Uli Hoeness umgarnt seinen Freund und Trainer mal wieder und baut neuerlich Druck auf Jupp Heynckes auf. Das Werben der Bayern um den 72-Jährigen nimmt teilweise groteske Züge an und es bleibt die Frage: Meinen die Bayern das ernst oder ist das alles nur ein grosses Ablenkungsmanöver?

Sind das noch Lobhudeleien? Heftige Avancen? Oder wird Jupp Heynckes vom FC Bayern schon genötigt? Sein Freund Uli Hoeness hat es schon wieder getan und sich bei nächstbester Gelegenheit und ungefragt öffentlich an Heynckes rangeschmissen.

Beim so genannten Ständehaus-Treffen in Düsseldorf ergriff der Patron am Montagabend die Chance, seinen leitenden Angestellten zu umgarnen; böse Zungen würden behaupten: um noch mehr Druck aufzubauen.

Hoeness hat eine Heynckes-Obsession

Hoeness dreht damit ein Rad weiter, das seit Wochen schon unaufhörlich zu kreisen scheint. Das Werben um den Trainer nehmen Beobachter seitdem mit einer Mischung aus Verständnis und Ungläubigkeit wahr.

Verständnis dafür, dass die Bayern einen der erfolgreichsten Trainer ihrer langen Klubgeschichte gerne noch weiter beschäftigen würden. Ungläubigkeit darüber, mit welcher Penetranz und offenkundiger Alternativlosigkeit ein Welt-Klub wie die Bayern um die Dienste eines - mit Verlaub - 72-Jährigen feilschen.

Das Geschacher um Heynckes, das ewig gleiche Spielchen mit Aktion und Reaktion, nimmt mittlerweile schon groteske Züge an und man fragt sich, was genau die Bayern damit eigentlich bezwecken. Der Versuch einer Einordnung.

Jupp Heynckes will nach dieser Saison in seinen zweiten Ruhestand, die Bayern wollen ihn unbedingt halten. Dem "Freundschaftsdienst" soll mindestens noch eine Saison angehängt werden.

Heynckes soll jetzt nicht nur diese Saison zu einem guten Ende führen, sondern auch den Umbau der Mannschaft vorantreiben.

"Wir versuchen, ihm zu vermitteln, dass seine Mission bei den Bayern noch nicht zu Ende ist", sagte Hoeness am Montag in Düsseldorf. "Jupp soll die Übergangsphase von den älteren zu den jungen Spielern schaffen."

Auch Rummenigge singt das Heynckes-Lied

Hoeness war und ist die treibende Kraft. Zwar betont der Bayern-Präsident immer wieder, dass Heynckes auch ein enger Freund sei, von ihm persönlich und vom FC Bayern - und lässt dann doch keine Gelegenheit aus, diesen Freund öffentlich und wissentlich unter Druck zu setzen.

Mittlerweile trägt auch Karl-Heinz Rummenigge Hoeness' Strategie mit.

"Bei uns gibt es die grosse Charmeoffensive von Uli Hoeness. und wenn ich ehrlich bin, unterstütze ich die total", sagte Rummenigge vor wenigen Tagen bei "Sky".

"Wir wären schlecht beraten, wenn wir diesen Mann, der nicht nur ein guter Trainer ist, sondern auch ein guter Mensch, ohne Weiteres kampflos aufgeben würden. Das werden wir auch nicht tun."

Heynckes sei "ein Traum", "ein Glücksfall" für den FC Bayern, gerade in dieser Saison, die mit Carlo Ancelotti so holprig begonnen hatte.

"Wir brauchen uns gar nicht mehr um die Umkleide kümmern, dabei mussten wir das früher stundenlang machen. Jupp ist der, der das moderne Management integriert ins Menschsein", sagt Hoeness.

Penetrantes Anbiedern?

