Die zweite Saison in der zweiten Liga soll für den Hamburger SV im Aufstieg enden. Eine neue Leistungskultur und frisches Personal sollen dafür reichen. Aber mal wieder ist beim HSV alles auf Kante genäht.

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Wer wissen will, wie sehr sich der Hamburger SV im viel zitierten Umbruch befindet, dem sollten die letzten Wochen endgültig die Augen geöffnet haben.

Der Klub startet an diesem Sonntag mit zehn neuen Spielern, einem neuen Trainer, einem neuen Sportvorstand, ohne Bundesliga-Uhr und ohne Lotto King Karl auf der Hebebühne in eine Saison, die richtungweisend werden dürfte für die nahe Zukunft dieses einst so stolzen Klubs.

Vor ein paar Wochen lag der HSV nicht nur am Boden, sondern in Trümmern - was angesichts des ersten Abstiegs der Vereinsgeschichte ein Jahr zuvor eigentlich kaum noch zu unterbieten war.

Der HSV und seine Mannschaft hatten es trotzdem geschafft, Vorstandschef Bernd Hoffmann sprach damals vom "überflüssigsten Nicht-Aufstieg der Fussballgeschichte". Gemeint war Platz vier in der abgelaufenen Zweitliga-Saison, hinter vermeintlichen Aussenseitern wie Paderborn und dem FC Union.

Den Totalschaden konnten die Hamburger in ihrer ersten Saison im Unterhaus nicht reparieren, verschlissen mal wieder mehrere Trainer, auch Sportchef Ralf Becker überlebte die erneute Krise nicht.

Mit einem Gros an Spielern aus der ersten Liga wollte der HSV einfach so durch die zweite Liga marschieren, allein die (vermeintliche) Qualität des Personals und ein sehr eigenwilliger Spielstil des damaligen Trainer Christian Titz sollten reichen.

Schon am ersten Spieltag wurde die Milchmädchenrechnung beim ernüchternden 0:3 im Derby gegen Holstein Kiel demaskiert. Der HSV spulte aber munter weiter sein Pensum ab und wunderte sich am Ende tatsächlich, warum es nicht zum Aufstieg gereicht hatte.

Endlich Kontinuität und Ruhe

Nun soll endlich alles anders werden, und es gibt in der Tat ein paar Anhaltspunkte, die auf eine grundsätzliche Kehrtwende innerhalb des Klubs deuten.

Im Zentrum aller Überlegungen steht Dieter Hecking. Die Wahl des neuen Trainers soll nicht nur sportlichen Erfolg bringen, sondern auch als Signal der Kontinuität und Ruhe verstanden werden.

Keine Experimente mehr am offenen Herzen, der HSV hat sich einen der erfahrensten Trainer der deutschen Gilde geholt und mit ihm so etwas wie eine ganz neue Ernsthaftigkeit.

Vieles in den letzten Jahren war zu reiner Symbolpolitik verkommen. Die Bundesliga-Uhr zuvorderst, die nur noch wie ein Relikt wirkte und zuletzt mehr Anlass zu Hohn und Spott gab.

Früher war die Uhr mal identitätsstiftend, am Ende war sie nur noch lästig. In der letzten Saison zeigte sie nur noch die Zeit seit der Vereinsgründung an, jetzt die Koordinaten des Spielfeld-Mittelpunkts.

So ganz will man sich offenbar doch nicht von liebgewonnenen Traditionen trennen, zumindest nicht in diesem Fall.

Keine Symbolpolitik mehr

Immerhin hat die doch sehr überhebliche Stadionhymne von Lotto King Karl nicht überlebt, da hat der HSV einen klaren Schnitt gemacht.

Das hat nicht jedem Fan gefallen, auf die Befindlichkeiten der Eventies und der jüngeren Generation, die nichts anderes kennen als dieses Lied, konnte und wollte der HSV aber keine Rücksicht mehr nehmen. Der Fokus soll jetzt endlich wieder auf den sportlichen Dingen liegen.

"Wir möchten uns nicht weiter in erster Linie über Symbole definieren, sondern über das, was auf dem Platz stattfindet mit gutem Fussball und sehr viel Emotionen", sagte Klubchef Hoffmann der "Frankfurter Rundschau".

"Es hatte ja in der Vergangenheit der Eindruck entstehen können, uns seien Symbole wichtiger als unser Kerngeschäft." Und das bleibt nun einmal der Fussball.

Das Wort "Aufstieg" ist tabu

Der HSV ist dabei, mit Hecking und dem neuen Sportvorstand Jonas Boldt eine neue Kultur im Klub zu implementieren. Dazu gehört auch ein gewisses Understatement.

Grossspurig starteten Trainer und Spieler in die letzte Saison. Es verging kein Journalistengespräch oder ein Interview, in dem nicht offensiv das Wort "Aufstieg" fiel - ungefragt ausgesprochen von einem der Hamburger Protagonisten.

Nun soll die Konzentration auf dem Tagesgeschäft liegen, das viel zitierte "von Spiel zu Spiel denken" ist der neue Hamburger Katechismus.

