• Von der vierten Kraft zum Vorletzten: Warum wechselt Fernando Alonso zu Aston Martin?
  • Die trüben Aussichten waren für Sebastian Vettel mit ein Grund dafür, seine F1-Karriere zu beenden.
  • Bei Alonso spielen mehrere Gründe eine Rolle für den Wechsel.
Eine Analyse

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"Silly Season". Verrückte Saison. Oder "irre Zeit der Wechselgerüchte" in der Formel 1. Den Begriff hört man immer wieder als Beschreibung für einen bestimmten Zeitraum im Jahr, in dem es in der Formel 1 rundgeht. Wer damit bislang nicht viel anfangen konnte, hat dank Sebastian Vettel und Fernando Alonso ein Lehrstück präsentiert bekommen, wie schräg es auf dem Fahrermarkt der Motorsport-Königsklasse zugehen kann. Denn innerhalb von nur vier Tagen haben zwei Superstars für zwei Beben gesorgt.

Zuerst kündigte Vettel am vergangenen Donnerstag seinen Rücktritt zum Saisonende an. Innerhalb von wenigen Stunden gab es Spekulationen um seinen Nachfolger, dabei schien es, als habe Mick Schumacher gute Chancen, Vettels Cockpit zu bekommen. Auch Alonso wurde gefragt, immerhin läuft sein Vertrag bei Alpine zum Saisonende aus, eine Bestätigung der Fortsetzung der Zusammenarbeit gab es noch nicht, wohl aber eine relativ hohe Wahrscheinlichkeit, dass Alonso mit den Franzosen in das dritte gemeinsame Jahr geht.

Alonsos bisherige Aussage: Alpine die Priorität

Es sei seine "Priorität, mit Alpine weiterzumachen", sagte Alonso am Freitag. "Wir arbeiten jetzt schon zwei Jahre gemeinsam an diesem Projekt und entwickeln es weiter. Wir werden immer besser. Mein Wunsch wäre, bleiben zu können". Und er kündigte auch an, dass das Ganze keine grosse Sache sein würde, wenn man sich in der Sommerpause zusammensetzt. "Ich glaube nicht, dass die Verhandlungen mehr als zehn Minuten dauern werden", so der 41-Jährige. Wenn man sich denn einig ist.

Doch es kam alles anders, am Samstag folgte das Treffen von Alonso mit Aston Martins Teambesitzer Lawrence Stroll im Motorhome am Hungaroring. In Ungarn dauerte es tatsächlich nicht lange, ehe Alonso als Nachfolger von Vettel den Vertrag unterzeichnete. Am Montag zum Start in die Sommerpause erfolgte schliesslich die offizielle Verkündung, die viele Beobachter dann doch sehr überrascht hat, auch wenn Aston Martin natürlich ob der Möglichkeit des Vettel-Rücktritts für den Fall der Fälle schon vor Wochen bei Alonso vorgefühlt hat. Doch dass Alpine nach der offiziellen Mitteilung von Aston Martin am Montag erst einmal 90 Minuten lang schwieg, ist durchaus ein Hinweis, dass sogar der Noch-Arbeitgeber von Alonsos Move überrascht wurde.

Warum wechselt Alonso zu Aston Martin?

Die grosse Frage, die sich stellt, lautet: Warum? Wieso wechselt Alonso zu einem Team, das 2021 und 2022 mit jemandem wie Vettel kaum ein Bein auf den Boden bekommen hat und in dieser Saison selbst mit den neu entwickelten Autos hart um Punkte kämpfen muss und von Siegen meilenweit entfernt ist? Was sieht Alonso in Aston Martin, was Vettel nicht gesehen hat?

Schliesslich waren die momentane Schwäche des Rennstalls inklusive der bescheidenen kurzfristigen sportlichen Aussichten mit ein Grund für Vettel, nach der Saison aufzuhören. Oder in Zahlen: Alpine steht mit Alonso und Esteban Ocon bei 99 Punkten und ist in der Konstrukteurs-WM Vierter. Vettel und Lance Stroll sammelten zusammen 20 Zähler – und sind damit Vorletzter. Ein Rückschritt für Alonso – oder?

"Ich habe immer noch den Hunger und den Ehrgeiz, um an der Spitze zu kämpfen - und ich möchte Teil einer Organisation sein, die sich dem Lernen, der Entwicklung und dem Erfolg verschrieben hat", erklärte Alonso nach der Verkündung. Bislang blieb dieser Erfolg aber aus.

Mehr Sicherheit bei Aston Martin

Ein wichtiger Grund für seinen Wechsel ist zunächst wohl die Vertragslaufzeit. Aston Martin spricht von einem mehrjährigen Kontrakt, angeblich sollen es zwei Jahre plus Option für ein drittes Jahr sein. Alpine wiederum soll ihm nur einen Einjahresvertrag mit Option für eine zweite Saison angeboten haben. Alonso wollte aber im Spätherbst seiner Karriere eine längerfristige Sicherheit.

Denn bei Alpine sass ihm Supertalent Oscar Piastri im Nacken, und was Altmeister Alonso sicher nicht wollte: Eine Ausbootung auf der Zielgerade seiner Karriere durch einen Fahrer, der mit seinen 21 Jahren sein Sohn sein könnte. Der frühere Formel-1-Pilot Marcus Ericsson nannte die Entscheidung auf Twitter deshalb sogar einen "Wechsel mit dem Mittelfinger in Richtung Alpine". Denn die Franzosen stehen nun erstmal ohne Zugpferd da, von den fahrerischen Qualitäten Alonsos ganz zu schweigen.

Wie schnell ist Alonso siegfähig?

Aber es geht nicht nur um einen Mittelfinger. Zweifel daran, dass er Aston Martin schneller als Vettel besser machen kann, hat Alonso sicher keine. Gleichzeitig wird unter Stroll Senior geklotzt, es werden Leute an Bord geholt wie zum Beispiel der ehemalige Red-Bull-Aerodynamikchef Dan Fallows, mit denen es nach vorne gehen soll. Auch die neue Mega-Fabrik in Silverstone soll dem Projekt Beine machen. Wie schnell das geht – Stand heute ist das unklar. Für Vettel war es zu unklar.

"Ich habe genau verfolgt, wie das Team systematisch tolle Leute verpflichten konnte, die bereits wissen, wie man gewinnt", sagte Alonso: "Und ich bin mir bewusst, mit welchem Einsatz man die neue Fabrik in Silverstone aufbaut. Keiner in der Formel 1 hat eine grössere Vision und ein grösseres Verlangen nach Siegen. Das macht es zu einer spannenden Aufgabe." Das Aston- Martin-Team setze viel Energie und Engagement ein, um Siege zu feiern, so Alonso: "Es ist deshalb momentan eines der aufregendsten Teams in der Formel 1."

Wie es sich für aufregende und aufstrebende Teams mit einem Milliardär an der Spitze gehört, dürfte auch das Geld eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben, um Alonso den Schritt schmackhaft zu machen. In gewisser Weise zockt der Spanier, geht bei seinen letzten Jahren in der Formel 1 All-in und setzt auf sich selbst als Ass im Ärmel. Ein bisschen verrückt. Wie die Silly Season.

Verwendete Quellen:

  • Pressemitteilung Aston Martin
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