Der Schiedsrichter hatte beim Spiel der Mönchengladbacher in Frankfurt viel Arbeit. Die Gäste regten sich vor allem darüber auf, dass der Video-Assistent nicht eingriff, als nach einem Fehler des Unparteiischen ein Tor für die Gastgeber fiel. Doch nach den Regularien waren dem VAR die Hände gebunden.

Alex Feuerherdt, Schiedsrichter
Eine Kolumne
von Alex Feuerherdt
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Christoph Kramer ist keiner, der schnell aus der Ruhe zu bringen ist, auch nicht durch strittige Entscheidungen des Schiedsrichters. Nach dem 3:3 seiner Borussia aus Mönchengladbach bei Eintracht Frankfurt aber war der Weltmeister von 2014 sichtlich und hörbar verärgert.

"Das ist eine ganz klare Fehlentscheidung", sagte er im Interview des Senders Sky zu jener Szene, die dem Tor zum 2:1 für die Eintracht vorausging. Mehr noch: "Ich finde es eine Katastrophe."

In der fraglichen Situation hatte der Frankfurter Kapitän David Abraham kurz vor dem eigenen Strafraum einen Freistoss schnell ausgeführt, obwohl der Ball noch nicht ruhte. Doch statt eine Wiederholung anzuordnen, liess Schiedsrichter Benjamin Cortus weiterspielen.

Keine Wiederholung, obwohl der Ball noch rollte

Es kam, wie es kommen musste: Frankfurt spielte schnell und direkt, Aymen Barkok passte den Ball steil zu André Silva, der seinen zweiten Treffer an diesem Abend markierte. Kramer und Lars Stindl beschwerten sich bei Cortus, auch Trainer Marco Rose protestierte.

"Mir wurde die Szene zwei Millionen Mal in meiner Karriere abgepfiffen, bei uns hören zwei Spieler auf zu laufen", zürnte Kramer. Doch warum liess der Schiedsrichter den Freistoss nicht wiederholen? Und weshalb griff der Video-Assistent hier nicht ein?

Anscheinend hatte weder der Unparteiische noch einer seiner Assistenten oder der Vierte Offizielle wahrgenommen, dass der Ball bei der Ausführung noch rollte. Eine andere Erklärung dürfte es nicht geben, denn ein Ermessensspielraum existiert nicht.

Im Regelwerk heisst es vielmehr unzweideutig: "Der Ball muss ruhig am Boden liegen." Selbst wenn er sich nur minimal bewegt, muss es eine Wiederholung geben. Doch obwohl hier in der Folge ein Tor fiel, durfte der VAR den Unparteiischen nicht auf sein Versäumnis hinweisen.

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Warum der VAR nicht intervenieren durfte

Das klingt überraschend, doch so ist es in den Regularien festgelegt. Im Handbuch des International Football Association Board (Ifab) für die Video-Assistenten heisst es: "Im Allgemeinen werden fehlerhaft ausgeführte Spielfortsetzungen – beispielsweise ein Freistoss, bei dem der Ball nicht geruht hat, oder ein falscher Einwurf – nicht überprüft."

Denn zum einen handle es sich dabei um Entscheidungen, die nicht spielverändernd seien und vom Schiedsrichter selbst erkannt werden sollten. Zum anderen, so das Ifab, "würde es den Fussball zerstören, wenn ausnahmslos jeder potenzielle Fehler, der zu einem Tor oder Strafstoss führen könnte, überprüft werden würde".

Schliesslich wäre das Spiel dann noch häufiger unterbrochen, damit sich erst der VAR und danach der Schiedsrichter ein Bild machen können. Der Spielfluss würde dadurch gehemmt.

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Kramer: "Absoluter Wahnsinn"

Deshalb hat das Ifab festgelegt, dass bei Freistössen, Eckstössen, Einwürfen und Abstössen weder die Berechtigung noch die Art und Weise der Ausführung überprüft wird. Nur beim Strafstoss schaut der VAR genauer hin.

