Der Fussball pausiert derzeit wegen des Coronavirus. Das eröffnet die Möglichkeit, sich etwas genauer mit dem Regelwerk auseinanderzusetzen. Unser Autor bildet seit über 20 Jahren Schiedsrichter aus und coacht sie auch auf DFB-Ebene. Während die Bundesliga ruht, wird er einige Regeln näher beleuchten. Heute und in der nächsten Woche geht es um das Herzstück der Spielregeln, die Regel 12.

Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht von Alex Feuerherdt dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Siebzehn Regeln umfasst das Regelwerk des Fussballs, das mit Festlegungen zum Spielfeld beginnt und mit Bestimmungen zum Eckstoss endet. Niedergeschrieben ist es im offiziellen Regelheft des International Football Association Board (Ifab), das noch ergänzt wird durch einführende Hinweise, das Protokoll für Spiele mit Video-Assistenten, eine Zusammenfassung der jüngsten Regeländerungen, ein Glossar und einen praktischen Leitfaden für die Schiedsrichter und ihre Assistenten.

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Das Herzstück der Spielregeln ist die Regel 12, die "Fouls und unsportliches Betragen" heisst. In ihr geht es darum, wann es einen direkten Freistoss gibt, wann einen indirekten Freistoss und wann einen Strafstoss.

Ausserdem definiert sie, was überhaupt ein Foul ist und wann ein Handspiel geahndet werden muss. Weiterhin legt sie fest, für welche Vergehen eine Gelbe und für welche eine Rote Karte fällig wird.

Wer schon einmal einen Schiedsrichterlehrgang absolviert hat, weiss: Auf die Regel 12 wird das grösste Gewicht gelegt, sie wird am ausführlichsten erklärt. Denn in ihr werden nicht nur diejenigen Verstösse behandelt, die am häufigsten geschehen, sondern auch die disziplinarischen Mittel des Schiedsrichters erläutert. Das heisst: Die Regel 12 beinhaltet einige der wichtigsten Grundlagen für die Spielleitung des Unparteiischen.

Fahrlässig, rücksichtslos oder übermässig hart?

Zu diesen Grundlagen gehört die Unterscheidung, welche Vergehen zu einem direkten Freistoss führen, aus dem ein Tor direkt erzielt werden kann, und welche zu einem indirekten Freistoss, bei dem das nicht möglich ist. Etwas verkürzt gesagt kann man festhalten, dass physische Vergehen und strafbare Handspiele einen direkten Freistoss – und im Strafraum einen Strafstoss – nach sich ziehen, Verstösse ohne Körperkontakt dagegen einen indirekten Freistoss, übrigens auch im Sechzehnmeterraum.

Die physischen Vergehen sind von den Regelhütern in zwei Gruppen unterteilt worden. Die erste Gruppe umfasst Handlungen, die geahndet werden, wenn sie entweder fahrlässig oder rücksichtslos oder übermässig hart gegenüber einem gegnerischen Spieler begangen werden. Der Schiedsrichter gibt dann in jedem Fall einen direkten Freistoss – und spricht je nach Schwere auch eine persönliche Strafe aus:

  • "Fahrlässig" bedeutet, dass ein Spieler unachtsam, unbesonnen oder unvorsichtig in einen Zweikampf geht. Eine Karte wird dafür nicht gezeigt.
  • "Rücksichtslos" bedeutet, dass ein Spieler die Gefahr oder die Folgen für einen Gegner ausser Acht lässt. Ein solches Vergehen zieht eine Verwarnung nach sich.
  • "Übermässig hart" bedeutet, dass ein Spieler mehr Kraft einsetzt als nötig oder dass er die Gesundheit eines Gegners durch eine brutale Spielweise gefährdet. Ein solches Vergehen wird mit einem Feldverweis geahndet.

Welche Vergehen zu den Fouls zählen

Zu den Vergehen dieser ersten Gruppe zählen:

  • Rempeln
  • Anspringen
  • Treten
  • Stossen
  • Schlagen (einschliesslich Kopfstössen)
  • Tackling mit dem Fuss oder Angriff mit einem anderen Körperteil
  • Beinstellen

Beim Treten, Schlagen und Beinstellen ist bereits der Versuch strafbar, der deshalb genauso zu einem direkten Freistoss führt wie die Vollendung. Zur zweiten Gruppe der physischen Vergehen gehören – neben strafbaren Handspielen – diejenigen, bei denen in jedem Fall ein Vorsatz gegeben ist und so etwas wie Fahrlässigkeit ausscheidet:

  • Halten
  • Sperren mit Körperkontakt
  • Beissen und Anspucken
  • Werfen eines Gegenstandes

Ob es neben dem direkten Freistoss auch eine persönliche Strafe gibt, hängt vom Verstoss ab: Das Beissen und das Anspucken führen immer zu einem Feldverweis, das Werfen eines Gegenstandes auf Ball, Gegner oder Schiedsrichter je nach Heftigkeit oder unsportlichem Charakter zu einer Gelben oder Roten Karte. Halten und Sperren ziehen nicht zwingend eine Karte nach sich, wenn nicht ein aussichtsreicher Angriff oder gar eine klare Torchance des Gegners vereitelt wird.