Das Werben der Bayern steht in der öffentlichen Wahrnehmung zwischen einem fragwürdigen Anbiedern und einer konsequenten Hartnäckigkeit. Wie die interne Kommunikation ist, das wissen nur die Beteiligten.

Dass es aber eine derart grosse öffentliche Debatte gibt - und zwar im Zwei-Wochen-Rhythmus - ist für einen Klub wie den FC Bayern zumindest aussergewöhnlich.

Für Heynckes bedeutet der neuerliche Hoeness-Vorstoss jetzt wieder dieselbe Prozedur, die er schon in den letzten Monaten zur Genüge durchmachen musste.

Heynckes wird auf Hoeness' Äusserungen angesprochen werden, er wird seinen Standpunkt nochmals erläutern und gleich verärgert jeden weiteren Kommentar verweigern und auf das verweisen, was er gefühlt schon hundertfach erzählt hat.

Das Medienthema bleibt somit ein Medienthema. Ob sich Bayerns Chancen dadurch erhöhen, darf man zumindest bezweifeln. Er habe noch "ein bisschen Hoffnung, dass der Jupp bleibt", sagt Hoeness.

Die Bayern halten ein Thema am Köcheln, das der Rekordmeister jahrzehntelang intern geregelt und nicht in aller Öffentlichkeit ausgebreitet hatte.

Trainer-Diskussion demonstrativ öffentlich

Das ewige Aktion-Reaktion-Spiel wirkt irgendwann auch nur noch albern, trotzdem bleibt gerade Hoeness bei seiner Strategie, immer wieder Öl ins Feuer zu giessen. Warum er dafür permanent den Weg über die Öffentlichkeit sucht, ist schwer zu erklären.

Die zur Schau gestellte Komödie könnte aber auch einen ganz anderen Hintergrund haben.

In den letzten Jahren ist es den Bayern gleich doppelt gelungen, in der Trainerfrage einen ganz grossen Coup zu landen. Die Ankündigung der Verpflichtung von Pep Guardiola im Januar 2013 kam wie aus dem Nichts.

Die Bayern arbeiteten ruhig im Hintergrund, hielten die Schotten dicht und kamen dann mit Guardiola um die Ecke. Die Medien waren aussen vor, der Rekordmeister tütete den Deal absolut geräuschlos ein.

Allerdings hatten die Bayern damals auch den Vorteil, dass nicht alle Welt wusste: Für den Sommer wird zwingend ein neuer Trainer gesucht. Mit Jürgen Klinsmann war das wenige Jahre zuvor ähnlich.

Unbemerkt fädelten die Bosse das damals sensationelle Geschäft ein, die Medien bekamen keinen Wind davon.

Das wird in der momentanen Situation nicht zu schaffen sein. Jede kleine Regung von Hoeness und Rummenigge, sogar von Sportdirektor Hasan Salihamidzic, wird registriert und interpretiert. Da bietet es sich fast schon an, einen öffentlichen Nebenkriegsschauplatz zu eröffnen und ein wenig abzulenken.

Bayern lassen Lederhosen runter: Kein Plan B!

Zum Beispiel mit einer dauerhaft befeuerten Heynckes-Debatte. "Ich hoffe, ihn davon überzeugen zu können, noch ein Jahr zu bleiben. Es gibt keinen Plan B!", sagte Hoeness jetzt.

Das ist in der Klarheit neu, dass die Bayern sich intern angeblich nur auf Heynckes als Heynckes-Nachfolger festgelegt hätten.

Das kann man glauben. Für einen Profi-Klub wäre ein Vorgehen dieser Art aber sehr ungewöhnlich. Alles auf eine Karte zu setzen, ohne eine Alternative in der Hinterhand - das können sich auch die Bayern kaum leisten.

Es mehren sich die Vermutungen, dass die Bayern im Hintergrund längst an einer anderen Lösung arbeiten und die Heynckes-Saga nur vorschieben.

Das wäre aus strategischer Sicht sinnvoll. Mit einem Freund geht man so aber eigentlich nicht um.