Grundsätzlich ist dieser Ansatz zweifellos sinnvoll. Im Einzelfall kann er aber auch schon für Kopfschütteln sorgen – wie bei Christoph Kramer, der es für "absoluten Wahnsinn" hielt, dass der Video-Assistent zur Untätigkeit verdammt war.

In der Tat ist es schwer zu verstehen, warum beispielsweise ein nicht geahndetes eindeutiges Foul bei der Balleroberung im Falle einer kurz darauf erfolgenden Torerzielung zu einer Review-Empfehlung des VAR führen würde, dieser aber nicht eingreifen darf, wenn der Ball bei der Freistossausführung nicht geruht hat.

Erst der dritte Frankfurter stoppte Embolo

Nicht nur in dieser Szene stand Benjamin Cortus in der Kritik, und tatsächlich wirkte der 39-Jährige manchmal unglücklich in seinen Entscheidungen. Die Spieler erschwerten ihm die Arbeit teilweise aber auch.

So wie in der 80. Minute, als der Gladbacher Breel Embolo sich erst mit einem Körpereinsatz am Rande des Erlaubten gegen Sebastian Rode durchsetzte, bevor gleich drei Frankfurter ihn nacheinander mit unfairen Mitteln zu stoppen versuchten.

Erst dem dritten Spieler der Eintracht, David Abraham, gelang das. Daraufhin entstand eine Rudelbildung, bei der Rode gegen Embolo stänkerte, was dieser mit einem kräftigen Schubser beantwortete, durch den Rode zu Boden ging.

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Eine Rudelbildung, drei Karten

Der Schiedsrichter behielt die Nerven und den Überblick. Der bereits verwarnte Abraham bekam Gelb-Rot, was vertretbar war. Zwar war sein Einsatz nicht hart, aber ausschliesslich gegnerorientiert, er liess keinerlei Interesse am Ball erkennen und beendete einen aussichtsreichen Angriff der Gäste.

Embolo und Rode sahen jeweils Gelb. Damit war der Gladbacher gut bedient, schliesslich war seine Handgreiflichkeit an der Grenze zur Tätlichkeit. Für den Frankfurter dagegen war die Verwarnung eine vergleichsweise harte Entscheidung.

Eine Differenzierung im Strafmass wäre hier sinnvoller gewesen. Wobei die Rote Karte für Embolo und die Gelbe Karte für Rode genauso möglich gewesen wären wie Gelb für den einen und keine persönliche Strafe für den anderen.

Korrekte Elfmeterentscheidungen

Absolut richtig lag der Unparteiische dagegen bei beiden Elfmeterentscheidungen: Das Handspiel von Stefan Lainer nach 21 Minuten war unzweifelhaft ahndungswürdig, denn der Gladbacher hatte den Arm deutlich erhoben und damit seine Körperfläche vergrössert.

Auch der Strafstoss für die Gäste wenige Minuten vor dem Abpfiff hatte seine Berechtigung. Denn Barkok hatte in der Schussbewegung seinen Kontrahenten Embolo, der ihm den Ball weggespitzelt hatte, klar am Fuss getroffen.

Ein weiterer Strafstoss für die Eintracht wurde auf Intervention des VAR in der 78. Minute in einen Freistoss umgewandelt, weil sich das Foulspiel von Denis Zakaria an Dominik Kohr knapp ausserhalb des Strafraums zugetragen hatte.

Kramer profitierte in einer ähnlichen Situation

Am Ende dürfte auch Christoph Kramer nach der Aufholjagd seines Teams mit dem Punkt zufrieden gewesen sein, trotz seiner Verärgerung über den Referee. Übrigens hatte er selbst schon einmal in einer vergleichbaren Situation davon profitiert, dass der Schiedsrichter nicht genau hingesehen hatte.

Am ersten Spieltag der Saison 2016/17 war das, als Kramer in der Begegnung gegen Bayer 04 Leverkusen in der Nachspielzeit der ersten Hälfte einen Freistoss schnell ausführte, obwohl der Ball sich noch bewegte. Der Unparteiische hatte keinen Einwand. Gladbach traf in dieser Szene zum 1:0 – und gewann am Ende mit 2:1.

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