Auf Freistoss wird nur bei Vergehen im laufenden Spiel entschieden

Damit ist festgelegt, was überhaupt zu den Fouls zählt. Weitere Vergehen, die in der Regel 12 nicht explizit erwähnt, aber geahndet werden, sind gewissermassen mitgemeint: Das Ziehen am Trikot beispielsweise fällt unter das Halten, das Schubsen unter das Stossen. Wesentlich ist: Absicht stellt kein Kriterium für ein Foul dar, auch das versehentliche Zufallbringen eines Gegners ist strafbar, etwa wenn es fahrlässig geschieht.

Wichtig ist auch: Auf Freistoss oder Strafstoss kann der Schiedsrichter nur entscheiden, wenn sich das Vergehen bei laufendem Spiel ereignet hat. Ist die Partie dagegen unterbrochen, etwa weil der Ball ins Seiten- oder Toraus gerollt ist, dann kann ein Vergehen zwar zu einer Gelben oder Roten Karte führen. Aber das Spiel wird anschliessend so fortgesetzt, wie es auch ohne das Vergehen der Fall gewesen wäre.

An welcher Stelle es den direkten Freistoss gibt, hängt nicht davon ab, wo sich der Ball im Moment des Vergehens befand, sondern davon, wo das Vergehen stattgefunden hat, genauer gesagt: wo es zum Kontakt gekommen ist. Um ein Beispiel zu konstruieren: Wenn der Torwart im eigenen Strafraum einen Angreifer schlägt, während der Ball im Mittelfeld gespielt wird, gibt es neben der Roten Karte auch einen Elfmeter.

Woran sich das Ermessen des Schiedsrichters orientiert

Was in der Theorie schlüssig und einfach klingt, ist in der Praxis nicht immer so leicht umzusetzen. Denn Fussball ist eine Kontaktsportart, und das bedeutet: Nicht jeder Körperkontakt ist strafbar. Es obliegt dem Referee zu entscheiden, wann die Grenzen des Zulässigen überschritten sind.

Bei seiner Beurteilung muss er sich dabei an verschiedenen Fragen orientieren: Galt der Körpereinsatz in erster Linie dem Ball oder dem Gegner? Wurde der Ball klar und deutlich getroffen? Ist der Kontakt ursächlich dafür, dass der Gegenspieler zu Fall gekommen ist? Es liegt in der Natur der Sache, dass es hier einen grossen Graubereich gibt und das Ermessen des Schiedsrichters gefragt ist.

Protest und "hohes Bein": Wann ein Freistoss indirekt ist

Vergehen ohne Körperkontakt wiederum führen zu einem indirekten Freistoss, der sich vom direkten darin unterscheidet, dass aus ihm kein Tor direkt erzielt werden kann, das heisst: Ausser dem Schützen muss ein weiterer Spieler den Ball berührt haben, damit ein Treffer zählt. Ein indirekter Freistoss wird beispielsweise bei gefährlichem Spiel verhängt, das heisst: Beim Versuch, den Ball zu spielen, gefährdet der betreffende Spieler einen Gegner oder sich selbst.

Der Gegner wird dabei zwar nicht getroffen, aber am Spielen des Balles gehindert, weil er aus Angst, sich selbst oder seinen Gegenspieler zu verletzen, zurückzieht. Ein typisches Beispiel dafür ist das "hohe Bein", bei dem der Gegner ausweicht, um nicht getroffen zu werden. Kommt es in einer solchen Situation aber doch zu einem Kontakt, wird aus dem gefährlichen Spiel ein Foul und aus dem indirekten Freistoss ein direkter.

Einen indirekten Freistoss gibt es ausserdem unter anderem bei diesen Regelübertretungen:

  • Verbale oder gestische Vergehen während des laufenden Spiels, also etwa übermässiger Protest, beleidigende Äusserungen, heftiges Abwinken oder anstössige Handzeichen.
  • Behinderung des Torwarts beim Abschlag oder Abwurf.
  • Behinderung eines Gegners ohne Körperkontakt, wenn der Ball nicht spielbar ist, zum Beispiel in Form des Auflaufenlassens.
  • Der Torwart berührt den Ball erneut mit der Hand, nachdem er ihn freigegeben hat und bevor die Kugel von einem anderen Spieler berührt wurde.
  • Der Torwart berührt mit der Hand den Ball, den ihm ein Mitspieler mit dem Fuss absichtlich zugespielt oder bei einem Einwurf zugeworfen hat.
  • Der Torwart kontrolliert den Ball länger als sechs Sekunden mit den Händen, bevor er ihn freigibt. Bei dieser Regelung sind die Schiedsrichter allerdings äusserst nachsichtig, was jedoch auf allgemeine Akzeptanz stösst.

Dass die Verstösse des Torwarts einen indirekten Freistoss zur Folge haben, hat einen simplen Grund. Prinzipiell darf er den Ball in seinem Strafraum bekanntlich mit der Hand spielen.

Davon ausgenommen sind jedoch Situationen, in denen das der Spielverzögerung dienen könnte, das heisst: in denen der Keeper sein Sonderrecht missbraucht. Das mit einem Elfmeter zu bestrafen wie ein "klassisches" Handspiel, hielten die Regelhüter jedoch für unangemessen.

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Im zweiten Teil zur Regel 12 geht es um die disziplinarischen Massnahmen des Schiedsrichters, das heisst: um die Gelbe und die Rote Karte. Wann wird eine Verwarnung fällig, wann ein Feldverweis? Und wer kann diese Karten überhaupt bekommen?

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