Dem erfahrenen Cheftrainer Dieter Hecking fällt nach seinem Wechsel aus Gladbach zum HSV die Aufgabe zu, die Hamburger in der Saison 2019/20 aus der 2. Bundesliga zurück in die Bundesliga zu führen.

"Ich habe der Mannschaft gesagt: 'Ich nenne einmal das Wort Aufstieg und dann bis Mai nicht mehr'", erklärte der Trainer beim Trainingsauftakt. "Es nützt jetzt nichts, wenn wir jeden Tag mit dem Wort Aufstieg konfrontiert werden. Das bringt uns nicht weiter."

Das ist ein hehres Vorhaben, das ungeheuer nervig in der Umsetzung werden wird. Denn natürlich wird der HSV Woche für Woche mit dem grossen Ziel konfrontiert werden und ausweichen müssen. Weil etwas anderes als der Aufstieg für diesen Klub in dieser Lage gar nicht infrage kommt.

Einmalige Fluktuation

Gönner Klaus-Michael Kühne hat den Geldhahn (vorerst) endgültig zugedreht. Nun weiss man beim Edel-Fan ja nie, vielleicht fällt ihm morgen schon wieder eine andere, ziemlich gönnerhafte Strategie ein, und die Millionen fliessen doch wieder hoch an die Elbe. Aber im Moment kann sich der Hamburger SV nicht mehr auf Kühnes Alimente verlassen.

Trotzdem hat der Klub auf dem Transfermarkt zugeschlagen wie kein anderer Zweitligist. Fast zehn Millionen Euro wurden in elf neue Spieler investiert.

Elf andere wurden dagegen weggeschickt, unter anderem Douglas Santos zu Zenit St. Petersburg. Das brachte auf einen Schlag zwölf Millionen Euro. Aber auch andere gestandene Erstligaspieler mussten gehen: Pierre-Michel Lasogga oder Lewis Holtby - oder haben keine Chance mehr, wie Gotoku Sakai oder Christopher Moritz.

"Das ist eine Fluktuation, die, glaube ich, einmalig ist, die aber auch notwendig war. Jetzt müssen wir zusehen, dass die Rädchen ineinander greifen", sagt Hecking und nimmt sich damit selbst in die Pflicht.

Beim Coach selbst sind - wie bei den meisten neuen Spielern auch - im Vertrag sehr leistungsorientierte Klauseln eingearbeitet. Dafür sind die Sockelbeträge der Gehälter niedriger. Bei einem Aufstieg wären noch mehr als acht Millionen Euro an Boni und Prämien auszuzahlen - aber eben nur dann.

Diese neue Leistungskultur soll die Profis zum Laufen bringen. Die Zeit der gut dotierten Verträge soll vorbei sein, der HSV kein Selbstbedienungsladen mehr sein.

Dafür ist der Kader nun gespickt mit Spielern aus der zweiten Liga. Keine Holtbys, Lasoggas oder Santos' mehr, dafür David Kinsombi, Lukas Hinterseer, Tim Leiboldt, Ewerton, Daniel Heuer Fernandes, Jeremy Dudziak, Sonny Kittel und Jan Gyamehra - alle eingekauft von der direkten Konkurrenz aus Liga zwei.

Ausgerichtet auf diese eine Saison?

Die Hamburger wollen wieder mehr über das Kollektiv kommen, weniger mit den grossen Stars arbeiten. Dafür stellt sich Hecking in den Wind, der kommen wird.

Es wird Rückschläge geben, vielleicht schon am ersten Spieltag gegen Darmstadt. Gegen die fing damals mit einer 2:3-Niederlage (nach einer 2:0-Führung) der beispiellose Absturz an, der in der grossen Enttäuschung und dem Grossreinemachen endete. Die Kritiker lauern schon darauf, dass der HSV wieder auf die Nase fällt.

"Einen zusammengewürfelten Haufen" hat Kühne erkannt, der Kader dürfte insgesamt ebenso teuer sein wie der der Vor-Saison. Aber er wäre, einen Aufstieg vorausgesetzt, in dieser Konstellation kein Kader für die erste Liga. Und er wäre viel zu alt, um damit noch so etwas wie einen gewissen Wiederverkaufswert zu erzielen. Es ist mal wieder alles ziemlich auf Kante genäht beim Hamburger SV und auf diese eine Saison ausgelegt.

Der Aufstieg ist nach der ersten, leichtsinnig verpatzten Chance in der letzten Saison eigentlich alternativlos. Selbst der VfB Stuttgart oder Hannover 96 dürften weniger unter Druck stehen als der HSV.

Nur in der Bundesliga lassen sich auf Dauer die finanziellen Köcher stopfen, die den Klub schon seit Jahren belasten. Die zweite Liga wäre auf Dauer wohl der Todesstoss für den grossen Hamburger SV.

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Eurosport soll seine Fussball-Bundesliga-Rechte an den Streamingdienst DAZN verkaufen. Laut "Bild" soll der Deal bereits ab der kommenden Saison gelten. © ProSiebenSat.1