ende des Systems Hartz IV.

Es bewegt sich was, seit Angela Merkel nach den beiden einschneidenden Wahlen in Bayern und Hessen ihren Rückzug eingeleitet hat.

Nur: In welche Richtung geht es für die Parteien? Das wollte "Maybrit Illner" am Donnerstagabend in einer extralangen "Spezial"-Sendung besprechen. Eigentlich.

Diese Gäste diskutierten mit Maybrit Illner

Die gestrige Episode von "Maybrit Illner" lässt sich als dritter Teil einer Talkshow-Trilogie beschreiben. Vor zwei Wochen der Auftakt mit "Streit um Merkels Erbe", letzte Woche "Was folgt auf Merkel?", nun also "Neustart ohne Merkel – wer wird gewinnen und wer verlieren?"

Vergangene Woche hatte Annegret Kramp-Karrenbauer PR in eigener Sache betrieben, nun schlug wieder ihre Stunde als Partei-Soldatin.

Der Junge-Unions-Chef Paul Ziemiak kämpfte engagiert gegen die These vom Ende der Volksparteien: "Ich freue mich, hier Positionen von den Grünen und der AfD zu hören. Da weiss ich wieder, warum es Volksparteien geben muss." Den Anspruch, eine Volkspartei zu sein, hat ja allen Wahlergebnissen und Umfragen zum Trotz auch noch die SPD.

Familienministerin Franziska Giffey gab zu, dass die oft beschworene Rückkehr zur Sachpolitik vielleicht gar nicht als Allheilmittel funktioniert. "Für viele spielt auch der Bauch und das Herz eine Rolle. Und viele Menschen wissen einfach nicht, wofür die SPD steht."

Ganz anders als bei den Grünen, für die Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt schon mal potenzielle Wahlkampfslogans testete: "Das Ökologische gehört für uns zum Kern, aber das Soziale dazu."

AfD-Fraktionschef Alexander Gauland zeigte sich entspannt, auch wenn seiner Partei mit dem Abgang der Bundeskanzlerin die "Lebensversicherung" abhandenkommt, wie er selbst Merkel nannte: "Merkel ist ja noch Kanzlerin, ausserdem müsste die CDU erst einmal ihre Politik ändern. Bis dahin haben wir noch einige Lebensversicherungen."

Ausser den vier Politikern begrüsste Maybrit Illner für den Prolog auch noch zwei parteinahe Strategen in einer Art Expertengespräch – was natürlich in der Form überhaupt keinen Sinn ergibt.

So lobte also der Ex-CDU-Pressesprecher und heutige Kommunikationsberater Dirk Metz – welch Überraschung – die neuen Köpfe der Union und die Kraft der Volksparteien.

Und der SPD-Wahlkampfmanager Frank Stauss durfte seine eigene krachende Niederlage in Hessen schönreden, wonach die Streiterei in der Grossen Koalition schuld an selbiger gewesen sei.

Ebenfalls zu Gast und formell betrachtet unabhängig war hingegen Wahlforscher Matthias Jung. Unter Insidern gilt er allerdings als "Merkels Einflüsterer" (Die ZEIT) und Vater der "asymmetrischen Demobilisierung", also des einlullenden Wahlkampfes Merkelscher Prägung. Er verteidigte – oh Wunder – die Bewegung der Union in die Mitte, die er der Kanzlerin empfohlen hatte.

Zu guter Letzt vervollständigte Investigativ-Journalist Georg Mascolo die Runde, um über die Spendenaffäre um AfD-Fraktionschefin Alice Weidel zu sprechen.

Ihr Kreisverband hatte offenbar illegale Spenden zwar zurückgezahlt, aber erst verspätet dem Bundestag gemeldet. "Ich habe den Eindruck, die Partei räumt Fehler nur ein, wenn sie kurz vor dem Auffliegen steht."

Das war der Schlagabtausch des Abends

Fünf Euro ins Phrasenschwein: Wer austeilt, muss auch einstecken können. AfD-Fraktionschef Alexander Gauland drosch auf die CDU ein, die ihre Wähler im Stich gelassen habe, auf die SPD, die nicht wisse, für wen sie Politik mache und auch auf die Grünen: "Die machen halt Politik für die globalen Eliten."

