Zum ersten Mal seit Juni 2019 stand Almuth Schult wieder im Tor der Nationalelf. Ein wichtiger Schritt für sie persönlich – und eine Berufung mit Signalwirkung.

Mara Pfeiffer - FRÜF/Frauen reden über Fussball
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht von Mara Pfeiffer/FRÜF dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Manche Aufgaben sucht man sich weniger aus, als dass man in sie hineinwächst. So wirkt es bei Almuth Schult und ihrem Weg als Frau, aber eben auch: für Frauen im Fussball. Bis zu einem gewissen Punkt hat sich das organisch entwickelt. Und doch, die Entscheidung, Verantwortung ganz bewusst zu übernehmen und Türen aufzustossen, durch die nach ihr auch andere Frauen hindurchgehen können, ist irgendwann bewusst gefallen.

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Dafür hat sich die langjährige Torhüterin des VfL Wolfsburg, die ihr Privatleben sowohl schätzt als auch schützt, und die kein Interesse an einer Präsenz in den sozialen Medien hat, nach und nach auf immer mehr Öffentlichkeit eingelassen. Wer Themen setzen und Veränderung mit anstossen will, kann das eben nicht im Verborgenen tun. Plötzlich also war Schult präsent, um über jene Dinge zu reden, die ihr wichtig sind.

Wie ihre Entscheidung, als Spielerin in den Profifussball zurückzukehren, nachdem sie Mutter geworden ist. Ihr sei, hat die Torfrau immer wieder betont, bewusst, dass dieser Entschluss als revolutionär wahrgenommen werde. Für sie kam ein Karriereende aber nicht infrage und irgendwann auf dem Weg zu dieser Entscheidung muss ihr klargeworden sein, sie kann mit der Selbstverständlichkeit, die sie darüber empfindet, anderen Wege ebnen.

Wahlfreiheit: Die Job-Entscheidung als Mutter muss eine individuelle sein

Schult spricht deutlich über Beschränkungen, die es in der Gesellschaft zu durchbrechen gilt, über Chancenangleichung und den Mut zur Veränderung. Auch über Wahlfreiheit redet die 31-Jährige, der es wichtig ist, zu betonen: So, wie sie gerne die Chance wollte, weiterhin zu spielen, sollen andere die Möglichkeit haben, den Job mit einem Kind an den Nagel zu hängen. Die Entscheidung muss eine individuelle sein.

Für Mütter, die in den Leistungssport zurückwollen, ist der Weg beschwerlich. Die Strukturen sind darauf nicht ausgelegt und bei der Frage nach dem Warum erkannte die Keeperin schnell: Die Notwendigkeit von Veränderungen betrifft nicht nur Details, sondern das ganze System. So wurde sie Teil der Initiative "Fussball kann mehr", in der sie und ihre Mitstreiterinnen sich für Diversität, gerechte Bezahlung, Quoten in Gremien und generellen Wandel einsetzen.

"Wir neun kommen aus unterschiedlichen Bereichen des Fussballs und haben immer wieder festgestellt, dass wir mit den gleichen Dingen zu kämpfen haben, weil wir Frauen sind", erklärt Almuth Schult ihre Motivation. Es gehe darum, neue Wege zu finden und die so auf der Karte des Fussballs zu hinterlassen, dass andere nicht wieder von vorne anfangen müssen, sondern von den Vorreiterinnen profitieren können. Und wo sie schon dabei war, den Fussball von innen zu verändern, trat Schult bei der EM der Männer noch als Expertin auf. Für manche ein Affront, wie sie kopfschüttelnd erzählt. Doch Schult lässt sich längst nicht mehr beirren.

Mit zielstrebiger Entschlossenheit kehrte sie nach Verletzungs- und Babypause zurück ins Tor des VfL, bei der Nationalelf stand das jedoch lange aus. Eine starke Merle Frohms, die sich den Platz als Eins erkämpfte, Krankheit und Verletzungen warfen sie mehrfach zurück.

Bei der EM im Sommer warf Schult von der Bank aus alles rein und war ein wichtiger Faktor fürs Team, dass der entscheidende Schritt ins Tor aber weiter ausstand, machte ihr spürbar zu schaffen. Im Spiel der Nationalmannschaft gegen Bulgarien am Dienstag war es endlich so weit.

Unermessliche Signalwirkung für den Fussball

Almuth Schults Rückkehr zwischen die bedeutenden Pfosten ist nicht nur für sie persönlich wichtig, sondern hat auch unermessliche Signalwirkung. So emotional wie nach dem Spiel tritt die Keeperin, die inzwischen in die USA gewechselt ist, selten vor die Kamera. Es war eine Erlösung, die in grossen Wellen von ihr abrollte und alle mitriss, die ihr zusahen. Schult ist mit ihrem Kampf sowie den Widerständen, die sie überwinden musste, in all der Zeit offen umgegangen. Ihre Freude teilte sie nun ebenso selbstverständlich und dafür gebührt ihr Dank.

Hoffentlich verstehen die Verantwortlichen im Fussball hierzulande, was dieser Dienstagabend bedeutet. Nicht nur für Schult, sondern für den Fussball der Frauen, für Menschen, die Sport treiben und Eltern sein wollen, für Vereinbarkeit und das Gefühl, alles erreichen zu können. Es gilt, auf diesem enormen persönlichen Einsatz aufzubauen. Almuth Schult ist entschlossen vorangegangen. Nun müssen sich andere in die Verantwortung einbringen. Es ist an der Zeit.

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