Der abstiegsbedrohte Bundesligist FC Schalke 04 verliert in letzter Sekunde durch einen Strafstoss und gibt dem Schiedsrichter die Schuld daran. Zu Unrecht und in einer nicht akzeptablen Art und Weise. Der Klub kann froh sein, keine Sperren befürchten zu müssen.

Alex Feuerherdt
Eine Kolumne
von Alex Feuerherdt, Schiedsrichter-Coach und freier Publizist

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Dass sein 68. Einsatz als Schiedsrichter in der Fussball-Bundesliga einer seiner anstrengendsten und schwierigsten war, dürfte keine sonderlich gewagte Behauptung sein: Sascha Stegemann wird die Begegnung zwischen dem FC Schalke 04 und Eintracht Frankfurt (1:2) vermutlich nicht so schnell vergessen.

Insbesondere bei zwei stark umstrittenen Entscheidungen unter Beteiligung des Video-Assistenten, die zweite davon in der Nachspielzeit und von entscheidendem Charakter, stand der 34-Jährige ungewollt im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Ausserdem bedrängten ihn die Gastgeber nach dem Schlusspfiff stark, und schliesslich wollten auch noch die Medien eine Erklärung von ihm hören. Man braucht als Unparteiischer schon starke Nerven, um ein solch unerfreuliches Erlebnis zu verarbeiten.

Schalke gegen Frankfurt: Nach 30 Minuten muss es Elfmeter geben

Die erste strittige Szene trug sich nach rund 30 Minuten zu: Dem Schalker Jeffrey Bruma missriet ein Klärungsversuch, im Nachsetzen hielt er Ante Rebic im eigenen Strafraum erst kurz von hinten an der Schulter und traf ihn anschliessend beim Weiterlaufen im Beinbereich.

Der Frankfurter ging daraufhin zu Boden. Stegemann liess jedoch weiterspielen, woraufhin der Video-Assistent Martin Petersen eingriff. Es kam zum Review an der Seitenlinie, das den Referee gleichwohl nicht dazu brachte, einen Strafstoss zu geben.

Er habe "keine Divergenz zwischen meiner Meinung auf dem Spielfeld und dem Bildmaterial" erkennen können, sagte er nach dem Spiel. Daher sei er bei seiner Entscheidung geblieben, die er als "Entscheidung im Ermessensbereich" und als "Graubereichs-Entscheidung" bezeichnete.

Knacks statt Mutmacher. Nach der Lehrstunde beim FC Bayern liegen die Dortmunder am Boden. Das deuten viele Beobachter als Vorentscheidung im Titelkampf. Kann sich das Team von Trainer Lucien Favre von diesem empfindlichen Rückschlag erholen?

Ein Blick auf den Monitor - und es gibt Elfmeter

Nach Einschätzung des Schiedsrichters war Brumas Einsatz also nicht verantwortlich dafür, dass Rebic stürzte. Diese Bewertung muss man zumindest in Zweifel ziehen.

Denn dass Rebic fiel, lag wesentlich daran, dass Bruma seinen linken Unterschenkel getroffen hatte, wodurch der Frankfurter sich selbst ein Bein stellte.

Anders war Stegemanns Entscheidung, als er in der fünften Minute der Nachspielzeit ein zweites Mal an den Monitor am Spielfeldrand eilte. Anlass war ein Handspiel des Schalkers Daniel Caligiuri im eigenen Strafraum, das nicht zu einem Elfmeterpfiff geführt hatte.

Für ihn sei "im Eifer des Gefechts und im Gewühl nicht klar erkennbar" gewesen, wie weit die Hand vom Körper entfernt gewesen sei und ob Caligiuri den Arm aktiv in die Flugbahn des Balles bewegt habe, sagte der Referee.

Das Review zeigte: Caligiuri hatte den Ball mit ausgestrecktem Arm aufgehalten. "Nach den geltenden Auslegungsgrundsätzen ist das ein strafbares Handspiel", begründete Sascha Stegemann seinen Entschluss, doch noch auf Strafstoss zu entscheiden.

Schalke 04: Dieses Verhalten ist nicht hinzunehmen

Die Schalker hielten dagegen: Caligiuri sei unmittelbar zuvor von David Abraham geschubst worden, nur deshalb sei es zu dem Handspiel gekommen, sagten sie. Der Schiedsrichter hielt den Körpereinsatz des Frankfurter Kapitäns jedoch für "fussballtypisch" und sah deshalb keine Veranlassung, "das strafbare Handspiel aufzuheben".

Eine nachvollziehbare Einschätzung, zumal Caligiuri selbst zuerst versucht hatte, Abraham mit dem Arm aufzuhalten, und seine Armbewegung ausserdem keine erkennbare Folge davon war, dass Abraham ihn beiseitegeschoben hatte.

Den Elfmeter verwandelte Luka Jovic in der neunten Minute der Nachspielzeit zum 2:1-Siegtreffer für die Eintracht. Danach brachen bei den Schalkern alle Dämme. Hatten sie den Unparteiischen schon nach der Elfmeterentscheidung bedrängt, so machten sie für ihn den Gang in die Kabine zu einem regelrechten Spiessrutenlaufen.

Stevens schickt die Spieler weg, um sich selbst den Schiri vorzuknöpfen

Der Schalker Trainer Huub Stevens schickte seine Spieler zwar schliesslich weg, aber nur, um sich anschliessend selbst schimpfend den Referee vorzuknöpfen.

Ein solches Verhalten wäre – bei allem Verständnis für Emotionen im Abstiegskampf, zumal nach einer Niederlage durch ein Elfmetertor in letzter Sekunde – selbst bei einer Fehlentscheidung nicht hinzunehmen gewesen.

So aber war es sogar noch befremdlicher; es war erschreckend und inakzeptabel, was sich der Schiedsrichter nach einer berechtigten Korrektur bieten lassen musste. Umso beachtlicher ist es, dass Sascha Stegemann später dennoch vor die Medien trat, um seine Entscheidungsfindung zu erläutern.

Schuld ist immer der Schiedsrichter...

Die Schalker, die grosses Glück hatten, dass es nicht schon nach dem ersten Review einen Elfmeter gegen sie gab, können überdies dankbar sein, dass der Unparteiische über ihre verbalen Ausfälle nach dem Spiel hinweghörte.

Ansonsten hätte sich zu der Niederlage auch noch die eine oder andere Sperre gesellt.

Unwürdig mutet das Verhalten von Trainer Stevens an, der sich – wie sein Hannoveraner Kollege Thomas Doll vor drei Wochen – nicht unter Kontrolle hatte. Den Grund für einen Misserfolg den Referees in die Schuhe zu schieben und damit von der eigenen Verantwortung abzulenken, ist eine alte Masche. Aber immer noch so ärgerlich und durchschaubar wie eh und je.

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