Die Retourkutsche von Katrin Göring-Eckardt fiel heftig aus: "Sie tun doch überhaupt nichts für ihre Wähler. Sie kuscheln mit Nazis." Ein Vorwurf, für den die 52-Jährige "zu jung" sei, ereifert sich Gauland:

"Lassen Sie den Quatsch, Sie wissen gar nicht was Nazis sind." Der Rest geht im Tumult etwas unter, aber kurz vor dem Ende der Sendung folgt die zweite Runde.

Gauland verteidigt seinen Parteifreund Björn Höcke für den Satz vom "Mahnmal der Schande", der missverstanden worden sei.

Göring-Eckardt lässt das nicht gelten: "Höcke redet immer wieder nach dem Motto darüber: Wir brauchen das nicht. Wenn sie sich von diesen Leuten nicht distanzieren können, hat diese Partei mit diesem Land nichts zu tun."

Eine "Frechheit", echauffiert sich Gauland: "Das haben Sie nicht zu entscheiden, Frau Göring-Eckardt."

So hat sich Maybrit Illner geschlagen

"Dann machen wir hier einen Punkt", sagte Maybrit Illner mitten in die erhitzte Debatte hinein. Zuvor hatte sie es fast anderthalb Stunden lang es nicht geschafft, in die komplett ausgelutschte Debatte um die Zukunft nach Merkel auch nur einen halbwegs originellen Gedanken fliessen zu lassen.

Keine Frage, die nicht schon hundertfach in Zeitungen, Magazinen, Podcasts, Talkshows besprochen wurde. Das Ende der Volksparteien, die Probleme der SPD, der neue Sex-Appeal der Grünen – man kann all das nochmal besprechen. Aber dann vielleicht nicht mit fast durchwegs arriviertem Personal, und mit ein bisschen mehr Verve.

Nichts zu merken vom Neuanfang, von der Lust auf Politik, die CDU-Berater Dirk Metz beschworen hatte. Nicht einmal pflichtgemässe Provokationen gelangen der Gastgeberin.

Die Ausnahme bekam SPD-Hoffnung Franziska Giffey zu spüren: "Hat es wirklich 12 Jahre und ein Debattencamp gebraucht, um zu merken, dass die Wähler Ihnen Hartz IV nicht verzeihen?"

Das sind die Erkenntnisse

AfD-Fraktionschef Alexander Gauland hat sein CDU-Parteibuch 2013 zurückgegeben, hält sich aber offenbar immer noch für einen der mächtigsten Männer in der Union.

Wenn er verrate, wen er als neuen CDU-Chef präferiere, raunte der 77-Jährige, sei derjenige (wohl eher nicht: diejenige) "verbrannt" und aus dem Rennen.

Mit dem Geld hat seine Partei ja ihre lieben Probleme, genauer: Alice Weidel, in deren Wahlkreis es zu Unregelmässigkeiten gekommen ist. Gauland verteidigt seine Co-Fraktionschefin: "Wir versuchen herauszufinden, wer der Spender ist. Alice Weidel weiss das nicht, sie kennt den nicht." Deswegen fordere er sie auch nicht zum Rücktritt auf. Ohnehin sei "jeder Pfennig" zurückbezahlt worden.

Junge-Union-Chef Paul Ziemiak hat eine Gemeinsamkeit mit Gauland: Auch er will nicht sagen, wen er zum neuen CDU-Chef wählen will. Das war es auch schon, keine Gelegenheit lässt Ziemiak aus, einen möglichst breiten Graben zwischen sich und Gauland zu schaufeln.

Für Merz' Feststellung, es gebe nationalsozialistische Töne in der AfD, braucht Ziemiak "keinen Verfassungsschutz, da muss ich nur YouTube anmachen". Eine Zusammenarbeit mit der AfD – wie auch mit der Linkspartei – hält er für "ausgeschlossen". Aber eines gesteht er Gauland zu: "Höcke ist noch schlimmer."

Den angesprochenen Gauland schreckt die drohende Überwachung durch den Verfassungsschutz laut eigene Aussage überhaupt nicht.

Einige "Verbalradikalismen" werde man einstellen müssen, die Parteijugend in Niedersachsen habe er "abgesprengt", aber sonst gilt ihm für die AfD, was auch für diese Sendung gilt: Gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen.

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